Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 48 (26.11.1909)
- Date
- 1909-11-26
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 48 Dr. Blochs als ein Mann von ganz ungewöhnlicher Begabung, als einer jener wenigen, auf die das häufig mit Unrecht angewandte Wort „genial" im vollsten Matze zutrifft. In allen Kreisen, auch in jenen, die dem eigentlichen Finanzleben ferne stehen, verband sich mit dem Namen des Herrn v. Taussig die Vorstellung eines Mannes von überragender Intelligenz und durchdringendem Verstand. Er war aber auch allgemein bekannt und verehrt wegen seiner persönlichen Liebenswürdigkeit und wegen seines regen Sinnes für alles .Gute und Schöne. Schlicht, liebenswürdig, ein glänzender Redner, ein Mann von wohlfundiertem, allgemeinem Wissen, witzig und doch wohlwollend, blieb er ein Privater, der so gar nichts von den Allüren eines Mächtigen und Einflußreichen an sich trug. In einer Zeitepoche von antisemitischen Leidenschaften und feindseligen Agitationen gegen Kapital und Kapitalismus hat er eine unvergleichliche Macht im Staate sich erobert und bis an sein Lebensende festgehalten. Die Eisenbahn, die nach Böhmen und die ins Herz der österreichischen Alpenländer führt, die Geleise, die ins böhmische Kohlenrevier laufen, von Reichenberg nach Pardubitz, von Kaschau nach Oderberg, sie waren in Ziffern und Worten sein Reich. Die Dampfer, die hinaufgleiten ins liebliche Donaugelände der Wachau und hinab nach Budapest und zum Eisernen Tor, sie gehören einer Gesellschaft, deren Blüte die Frucht seiner Arbeit war. Valuta und Konversion tragen seinen Namen. Die Waffe des Jägers, das Rad des Ausflüglers stammt aus der Waffenfabrik Steyr, deren Kräfte Taussig entfaltet hat. Erzherzog Friedrich-Werke. Kosmanos, Nossitzer Bergbau, Oesterreichische Iutespinnerei, und Weberei, chemische und metallurgische Produktion, Oesterreichische Berg- und Hüttenwerke — wer nennt die Namen aller der Unternehmungen, mit denen der Name Theodor Ritter v. Taussigs für alle Zeiten verknüpft sein wird?. Das kolossale Verstaatlichungswerk der Eisenbahnen trägt seinen Stempel, man verdankt es seiner grotzen, weitausblickenden Konzeption. Ja, man kann sagen, es gibt kein Kapitel in der ökonomischen Geschichte Oesterreichs der letzten vierzig Jahre, das ein gerechter Historiker schreiben könnte, ohne immer wieder den Namen Taussig erwähnen zu müssen. Gouverneur von Taussig war aber auch eine religiös gestimmte Natur, ein treuer Sohn des Judentums. Die ungeheuere aufreibende Arbeitslast, die er in seinen wichtigen und zahlreichen hohen Aemtern zu bewältigen hatte, hinderte ihn nicht, langen Vorstanössitzungen beizuwohnen, um die Schechita- und Mikwah-Frage zu beraten oder Rechnungen zu prüfen, oder einer Sitzung im Kuratorium des israelitischen Blindeninstitutes, oder im Kuratorium der Israelitischtheologischen Lehranstalt beizuwohnen. Auch während seiner Krankheit wußte er sich eins mit dem Judentum und noch in den letzten Tagen ließ er telegraphisch von Meran aus an den Vorstand die Bitte gelangen, daß man für seine Genesung im israelitischen Tempel Gebete anordnen möge. Trotz der höchsten Ehren, die ihm zugefallen, freute er sich und es gewährte ihm eine Genugtuung, Vorstandsmitglied der israelitischen Kultusgemeinde zu sein. Leider hat ihn die Beteiligung an dem russischen Anlehen in Konflikt mit der öffentlichen Meinung des Judentums gebracht und er trat damals vom Vorstandsamt zurück. Der damalige Minister des Aeußern Graf Goluchowski erklärte ihm, daß auf Wunsch Sr. Majestät des Kaisers Oesterreich au dem russischen Anlehen sich beteiligen solle, um dem Zaren einen Beweis freundnachbarlicher