Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 49 (3.12.1909)
- Date
- 1909-12-03
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 684 Dr. Blochs Wochenschkfft. Nr. 49 Völker nehmen so einen von ihrem ursprünglichen Wesen. grundverschiedenen Charakter an. Zur Zeit der Völkerwanderung waren die Germanen Barbaren, seit dem Ausgang des 18. Jahrhunderts aber galten sie als das Volk der Dichter und Denker. Im Jahre 1876, da wir Studenten waren, fühlten wir uns verletzt, als Billroth den Satz schrieb: „Mir ist-es klar, daß ich innerlich trotz aller Reflexion und individueller Sympathie die Kluft zwischen rein deutschen: und rein jüdischem Blut heute noch so tief empfinde, wie von einem Teutonen die Kluft zwischen ihm und einem Phönizier empfunden worden sein mag." Heute aber, nicht vielmehr als 30 Jahre nacb der Niederschreibung dieses Satzes, sind die Nachkommen dieser Teutonen selbst solche Phönizier geworden, daß jetzt alle anderen Phönizier fürchten, durch sie aus dem Welthandel verdrängt zu werden. Billroth hat mit seiner damaligen Schrift den Rassenanlisemitismus salonfähig gemacht. Er war in einem Pfarrhaus aufgewachsen. In seiner Jugend aspirierte Deutschland noch nicht auf den Weltmarkt und machte keinerlei Anspruch auf die Zuerkennung von politischem oder gar von handelspolitischem Sinn. Wenn Billroth heute wieder aüfstünde und sehen würde, wie phönizierhaft sich deutscher Handel und deutsche Industrie in der Welt benehmen/ so würde er ohneweiters die Aenderuug der Rasseueigeuschaften sogar innerhalb solch kurzer Zeiträume zugeben müssen. Das vorliegende Buch führt nun in exakter Weise den Beweis von der Unfinuigkeit solcher heute festgewurzelter Meinungen, ohne doch die tatsächliche Bedeutung des Rassenfaktors zu unterschätzen. In dem engen Rahmen dieses Artikels müssen wir es uns versagen, auf die Ausführungen über Raffen-Anthropologie, über die Vererbungsfroge, die von höchstem Interesse sind, näher eiuzugehen. Von aller analytischen Betrachtungsweise abgesehen, beweist Zollschau in rein induktiver Weise glänzend den überaus hohen Kulturwert der Juden. Durch die Darstellung ihres Wirkens in der Geschichte der materiellen und der geistigen Kultur, des Wirtschaftslebens u. s. w. Eine der besten Leistungen ist die Auseinandersetzung mit denen, welche alles Große auf das Germanentum und Ariertum zurückführen wollen und die in dm Juden den Antitypus alles höheren Menschentums erblicken. Es ist wohl möglich, daß das Buch auch von jüdischer Seite Widerspruch erfahren wird. Widerspruch wegen des Pessimismus, mit dem es schließt. Wenn Zollschan die Auflösung oder die Degeneration der jüdischen Rasse als wahrscheinlich hinstellt, so ist das ein Pessimismus, der dem Autor manchen Tadel zuziehen wird. Da bei der Klarheit und Prägnanz der Sprache, die das Werk in allen seinen Teilen auszeichnet, diese Stellen des Buches wohl kaum als stilistischer oder logischer Lapsus bezeichnet werden köuueu, der Autor im Gegenteile wie für alle seine Behauptungen, so auch hier den geschlossenen und zwingenden Nachweis erbringt, und da ferner die aus der Wahrheit des Buches fließende Tendenz ganz eindeutig darauf hinzielt, daß man alles tun müsse, um den vorhandenen Destruierungstendenzen endlich einen Damm zu setzen, aus allen diesen Gründen erblicken wir aber in diesem Freimut eine der wesentlichsten Stärken des Buches. Zollschan leistet damit allen denjenigen einen Dienst, die nicht aus dem Standpukt stehen, daß man immerfort „Vogel Strauß-Politik" spielen und sich selbst immer damit einschläferu solle, daß ja ohnehin alles nach unwandelbaren Gesetzen ganz automatisch und spontan sich doch stets wieder zum Besten wenden werde. Jeder von Denen, deren Standpunkt nicht dieser Quietismus ist, wird die Offenheit des Autors begrüßen. Denn wir müssen es uns klar machen, daß seine tragische, furchtbare Prognose der Zukunft unseres Stammes dann leider wohl kaum zu erschüttern