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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-11-26 · 48 (26.11.1909) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
48 (26.11.1909)
Date
1909-11-26
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 826 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 48 schlesischen israelitischen Gemeindeverbandes überbrachte Herr Justizrat Berger-Königshütte. Nachmittags halb 4 Uhr fand ein FcstgotteLdienst im Prächtig dekorierten Tempel statt. Her Rabbiner Dr. Cohn aus Kattowitz, als Senior der oberschlefischen Rabbiner, hielt die Festpredigt, in der er auf die Verdienste des Jubilars näher eingiug und das Wirken eines Priesters näher beleuchtete. Nunmehr sprach Herr Dr. Münz selbst. In seiner Rede, die etwas Ergreifendes an sich hatte, schilderte der Jubilar seine Tätigkeit während seiner 25jährigen Amtsperiode. Er wies darauf hin, welche Ziele er sich gesteckt und was er erreicht habe, wie er wirkte im Dienste seiner Gemeinde und im Dienste weiterer Kreise, wie er bemüht gewesen sei, in steter Eintracht auch mit anderen Konfessionen zu leben. Abends fand zu Ehren des Jubilars ein Festbankett statt. Unter den zahlreichen Ehrengästen befanden sich Herr Oberbürgermeister Mentzel als Vertreter der Stadt, die Herren Pfarrer Jaglo von der katholischen und Pastor Schmidt von der evangelischen Gemeinde, Herr Direktor Smolka vom königl. katholischen Gymnasium und Herr Direktor Haußknecht von der Oberrealschule, ferner Herr Stadtrat Dr. Krug als Vertreter der Armenverwaltung und Herr Dr. Repetzky als Vertreter der Philomatie. Herr Oberbürgermeister Mentzel, sowie auch die Geistlichen der katholischen und evangelischen Konfession priesen Herrn Dr. Münz als einen Manu des Friedens und der konfessionellen Duldsamkeit. Ein Gesuch der russischen Kaufleute für die Juden. Eine Anzahl russischer Großkaufleute aus Charkow und Moskau wandte sich an das Börsekomitee dieser beiden Städte mit dem Ersuchen, es durchzusetzen, daß den jüdischen Kaufleuten aus dem Ansiedlungsrayon der Aufenthalt während der Jahrmärkte in diesen Städten freigegeben werde. Interessant ist die Begründung dieses Ansuchens. „Nach der guten Ernte, die heuer in Rußland war", heißt es in dem Gesuche, „konnte man auf einen viel besseren Besuch des Charkower Herbstmarktes rechnen. Man konnte aber gleich zu Beginn der Herbstmesse die Wahrnehmung machen, daß der Besuch ein sehr schwacher ist und der Handel viel zu wünschen übrig läßt, denn alle jüdischen Kaufleute aus Südrußland haben gefehlt, die sonst die Herbstmesse zu beleben pflegen. Als wir der Ursache uachgingen, weshalb die Juden der Herbstmesse fernblieben, erfuhren wir, daß die Behörde den Juden aus dem Anfiedlungsrayon das Wohnen in Charkow und Moskau während des Jahrmarktes verboten hat. Der Kleinhandel in Südrußland liegt vollständig in den Händen der Juden, welche mit den Charkower und Moskauer Großhändlern große Geschäfte zu machen pflegen und die administrative Verfügung hat nun diesen Marktplätzen 350 jüdische Kaufleute entzogen und dadurch dem Handel auf diesen Plätzen uuendlicheu Schaden zugefügt. Sollte diese sinnlose Verordnung weiter in Kraft bleiben, so müßte der ganze Handel zugrunde gehen, da es leicht möglich ist, daß die jüdischen Kaufleute den ganzen Handel im Anfiedlungsgebiete selbst konzentrieren werden, wodurch der russische Handel unermeßlichen Schaden erleiden müßte. Deshalb verlangen die russischen Kaufleute, daß diese Verordnung aufgehoben werde. Der Mädchenhandel der Joanniten vor Gericht. In Petersburg wurde vorige Woche der Prozeß jener vier Joanniten verhandelt, die angeklagt waren, zwei jüdische Mädchen geraubt und gewaltsam getauft zu haben. Als Verteidiger der Angeklagten fungierte der bekannte Reaktionär Bulazel. Der Anklage lag der folgende Tatbestand zugrunde: Im Oktober 1907 machte die Frau Sarah Potschtalitz die Anzeige, daß ihre zwei Töchter, Beile 12 Jahre und Dora 9 Jahre alt, plötzlich spurlos verschwanden. Sie sprach die Vermutung aus, daß ihre Kinder von ihrem Dienstmädchen Schikurina, die der Joannitensekte angehört, entführt worden seien. Nach einiger Zeit erhielt die Mutter aus Moskau einen von Beile geschriebenen und von beiden