Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-11-26 · 48 (26.11.1909) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
48 (26.11.1909)
Date
1909-11-26
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021818-3021867--18810-3043759
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Sette 816 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 48 ist, als der Bauernstand. Welche Versuchung mutzte sich des Landwirts bemächtigen, die Garben, den Ertrag seiner Mühen, am Sabbat heimzuholen, wenn er etwa ein Hagelwetter zu befürchten hatte. Keine noch so starte nachbarliche Konkurrenz kann eine derartige Versuchung auf den frommen jüdischen Kaufmann allsüben. Versicherungen gegen Hagelschlag aber gab es damals noch nicht. Wenn der Landwirt nun dennoch der Versuchung widerstand, so konnte er zwar um seine Ernte kommen, aber er erntete eine Summe von Energie, die ihn schadlos hielt. Denn auch dies ist ohne Zweifel die Wirkung der Sabbatfeier, datz die Selbstüberwindung und Zurückhaltung, die sie auferlegt, in eine gesteigerte Arbeitskraft sich umsetzt, wie ein unscheinbares Wasser, .eine zeitlang zurückgehalten, nachher mächtig hervorschietzt, oder wie ein solches Wasser, künstlich eingeengt, eine Mühle zu treiben vermag. Diese Steigerung der Arbeitskraft durch die Sabbatfeier scheint auch durch die Fassung des Sabbatgebotes im Dekalog angedeutet zu sein. Wir würden kein Wort vermissen, wenn das 4. Gebot lautete: „Sechs Tage darfst du arbeiten und all dein Werk verrichten, jedoch der siebente Tag ist ein Ruhetag dem Ewigen, deinem Gotte." Aber durch die einleitenden Worte „Gedenke des Sabbattages, ihn zu heiligen!" erhält der Satz den Sinn: wenn du auf die Sabbatheiligung bedacht bist, dann wirst du in sechs Tagen soviel Erfolg von deiner Arbeit haben, datz du am siebenten beruhigt Sabbat halten kannst. Diese Exegese werden vielleicht nicht alle Fachmännner, aber die sabbathaltenden Kaufleute gutheitzen, die in ihren Geschäften sich siegreich behaupten, nicht etwa trotz, sondern wegen ihrer Sabbatfeier. Wie die Sibylle von dem König Tarquinius Superbus für drei Bücher ihrer Weissagungen den ursprünglich für alle neun verlangten Preis ertrotzte, so weitz der unbeirrt der Sabbatfeier beflissene Kaufmann sechs oder selbst fünf und vier Wochentage ebenso einträglich zu machen, wie alle sieben zusammengenommen. Soviel ist gewitz: bisher ist leider unser Sabbat durch die Kaufleute zu Grunde gegangen, datz aber jemals ein Kaufmann durch den Sabbat zu Grunde gegangen wäre, dürfte schwerlich nachzuweisen sein. Vielmehr darf man sagen: wer den Sabbat hält, den erhält er auch, schon dadurch, datz er ihn die Zeit weise benutzen lehrt, und das ist eine der hauptsächlichsten ethischen Wirkungen des Sabbat, denn die Zeit beherrschen und sich nicht von ihr beherrschen lassen, heitzt erst die Freiheit besitzen und anwenden, deren Begründer und Herold der Sabbat ist. Damit aber kommen wir von dem Gebiet des Individuellen auf das soziale, auf dem der Sabbat seinen eigentlichen Triumph feiert. III. Mit dem Sabbat hat die soziale Bewegung in der Menschheit allererst angefangen, und was ein Hauptverdienst des Sabbat ist, die menschenwürdige Verteilung von Arbeit und Erholung, das steht heute noch im Mittelpunkt der sozialen Bestrebungen. In dem Prophetenabschnitte, an dem wir uns am Versöhnungslage erbauen, in bem bie liebevolle Verbrüderung und gegenseitige Anerkennung aller Menschen als das wahre Fasten und Feiern verherrlicht wird, — da geschieht auch in natürlichem Zusammenhänge des Sabbat Erwähnung und er wird eine „Lust" genannt. Wo und wann ist jemals eine religiöse Institution mit diesem Namen, dessen Klang die seligsten Empfindungen in uns entfesselt und das Herz aufjauchzen macht, ausgezeichnet worden? Aber der Sabbat verdient diese Benennung mit Recht, denn das Ideal aller sozialen Bestrebungen, die Herbeiführung eines allgemeinen Glückseligkeitszustandes unter den Menschen, dieses Ideal kommt in der Sabbatfeier zum Ausdruck. Unsere alten Lehrer bezeichnen