Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 49 (3.12.1909)
- Date
- 1909-12-03
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3020846-3021818-3021868--18834-3043784- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 4V Dr. Blochs Wochenschrift. Sette 839 unseres Kreises bestimmenden Einfluß auf die Kultusgemeinde und ihre innere Verwaltung genommen hat. Der allzufrüh Dahingeschiedene, Theodor Ritter von Tauffig, ist am Freitag zur letzten Ruhe bestattet worden.. Mit jenen Ehren, die ihm gebührten, und unter der seinem vielseitigen, hervorragenden öffentlichen Wirken entsprechenden Teilnahme weiter Kreise. Hier an dieser Stätte wollen wir seiner im Interesse unserer Kultusgemeinde tief eingreifenden Tätigkeit gedenken. Lange Jahre, ehe er in unseren Vorstand eintrat, im Jahre 1895, nahm er an Beratungen teil, welche, hier in diesem Saale stattfindend, der Errichtung eines neuen Monumentaltempels in der Innern Stadt galten. Hervorragendste Mitglieder unserer Kultusgemeinde beschäftigten sich mit dieser Frage. Auch Theodor von Tausfig zeigte sich bereitwillig, an der Realisierung dieses Projektes mitzuwirken, und er stimmte auch später, als er Mitglied des Vorstandes war, so oft ein solches Projekt in Frage kam, der Idee zu, daß die Errichtung eines Tempels in der Innern Stadt, welchen er als Repräsentationstempel der israelitischen Kultusgemeinde bezeichnte, geboten sei. Als zu Ende 1900 mein unvergeßlicher Vorgänger im Präsidium die Regelung der finanziellen Verhältniffe unserer Gemeinde in Angriff nahm und zu diesem Behufe eine Notablenversammlung einberief, da war es Ritter von Tausfig, welcher fich an dem geplanten Werke eifrigst beteiligte und den Weg wies, auf welchem die Sanierung der finanziellen Verhältniffe zu erreichen sei. Vom Jahre 1901 bis zum Jahre 1906 gehörte er dem Vorstande und dem Vertreterkollegium an. Unmittelbar nach seinem Eintritte beschäftigte er fich im Vereine mit unserem Kollegen Hofrat Rappaport mit der Reorganisation der inneren Verwaltung und in kurzer Zeit wurden damals die noch heute geltenden geänderten Statuten samt Geschäftsordnung durchgeführt. Allen bedeutenderen, aber auch den anscheinend geringeren Angelegenheiten wendete er seine Aufmerksamkeit zu und Sie waren ja Zeuge, in welch lebendiger und immer zutreffender Weise er in unsere Debatte eingriff. Als besonders bezeichnend muß ich die Tatsache hervorheben, daß er in allen Angelegenheiten religiösen oder rituellen Charakters, die den Kultusvorstand beschäftigten, fich stets der konservativeren Richtung zuneigte und in diesem Sinne das Wort führte. Ich möchte dies als ausnahmslos hinstellen, da mir eine entgegengesetzte Erfahrung in keinem einzigen Falle erinnerlich ist. Es zeigte fich hierin sein richtiges Verständnis für die Aufgaben, welche dem Vorstande einer jüdischen Kultusgemeinde obliegen. Er hatte die Auffassung, daß der Bestand, die Zukunft unserer Kultusgemeinde und vermöge ihrer hervorragenden Stellung des Judentums dadurch gesichert werde, daß die konservativere Richtung zur Geltung gelange oder zumindest derselben die volle und freie Duldung und Förderung gewährt werde. Dies war im allgemeinen die Richtung seiner Tätigkeit und so hat er, wenn die Schaffung oder Vertiefung religiöser Institutionen in unserer Gemeinde zur Sprache kam, hiesür stets in solchem Sinne fich mit seinem Worte eingesetzt. Ich habe an der Bahre des Verewigten der tiefen Trauer des Vorstandes Ausdruck gegeben und unter anderem gesagt, daß sein Erscheinen in unserem Sitzungssaale den Eindruck erweckte, als ob er vor dem Lärm des Tages, vor dem Trubel der ihn belastenden Geschäfte zu stiller, segensvoller Tätigkeit für die ihm teuere Gemeinde fich hieher flüchte, als ob das Bibelwort: „Meine Brüder suche ich" auf seinen Lippen schwebte. So erblicken wir ihn vor unserem geistigen Auge, so werden wir ihn in unserer Erinnerung behalten und ihm ein gesegnetes Gedenken bewahren für alle Zeiten. Die Versammlung, welche fich