Kindern unterfertigten Brief, in welchem die Kinder die Eltern verständigen, daß sie „aus Ueberzeugung" zum Christentum übergetreten seien und auch den Eltern den „wohlmeinenden Rat" erteilen, sich auch taufen zu lassen. Sie erklärten ferner, daß sie, selbst wenn man sie finden sollte, nicht mehr ins Elternhaus zurückkehren würden. Am 13. Oktober 1907 haben einige Passagiere auf einem Dampfer zwischen Kronstadt und Oranienbaum eine Gruppe Fahrgäste bemerkt, in welcher sich auch zwei Mädchen mit verhüllten Gesichtern befanden. Der Passagier Buerstein, der von dem Verschwinden der zwei Kinder der Potschtalitz Kenntnis hatte, trat auf die zwei Mädchen zu und frug sie: „Seid Ihr nicht die Potschtalitz?" „Nein, wir sind keine Judenkinder!" war die Antwort. Die Frau, in deren Begleitung sich die Kinder befanden, erklärte, die Mutter der Kinder zu sein, was auch von den Uebrigen der Gruppe bestätigt wurde. Auf Grund dieser Anzeige wurde die ganze Gesellschaft ausgeforscht und verhaftet. Damals erklärten die Kinder, die in Gegenwart der Schikurina verhört wurden, daß sie getauft seien und nicht mehr Juden sein sollen. Die Angeklagten erklärten sich nicht schuldig. Unter den 18 vorgeladeuen Zeugen befanden sich auch die zwei Kinder. Die ältere, Beile, erklärte jetzt, nachdem ihr nahcgelegt wurde, die Wahrheit zu sagen, daß der Taufakt an ihnen niemals vollzogen wurde und daß sie gezwungen wurden, jenen Brief an ihre Eltern zu schreiben. Das zweite Mädchen sagte: „Wir wurden von der Schikurina verführt; sie redete uns zu, es würde uns besser gehen als zuhause. Wir mußten den ganzen Tag knieend beten, bis wir vor Müdigkeit zusammensanken. Wir wagten nicht der Schikurina zu widerstehen, da wir vor ihr Angst hatten." Trotz dieser Depositionen und trotzdem nahezu alle Zeugen für die Angeklagten belastend aussagten und der staatsanwaltliche Funktionär für eine strenge Bestrafung der Angeklagten plaidierte, wurden diese auf Grund der judenfeindlichen Ausführungen Bulazels — freigesprochen. Russische Justiz! Eine jüdische Wahlkurie mit getauften Inden. Die Frage der Beteiligung der Juden an der städtischen Verwaltung in Russisch-Polen wurde, wie aus Warschau berichtet wird, in dem Rate für städtische Angelegenheiten gegen den Willen der Polen dahin beantwortet, daß die Juden durch eine eigene Wahlkurie an der Verwaltung der Städte in Russisch-Polen teilnehmen sollen. Bezeichnend ist nun, daß bei dieser Gelegenheit auch die Frage aufgeworfen wurde, wer der jüdischen Kurie anzugehören habe. Die Reaktionären stellten sich auf den Standpunkt, daß die Frage vom nationalen und nicht vom konfessionellen Standpunkte aus zu beurteilen sei und beantragen daher, daß der jüdischen Kurie auch die getauften Juden zuzurechnen seien. Es wurden hierüber zwei positive Vorschläge gemacht. Nach dem einen sollten die getauften Juden bis zur dritten Generation als Juden betrachtet und der jüdischen Kurie zugezählt werden, während die Polen beantragten, daß schon die Kinder der Getauften nicht als Juden gezählt werden sollen. Der polnische. Vorschlag wurde abgelehnt und beschlossen, daß alle Personen, die als Juden geboren wurden, der jüdischen Kurie zugerechnet werden sollen, ohne Rücksicht darauf, ob sie das Christentum angenommen haben oder nicht. Eine aufsehenerregende Erklärung Zangwills Vorige Woche hielt, wie uns aus London berichtet wird, Sir William Willcocks, der bekanntlich von der türkischen Regierung , mit den Vorstudien der Jrrigations- und Entsumpfungsarbeiten in Mesopotamien betraut wurde, in der Londoner Royal-Geographical-Society einen sehr lehrreichen Vortrag über „Mesopotamien, seine Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft". Die Ansichten Sir Willcocks über diese Frage find bekannt. In der Diskussion ergriff auch Israel Zangwill das Wort und führte aus, daß Sir Willcocks in seinen Plänen einen wichtigen Faktor außeracht gelassen habe und das ist die Bevölkerungsfrage. In Mesopotamien gibt es nur eine geringe Bevölkerung und diese verfügt über keine Geldmittel. Sir William Willcocks basiere alle seine Projekte auf die Analogie mit Egypten, Egypten habe aber eine dichte, Agrikultur treibende Bevölkerung

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