den Sabbat als den sechzigsten Teil der ewigen Glückseligkeit. Wo er erscheint, da ziehen ihm die Friedensengel voraus und sie begleiten seinen Ausgang. Man hat ihn deshalb mit den römischen Saturnalien in Verbindung gebrächt; diese Beziehung wurde durch den Umstand unterstützt, datz der Planet Saturn späthebräisch Sabbatei heitzt. ■ Die Saturnalien waren jene Liebes- und Verbrüderungs- " feier, welche die einstigen glücklichen Zeiten unter der Regierung des Saturn versinnbildlichen sollte. Aber die Aeynlichkeit beweist nur, datz das Ideal einer allgemeinen Glückseligkeit von jeher in allen Menschen gelebt j hat, wodurch das Verdienst unserer Religion, diesem Ideal / durch den Sabbat den erhabensten Ausdruck gegeben zu^ haben, nur umsomehr verstärkt wird. Wir deutschen H Juden bezeichnen die häusliche Vorbereitung des Sabbats als „Schabbes machen". Als ich noch in Breslau stu-U dierte, kam einmal eine nichtjüdische Dame am Frei-J tagnachmittag zu einer mir befreundeten jüdischen Haus-D frau auf Besuch, der Dienstbote lehnte aber den Emp-Z fang mit den entschuldigenden Worten ab: „Die gnä-D dige Frau macht Schabbes", worauf die Besucherin btel Frage stellte: „Wie macht man das?" Diese naive,« ins erheiternde Frage, hat tiefe Bedeutung. Sie ist bieg eigentliche soziale Frage, die Frage, die der Prophet mit 8 den Worten beantwortet: „Es wird alle Unebenheit Z in der Welt ausgeglichen, und alle Krümmungen werden« geebnet werben.“ Durch den Sabbat wurde diese Frage« periodisch gelöst, denn früher machte auch der Aermstej Schabbes, und nichts war für die Gemeinde so selbst-s öerständlich wie die Pflicht, dafür zu sorgen, datz auch? der Aermste Schabbes machen konnte. Wie dann der? Sabbat in der Gemeinde aussah, datz er tatsächlich alle? Unterschiede aufhob und den Sonnenschein des Friedens¬ und des Glückes über Arm und Reich breitete, .bctfür* kann ich mich leider nur auf die Bilder aus. dem altjüdischen Familienleben berufen. Ju dieser sozialen Wirkung des Sabbat liegt seine wesentliche Bedeutung. Er kann deshalb auch nur durch die Gesamtheit zur rechten Erscheinung kommen, ist nur durch die Gesamtheit vollkommen darstellbar und ist darum von Haus aus der Gesamtheit übergeben. Eine der wichtigsten, den Sabbat betreffenden Stellen der Thora lautet: ^-iic ^2 ■n&rc'i nawn' ns „Die Kinder Israel, also die Gesamtheit, -sollen den Sabbat beobachten. Denn nur so kommt er, wie es weiter in dieser Vorschrift heitzt, als das „Bundeszeichen" zwischen Gott und Israel zur Geltung. Versuchen wir, uns dies klar zu machen, dann wird uns die Richtigkeit sofort einleuchten. Die Vorschriften der Religion sind im allgemeinen nur auf das Individuum oder auf Gruppen von Individuen berechnet. Fangen wir gleich bei dem Dekalog an. „Ehre Vater und Mutter, du sollst nicht morden, nicht ehebrechen, nicht stehlen usw." — Das sind lauter individuelle Vorschriften, deren Zweck sich auch mit der individuellen Ausführung erschöpft. Denn datz alle Menschen zu Mördern oder Dieben werden könnten, hat die Thora gewitz nicht vorausgesetzt. Die Wirkung auf das Allgemeine aber, die durch die sittliche Hebung der Einzelnen herbeigeführt wird, kommt erst in zweiter Linie in Betracht und wird deshalb auch von der Thora bei diesen und anderen Geboten nicht erwähnt. Datz insbesondere die auf die Lebenshaltung bezüglichen Gebote persönlicher Natur sind, liegt auf der Hand. Es gibt aber auch Gebote, deren Erfüllbarkeit durch die Gesamtheit geradezu ausgeschlossen ist. Nehmen wir das Gebot der Wohltätigkeit, eines der grötzten der Religion. Aber es teilt die Menschheit in zwei Hälften, von denen die eine der ausübende und der andere der empfangende Teil ist. Wenn der letztere verschwindet, dann mutz das Gebot der Wohltätigkeit brach liegen, weil sich keine Gelegenheit bietet, es auszuüben. Dazu wird es allerdings nach der Versicherung der Thora niemals kommen, man darf sagen, leider, was aber nur beweist, datz es niemals von der Gesamtheit ausgeübt

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.