Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 48 (26.11.1909)
- Date
- 1909-11-26
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 818 Dr. Blochs Wochenschrift. Jtt. 48 Zeit die Emigranten vor der Erploitierung von seiten der Spediteure von Profession und auch nicht von Profession schützen können. Die erwähnten Unternehmungen sind rein kaufmännischer Natur und können von öffentlichen Organisationen, ebenso wie genossenschaftliche Gründungen auf dem Gebiete des Konsums geleitet werden. In der Emigration haben wir es aber auch mit reinen Geldgeschäften zu tun, die schon mehr mit Bankunternehmungen in Beziehung zu bringen sind. In einer nationalen Bank wird das Geldwechseln dem Emigranten viel billiger zu stehen kommen, als in den privaten Wechselstuben, die in ihren Berechnungen oft improvisierte -Kurse und auch eine improvisierte Arithmetik anzuwenden lieben. Man warnt nicht umsonst den Emigranten vor dem Geldwechseln an der Grenze. Wenn aber statt der vielen Warnungsrufe eine öffentliche Wechselstube an der Grenze etabliert wäre, so hätte man ohne Zweifel bessere Resultate erzielen können. Von gröberer Bedeutung ist aber eine andere Geldoperation, die Geldüberweisungen nämlich, die prompte Zustellung der bedeutenden Summen, die die Ausgewanderten ihren Verwandten in die alte Heimat senden. Grobe Vermögen sind schon den Weg von Amerika nach Ruhland gewandert, aber an die wahren Adressaten ist vielleicht nicht mehr als die Hälfte gelangt. Das Geld des gewesenen Emigranten mutzte nämlich ebenfalls die „sieben Abteilungen der Hölle" passieren, wie seinerzeit der Emigrant selbst, und gelangte daher in die Hände des armen Verwandten aus dem kleinen Städtchen in sehr „geläutertem" Zustande. Durch viele „Hände" hatte das Geld zu passieren, und jede „Hand" nahm sich davon ihr Teil, außerdem aber gingen große Geldsummen, die m Briefen gesandt wurden, gänzlich verloren. Schlimmer aber als allem anderen erging es ausländischem Gelde, wenn es irgendwo in ein Provinzstädtchen verirrt war, wo der „arme Verwandte" mit dem „sonderbaren ausländischen Papier" seine Zuflucht zu dem „Vertrauensmann" des Städtchens nehmen mutzte. Ein oft behandeltes Thema unserer humoristischen Literatur. Es unterliegt keinem Zweifel, daß eine nationale Bank für eine mätzige Vergütung die Geldüberweisungen sowohl billiger, wie sicherer besorgen und dabei doch einen gewissen Profit erzielen könnte. Fügen wir aber noch eine Lombardoperation hinzu, wie die Ausleihung von kleinen Summen auf Grund hinterlegten Gepäcks (das allein würde schon der Williams'schen Matzregel, datz jeder Emigrant 25 Dollar mit sich zu bringen habe, etwas von ihrer Schärfe nehmen), Sparkassenfunktionen, die den Emigranten besonders berücksichtigen sollen, das „xrepalä^-Geschäft (der Schiffskartenvertrieb in den Einwanderungsländern), so erhalten wir eine Reihe von geschäftlichen Unternehmungen, die dem öffentlichen Finanzinstitut Profit abwerfen und dabei noch dem Emigranten Geld und Mühe ersparen könnten. Hat man aber dem Emigranten etwas Geld erspart, so hat man damit auch ein gut Stück Regulierungsarbeit verrichtet, denn eine von den Ursachen für die unglücksschwangere Erscheinung, datz die jüdischen Emigranten im engen und überfüllten NewyorkHaltmachen und nicht die„Country"aufsuchen, wo ihnen eine bessere Lebenshaltung gesichert wäre, besteht einfach im Mangel an Geld für die Weiterreise. Durch seine rein kommerzielle Tätigkeit wird daher unser Finanzinstitut in der gleichen Richtung mit der ganzen