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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-11-26 · 48 (26.11.1909) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
48 (26.11.1909)
Date
1909-11-26
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 48 Dr. Blochs Wochenschrift. Sette 815 gelehrt. Darum hat sie dem Sabbat seinen Platz gleich an der Eingangspforte der Natur, in der Schöpfungsgeschichte, angewiesen, damit wir durch ihn die Natur und freilich auch ihn durch die Natur verstehen lernen. Wie sehr unserer Religion dieses Naturverständnis am Herzen liegt, kann keinem unbekannt sein, der mit ihren Urkunden auch nur einigermaßen vertraut ist. Wir brauchen bloß den 104. Psalm oder die letzten Kapitel des Buches Hiob aufzuschlagen, Schilderungen, die bereits Alexander von Humboldt verherrlicht hat, und wir werden uns überzeugen, wie sehr es unserer Religion darum zu tun ist, uns über die Natur zu belehren, damit wir aus ihr Lehren für uns ableiten. Wenn wir nun diesen Weg zu dem Zwecke verfolgen, .um die ethische Bedeutung des Sabbat zu ergründen, so ist es ratsam, zunächst die Aufmerksamkeit auf eine Erscheinung zu lenken,, die für unsere Zeit charakteristisch ist. Wir leben in einer Zeit des Sportes. Dieser bildet jetzt eine stehende Rubrik in den Tagesblättern, so sehr nimmt er das allgemeine Interesse in Anspruch. Zu Hause, in der Schule, auf freien Plätzen werden die Leibesübungen eifrig betrieben. Mit Recht. Denn sie sind der Gesundheit zuträglich, sie erhalten die Gliedmaßen gelenkig und geschmeidig, befördern den Stoffwechsel und üben andere günstige Wirkungen auf den Körper aus, die ein Arzt genauer kennt und besser beschreiben kann, als ich es zu tun imstande bin. Aber aus eine Wirkung, die vielleicht die wertvollste ist, möchte ich ganz besonders aufmerksam machen: das ist die durch die Leibesübungen vermehrte Energie, die den Körper ausdauernder und widerstandsfähiger gegen die Einflüsse der Witterung und sonstige Anfälle macht. Wenn also auch jene Leibesübungen als ein Ausruhen und als Erholung von der Arbeit betrachtet werden können, so leisten sie doch selbst erhebliche Arbeit, indem sie dem Körper ein unschätzbares Kapital von Energie zuführen, wovon er in gegebenen Augenblicken den heilsamsten Gebrauch machen wird. Ebenso ist auch die jeweilige Ruhepause in der organischen Welt, von ihrer Kehrseite betrachtet, eine außerordentliche Arbeitsleistung, wodurch die Erhaltung, das Wachstum, die Widerstandsfähigket des Organismus befördert wird. Durch die Art, wie wir uns auszudrücken pflegen, bezeichnen wir instinktiv richtig die Ruhe nicht als einen passiven Zustand, sondern als einen tätigen Faktor. Wir sagen: „Der Schlaf hat mich gestärkt", das Wort „stärken" bezeichnet aber die Ausübung einer Tätigkeit, während wir doch den Schlaf für einen Zustand vollkommener Untätigkeit halten. So sehen wir, daß es eine absolute Ruhe in der organischen Welt überall nicht gibt, nur der Tod ist ein Zustand vollkommener Ruhe, aber das Leben weiß nichts von Ruhe. Damit sind wir auf dem Punkte angelangt, die ethische Bedeutung des Sabbat zu erkennen. Dieser Arbeitsbrecher ist auch der größte Arbeitsvollzieher, denn, indem wir am Sabbat von der körperlichen Arbeit ablassen, sammeln wir ein Kapital von geistiger und sittlicher Energie, das uns Widerstandskraft gegen die Versuchung und Spannkraft zur Ausübung der edelsten Aufgaben gewährt. Der Sabbat ist ein Reservoir zur Aufnahme und Aufbewahrung von ethischen Energiemengen, aus dem wir in Zeiten drohender Ohnmacht und Verzweiflung gespeist werden. Die Vorstellung von einer am Sabbat in dem Menschen erwachenden „zweiten Seele", mrv ."imm entspricht der energetischen Wirkung des Sabbat, und der Gebrauch des Riechfläschchens illustriert ebenfalls diese Wirkung, indem es dazu dient, bei deren Aufhören am Ausgange