zum Zeichen der Trauer von den Sitzen erhoben hat, beschließt die Einverleibung dieser Trauerkundgebung in das Protokoll. ' Im Einlaufe bt finden fich: An Spenden: 1000 Kronen aus dem Nachlasse des verstorbenen Herrn Kommerzialrates Karl Kraus'für Arme. Ferner für den Leopoldstädter Tempel vom Mitgliede des Bethaus- und Kultusvorstandes Herrn Adolf S ch r a m e k ein silberner Becher. Den Spendern wird der Dank votiert. An Stelle des verstorbenen II. Vizepräsidenten Herrn Theodor Ritter von Goldschmidt werden berufen: In das Komitee der Max Fleischer-Stiftung Dr. Isidor Samuely. In das Kuratorium des L. D. Königsberg Mädchenerziehungsinstitutes kais. Rat Leopold Sachs. In das Kuratorium der Ignaz und Rosalia Wolf-Stiftung für Krankenbeteilung Pros. Dr. Josef P o l l a k. Als Delegierter in den Verband zur Unterstützung armer israel. Wöchnerinnen Dr. Josef Breuer. Subventionen werden bewilligt: Dem Tempelverein für die Bezirke Wieden und Margarethen. Dem Bethaus- und Unterstützungsvereine „Marpe Lanefesch". Dem Bethausvereine „Freundschaft und Brüderlichkeit". Der BibelsHule des Brigittenauer Tempelvereines. Dem Brigittenauer israel. Unterstützungsvereine. Dem Elternverein „Pestalozzi". Dem Erholungsheim für jüdische Arbeiterinnen des Vereines „Frauenhort". Der Wiedener Säuglingsbewahranstalt „M Creche". Dem israel. Frauenwohltätigkeitsverein für Hausarme. Dem Frauenwohltätigkeitsverein Simmering. Dem Bethausvereine „Ahawath Schulim" wird für das ständige Bethaus im 16. Bezirk, Koppstraße die Genehmigung erteilt. Es gelangt der Bericht des Bureaus über die Minjanim anläßlich der diesjährigen hohen Feiertage zur Kenntnis. AuS demselben geht hervor, daß 68 Gesuche um Bewilligung von Minjanim eingelaufen find. Veranstaltet wurden 54 Minjanim; hievon 11 durch den Kultusvorstand bezw. dessen Organe, 33 von Bethaus- und Humanitären Vereinen und 10 von Privatunternehmern mit einem behördlich bestimmten Faffungsraume von insgesamt 12.700 Personen; hievon entfallen auf die Leopoldstadt und Brigittenau 7185. Die Verteilung von Gratis-Betfitzen erfolgte in umfangreicher Weise. Das Bestreben, die Zahl der Privatunternehmer allmählich zu verringern, bezw. die temporären Gottesdienste in jeder Beziehung einwandftei zu gestalten, hat dazu geführt, daß die Maßnahmen des Kultusvorstandes nach dieser Richtung hin im eigenen Wirkungskreise eine neuerliche Erweiterung erfahren haben. Einzelne Privatunternehmer haben Minjanim ohne Bewilligung des Kultusvorstandes und der Behörde veranstaltet, andere find über die normierte Sitzzahl weit hinausgegangen. Dieser Umstand hat zu einem spontanen Eingreifen der Behörde geführt und nur durch Intervention von Organen der Kultusgemeinde konnten die peinlichsten der für die Besucher dieser Minjanim fich ergebenden Konsequenzen dieser behördlichen Maßnahme vermieden werden. — Dieser Bericht wird genehmigend zur Kenntnis genommen. Aus der vorigen Plenarsitzung ist nachzutragen, daß die seit längerem Zeiträume schwebenden Verhandlungen, betreffend die Errichtung einer unter die Aufsicht des ehrwürdigen Rabbinates zu stellenden Koscher-Selchwarenfabrik abgebrochen werden mußten, ohne zu einem positiven Ergebniffe geführt zu haben. Schluß der Sitzung um 1 Uhr mittags. Theodor Ritter v. Tausfig. Ueber den Heimgegangenen Gouverneur v. Tauffig wird uns mitgetellt: Als er Direktor der Bodenkreditanstalt wurde, war sie judenrein, eine förmliche Adelsbank, und stand nahezu vor dem Konkurs. Die Vermögen waren vernichtet, alle Beteiligten waren mit hohen Summen verschuldet. Die Genialität des neuen Direktors hat die Bank zu einem ersten Finanzinstitut erhoben, allerdings wurden die Pforten auch jüdischen Beamten geöffnet. In dem Jahre, in welchem er Präsident des Berwaltungsrates der Staatsbahngesellschaft wurde, war ihm sein Vater gestorben. Da bekam ein Beamter eines Nachmittags — es war 5 Uhr — von dem Präsidenten zu hören: „Ich bitte, machen Sie rasch mit den Schriftstücken, ich muß in den Tempel gehen."