Organisation wirken können. Es wird die Emigration in bessere Gegenden richten helfen, wo mehr Möglichkeiten, „ein Leben zu machen", gegeben sind, als in den alten Einwanderungszentren. Mit der fortschreitenden Festigung unseres Finanzinstituts, mit der Anhäufung von Kapital aus den Profiten und auch aus änderen Quellen, wird auch seine Tätigkeit an Bedeutung zunehmen, seine Unternehmungen zu Gunsten der Emigranten größere Dimensionen erhalten und seine Emigrationspolitik eine weitsichtigere werden können. In dem Bestreben, alle Bedürfnisse des Emigranten zu umfassen und ihm den Weg so leicht als nur möglich zu machen, wird unser Finanzinstitut sich allmählich auch mit seiner Arbeitsfrage befassen müssen und - auch imstande sein, der natürlichen, mit jedem Jahre zunehmenden Neigung unserer Emigranten, sich dem Ackerbau zu widmen,' durch die Organisierung von anfangs nur kleinen Kolonisationsunternehmungen einige Realisierungsmöglichkeit zu geben. Durch die Gründung der Emigrantenbank wird der Kongreß einer großen Idee Leben verleihen, die zuerst bei den russischen Juden ausgetaucht ist, und zwar schon vor einigen Jahren unter den Territorialisten. Wien. Bertold i. Vom Aabrmarlrt des Lebens. Die Bedeutung der Juden für das moderne Wirtschaftsleben. Vorigen Montag abend gab es in. Berlin eine kleine Sensation. Der bekannte Nationalökonom Professor Werner Sombart hatte mit der ihm eigenen glücklichen Unbekümmerlichkeit das Unerhörte gewagt und Berlin zu einem Vortrage über die Bedeutung der Juden für das moderne Wirtschaftsleben geladen. Man kennt Sombarts Anschauungen aus seinem „Modernen Kapitalismus", aus der „Deutschen Volkswirtschaft im 19. Jahrhundert" und konnte naturgemäß von dem Vortrage, der die Einleitung eines noch drei weitere Vorträge umfassenden Zyklus bildet, nicht viel neues erwarten. Aber gleichwohl bedeutete der Abend für viele der Anwesenden wohl eine kleine Revolution, denn als Resultat dieses Sombartschen Vortrages ergibt sich: alles, was wir modernes Wirtschaftsleben nennen, geht unmittelbar oder mittelbar auf jüdischen Einfluß zurück. Trotzdem natürlich ist es sehr schwierig, diesen Einfluß überall nachzuweisen. Schwierig ist überhaupt die Untersuchung des ganzen Problems, nicht nur wegen seiner Umfassendheit, sondern vor allem wegen der Nähe, in der wir zu dem Problem stehen. Die erste Schwierigkeit will Professor Sombart überwinden durch möglichst genaue Präzision der zu beantwortenden Fragen. Die zweite, wie er sagte, durch Beherzigung des Wortes eines großen Sohnes des jüdischen Volkes: „Man soll die Dinge weder belachen noch beweinen, sondern verstehen." (Spinoza.) Ich stehe, erklärt Sombart, der Sache nicht leidenschaftlicher gegenüber, als handelte es sich um die Untersuchung des Wirtschaftslebens eines Samojedenstammes. Da die Statistik fast gar keine oder nur höchst ungenügende Unterlagen bietet, um die Bedeutung der Juden für das moderne Wirtschaftsleben quantitativ zu erfassen, so kann nur eine qualitative Untersuchung in Frage kommen. Welche Erscheinungen des modernen Wirtschaftslebens Hallen wir für besonders bedeutsam? Zunächst die Verlegung des Mittelpunktes weltwirtschaftlicher Betriebsamkeit von den südlichen und südwestlichen Nationen (Italienern, Spaniern und Portugiesen) zu den nordwestlichen (Holländern und Engländern) im 16. und 17. Jahrhundert. Parallel damit geht die Wanderung des jüdischen Volkes infolge der Ausweisungen aus italienischen Städten und aus Spanien und Portugal nach Holland und England.