Gesinnung m erbringen. Graf Goluchowski, der diese Politik bei Sr. Majestät dem Kaiser befürwortete, mag später eingesehen haben, daß er sich geirrt hat und auch Theodor von Taussig erkannte zu spät, daß das Opfer, welches er gebracht hat, für den Wochenschrift. Sette 821 österreichischen Staat nicht einmal von dem erwarteten Nutzen war. Wenn Oesterreich in ihm ein Finanzgenie von universeller Kapazität — eines der größten, die in unserem Staate je gelebt haben — verliert, so darf auch das Judentum um den Heimgang dieses treuen Sohnes aufrichtig trauern. Aus der Plenarsitzung des Kultusvorftandes vom 14. November 1909 unter dem Borfitze des Präsidenten Herrn Dr. Alfred Stern. Beginn 10 Uhr vormittags. Im Einlaufe befinden fich: Dankschreiben des Spitalsdirektors Hofrat Profeffor Dr. L. Oser für die durch den Kultusvorstand erfolgte Errichtung von zwei seinen Namen tragenden Bettstiftungen anläßlich seines 70. Geburtstages. Mitteilung des Fortbildungsschulrates in Wien, daß über erfolgte Vorstellung des Kultusvorstandes eitze Kundmachung behufs Besetzung von Supplentenstellen dahin richtig gestellt wurde, daß neben die Worte „Mit Taufschein" die Wötter: >,bezw. Geburtszeugnis" eingefügt wurden. Dankschreiben der Familie Lektor Friedmann für die Widmung eines Grabsteines für den Verstorbenen durch den Kultusvorstand. Eine Einladung des Rekonvaleszentenheimes „Philantropia" zur Besichtigung der Anstalt durch den Kultusvorstand. Im Präfidialberichte verliest der Präfident ein Schreiben des Vertreters Dr. Berger, in welchem derselbe mitteilt, daß er mit Rückficht auf seinen leidenden Zustand fich veranlaßt sehe, seine bisher innegehabten Mandate als Mitglied des Vertreterkollegiums und als Obmannstellvertreter der Kommiffion für Schulangelegenheiten zurückzulegen. Diese Mitteilung wird unter dem Ausdrucke der herzlichsten Sympathien für den Genannten unter besten Wünschen für seine Wiederherstellung mit lebhaftem Bedauern zur Kenntnis genommen. Weiters wird zur Kenntnis gebracht, daß Dr. Felix Katzau sein Mandat als Mitglied des Vertreterkollegiums zurückgelegt habe, lieber Antrag mehrerer Vorstandsmitglieder, welche an Herrn Dr. Katzau den dringenden Appell richten, seine Entschließung zurückzuziehen, wird einhellig befchloffen, die Resignation des Herrn Dr. Katzau derzeit nicht zur Kenntnis zu nehmen. Subventionen werden bewilligt: Der Simon Edlen von Lämmelschule in Jerusalem; dem Beth-Hamidrasch-Verein „Talmud-Thora", Wien. II., Malzgasse 16; dem jüdischen Turnverein im XV. Bezirk; dem Verein „Tefilas Haneorim"; der Zeitschrift „Mitteilungen für jüdische Volkskunde". Verliehen werden: Die Abel Rappaportsche Stiftung 2 Plätze ä. K 1100.— an zwei Hörer der Medizin. Die Max Marmorosch-Stistung für Handelsakademiker, 1 Platz ä K 660.—. Bildungsanstalt für Religionslehrer an Volks- und Bürgerschulen in Wien. Konform den Anträgen des Kuratoriums der Bildungsanstalt für Religionslehrer an Volks- und Bürgerschulen in Wien und der Unterrichtskommisfion beantragt das Bertreterkollegium die Angliederung eines V. Jahrganges an diese Anstalt. In dem Organisationsstatute, welches von Plenum des Kultusvorstandes in der Sitzung vom 10. Juni 1906 beschlossen wurde, war die Dauer des Kurses mit vier Jahren vorgesehen und der Lehrplan dementsprechend eingeteilt. Mit Rücksicht auf die Sachlage wurde unter Anerkennung der besonders guten Prüfnngsresultate bei der mit Ablauf des III. Jahrganges vorgenommenen öffentlichen Prüfung der Zöglinge die Anregung gegeben, die Angliederung eines V. Jahrganges in Erwägung zu ziehen, wobei auch das Bestreben zum Ausdrucke kam. das Lehrpensum für den IV. und V. Jahrgang