des Sabbat den Menschen gleichsam zu laben, wie man einen Ohnmächtigen damit labt. Um den Sabbat als den stärksten sittlichen Faktor, als den Träger der größten Machtfülle ethischer Energie zu kennzeichnen, stellt die Thora Gott selbst vorbildlich als den Stifter und ersten Beobachter des Sabbat hin, indem sie von ihm sagt 'rzvn arsi „am siebenten Tage ruhte er", und onomatopoetisch hinzufügt vsi'i was wir im Deutschen ganz genau, nur durch die Versetzung der Buchstaben unterschieden, mit dem Worte wiedergeben können „er verschnaufte sich", womit die lastende Schwere der Alltagsarbeit, im Gegensätze zu dem durch den Sabbat herbeigeführten geistigen Aufschwung drastisch ausgedrückt wird. Cs ist klar, daß diese mächtige ethische Wirkung nicht durch eine beliebige, der freien Wahl des Menschen anheimgegebene Ruhepause erzielt werden kann, sondern dazu bedurfte es eines bestimmten, vollkommenen Tages der Sammlung, welchen eben der Sabbat vorstellt, und wenn man sich aus Unverstand berechtigt glaubt, die Unerbittlichkeit zu beklagen oder zu tadeln, womit die Thora die Entweihung des Sabbat abwehrt und bestraft, so bedenkt man eben nicht, daß das Leben viel unerbittlicher ist, daß es ohne Rücksicht und Schonung den Menschen zu bewältigen und zu entwurzeln sucht. Dieser Ansturm kann aber nicht mit dem Fliegenwedel abgewehrt werden, dazu mußte dem Menschen ein Fels geboten werden, an dem die Wogen des Lebens sich brechen und auf dem er festen Halt findet, und dieser Fels ist der Sabbat. Würde man ihn verwaschen oder zerbröckeln, dann würde er aufhören, ein Felsen zu sein. Ich könnte hier in Versuchung geraten, den Sabbat poetisch zu verklären, seinen Zauber zu besingen. Leider steht seine poetische Verherrlichung, die sich sogar Heinrich Heine nicht entgehen ließ, im umgekehrten Verhältnis zu seiner Beobachtung. Der Sabbatstube hat man ihren Platz in dem jüdischen Museum angewiesen, aus dem Leben schwindet sie mehr und mehr, die häuslichen Wirkungen des Sabbat hat man fast nur noch Gelegenheit. in den bekannten Bildern aus dem altjüdischen Familienleben zu bewundern, und die dichterische Sabbatfeier muß die wirkliche ersetzen. Diese Erscheinung erinnert an das bekannte Epigramm Lessings: „Wer wird nicht einen Klopstock loben? Doch wird ihn jeder lesen? Nein. Wir wollen weniger erhoben. Und fleißiger gelesen sein." Ebenso kann der Sabbat sagen, er wolle weniger besungen und fleißiger gehalten sein. Darum widerstehe ich der Versuchung, meinen Vortrag über den Sabbat poetisch zu würzen. Immerhin bleibt es ein wahrhaft poetischer Einschlag in der trüben und rauhen Geschichte des Judentums, wie der ärmste seiner Bekenner nach den Plagen und Mühen der Woche am Sabbat einen Verwandlungsprozeß erlebte, in dem die sonst gebeugte, sorgenschwere Körperhaltung einer stolzen und gebietenden Erscheinung Platz machte, in dem der Bettler zu einem Krösus, der Knecht zum Herrn, der Besiegte zum Sieger sich zu entpuppen schien, und nichts kann wahrlich erhebender sein, als der Anblick, wie der Jude des Mittelalters allen Verfolgungen und Verlockungen trotzte, weil er in eine unbezwingliche Festung, in ein Arsenal sich zurückzog. die ihm unerschöpfliche Mittel der Abwehr und des Widerstandes boten. Diese Festung und dieses Arsenal war der Sabbat. Doch wie sagt der lateinische Schriftsteller? 8eä ab initio ordiendum est. Wir müssen mit dem Anfang beginnen. Das Volk, dem zuerst die Obhut des göttlichen Geschenkes des Sabbat anvertraut worden war, bestand aus Ackerbauern. Darum heißt es in der Thora: „Sechs Tage kannst du arbeiten, aber am siebenten Tage sollst du Sabbat halten, in der Pflügezeit und in der Erntezeit sollst du Sabbat halten." Es gibt keinen Stand, dessen Wohl und Wehe mehr von den Naturgewalten abhängt, der ihnen hilfloser preisgegeben

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