ist, wenn die Voraussetzungen des Autors richtig sind, wenn nämlich die Entwicklung auf der bisherigen Linie tatsächlich sich weiterbewegen wird. Daß Zollschan nichts anderes sagen will, geht aus seinem Buch, und zwar schon aus den einleitenden Sätzen desselben klar hervor. Seite 2 heißt es: „Im gegenwärtigen Zeitpunkt ist ein 'Prozeß der Auflösung dkr jüdischest Rassen im Gange. Es ist möglich und i n dl. e H a st.d 5' d e r Zeil gen offen geste ben/ diesen^Prozeß^^Dch/ politische Jngerenznahmer zst hemmen öder zu ft öWWn. Die Art der Jngerenznähme wird aber von dem' UKeil über den Kulturwert der Juden abhängig sein. Daher stellt sich als Judeufrage von dem weit höheren Standpunkte der großen historischen Evolutionen aus die Frage dar: ob. die Juden überhaupt weiter existieren sollen oder nicht." Wir können ruhig sagen, daß Zollschan die Beantwortung" dieser Frage mit außerordentlicher Geschicklichkeit, mit un-: endlicher Gewissenhaftigkeit und mit ungeheuerer Sach-? kenntnis durchgeführt und sie gleichzeitig zu einer Behändlung aller derjenigen Fragen zu machen gewußt hat, biejgegenwärtig für das jüdische Volkstum von prinzipieller' Bedeutung sind. Ob er nun von den änlhrop.olögischem Verhältnissen der Judenheit spricht o)er von kulturellen" Leibungen, vom religiösen, vom nationalen" öder' vöM'wirtschaftlichen Problem, nirgends verläßt er die höhere Warte der Objektivität und - des rein Prinzipiellen an der Sache, überall ist seine Darstellungsform gleich meisterhaft. Ich spreche heute nur über den allgemeinen Charakter der Arbeit und übe daher an den Einzelheiten nicht Kritik, zu der natürlich wie jedes große und selbständige Werk auch dieses manchen Anlaß geben wird. In der Diskussion zum Beispiel wird wohl manche Debatte gegen den Standpunkt Zollschans geführt werden, daß nur die Repatriierung der Juden die Rasse wieder regenerieren könne und daß nicht etwa die Auffrischung des ungeheueren Ideengehaltes unseres alten, im Wesen aber doch stets noch modernen Judentums zum gleichen Ziele führen könnte. Zolschans Verdienst aber ist es, dieser Frage neben der Gefühlsargumentation und den bisherigen ephemeren Argumenten auch eine jeder Kritik standhaltende, rein wissenschaftliche Argumentation gegeben zu haben. Sein Verdienst ist die Unterbreitung der ungemein reichlichen, anthropologischen, historischen, kulturgeschichtlichen und statistischen Materialien, sein Verdienst ist die endliche und gründliche wissenschaftliche Auseinandersetzung mit beni. Antisemitismus. . Alles das hier Gesagte betrifft aber nur einen Teil der Zollschan'schen Arbeit. Desjenigen Teiles nämlich, der. auf die Judenfrage Bezug nimmt. Den ungleich breiteren Raum aber als die Judenfrage nimmt in seinem Buch das allgemeine Rassenproblem selbst ein, in welches die Behandlung des Autors endlich Klarheit zu bringen scheint. Darauf, wie auf das Meritorische des Inhaltes, werden wir v:ell icht noch, zurückkommen. Me«« er Ieiteles geheißen hätte. Ob tückisches Spiel des Zufalls, ob gemeingefährlicher Wahnsinn oder furchtbares Verbrechen vorliegt, wird im Falle des in Linz verhafteten Oberleutnants Hofrichter das Wiener Militärgericht zu entscheiden haben. Die ganze Oeffentlichkeit nimmt an der Untersuchung teil, um ein eigenes Urteil zu gewinnen, und betrachtet den Offizier mit . der Lupe, der in den furchtbaren Verdacht geplanten Giftmordes an zehn Vordermännern im Avancement gekommen ist. Jeder Koffeehaustisch ist ein inkompetenter Gerichtshof mit Staatsanwalt und Verteidiger, mit Kreuzverhör bezüglich der Tatumstände und mit Psychiatern; Man spricht aber überall von einem Falle Hofrichter und nicht von einer Affäre des Generalstabs, von einer Angelegenheit der Armee. Und doch war eine furchtbare Möglichkeit vorhanden, daß es nicht so unparteiisch und vernunftgemäß zugehen werde. Bieten wir in unserer Phantasie die letzten Schrecken auf und denken wir daran, daß der Mann einen jüdischen Namen getragen