Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 48 (26.11.1909)
- Date
- 1909-11-26
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 814 De. Blochs Wochenschrift. Nr. 48 theistischem Charakter behaftet, ja, datz er die älteste und vornehmste Stütze des Monotheismus ist. .Der Sabbat konnte nur in einem Volke entstehen, das so wie das israelitische das Elend der Sklaverei bis auf die Neige ausgekostet hatte, er mutzte ihm auch als die glücklichste unfc herrlichste Bezeugung der Einheit und Einzigkeit Gottes, oder des Monotheismus erscheinen. Aus dieser auf der Geschichte Israels beruhenden Voraussetzung erklärt sich die zwiefache Begründung des Sabbat, nämlich seine Zurückführung auf die Schöpfung und seine Ableitung von der Befreiung des Volkes aus Egypten. Vom geschichtlichen Standpunkte aus würden wir erwarten, datz die Thora die letztere Ableitung des Sabbat an die Spitze gestellt und seine Zurückführung auf die Schöpfung an zweiter Stelle erwähnt hätte. Die beiden Dekaloge verfahren aber bekanntlich umgekehrt. Der erstere spricht in dem Sabbatgebot nur von der Schöpfung, der letztere nur von der Befreiung aus Egypten. Diese auf den ersten Blick befremdliche Anordnung erklärt sich aber leicht aus dem Geiste der Religionsverfassung, wie sie in der Thora und überhaupt in unseren heiligen Schriften vorliegt. Hier wird überall zuerst auf die natürliche Offenbarung Gottes und erst an zweiter Stelle auf die geschichtliche hingewiesen. Um dies zu erkennen, braucht man nur das Gebetbuch in die Hand zu nehmen. Der 19. Psalm beginnt mit den Worten: „Die Himmel erzählen die Ehre Gottes usw." Sodann aber heitzt es: „Die Lehre Gottes ist vollkommen usw.". Ebenso in Psalm 93. Der Anfang lautet : „Der Ewige regiert, er kleidet sich in Majestät usw. Mächtiger als das Rauschen der strömenden Flut ist die Brandung des Weltmeeres, mächtiger Gott in seiner Höhe." Dann kommt aber der Schlutz: „Deine Zeugnisse sind durchaus bewährt usw." Aus diesen Beispielen, die sich leicht vermehren lassen, geht hervor, datz in unseren heiligen Schriften die Offenbarung Gottes in der Natur immer zuerst zu Worte kommt, worauf alsdann an zweiter Stelle die Offenbarung Gottes in und für Israel betont wird. Danach richtet sich auch die zwiefache Begründung des Sabbat, zuerst als des mwna nsw, der auf der Schöpfungsgeschichte beruht, sodann als des hervorragendsten Erinnerungszeichens an die Erweisung Gottes in der Befreiung Israels aus der egyptischen Knechtschaft. Mit dieser Anordnung hängt aber noch ein zweites wichtiges Moment zusammen. Durch die Verknüpfung des Sabbat mit dem Leben der Natur erhält diese Institution einen universalen Charakter, denn die Natur ist, wie Gott selbst, für alle Menschen, für alle Geschöpfe da, es ist aber der Beruf Israels, als des Kronhüters dieser religiösen Institution, sie vor allem zur Erscheinung zu bringen und zu heiligen. Ie heftiger unserer Religion von nichtjüdischer Seite der universale Charakter abgestritten wird, desto nachdrücklicher müssen wir ihn betonen, und dazu bietet der Sabbat die beste Gelegenheit. Die Geschichte der Schöpfung ist keine Spezial- und keine Nationalgeschichte, sie hat nicht das Volk Israel, sondern den Menschen zum Gegenstände, also ist der auf die Schöpfung begründete Sabbat kein israelitisches Spezifikum, wohl aber ist Israel durch seine Geschichte vorzugsweise dazu erzogen, der Bannerträger und Herold dieser schon in der Schöpfungsgeschichte begründeten göttlichen Wahrheit zu sein. Die universale Institution des Sabbat erhält nur durch ihre Verknüpfung mit der egyptischen Knechtschaft ihren spezifischisraelitischen Einschlag. Ich habe nachgewiesen, datz dieses Ausgehen von dem Allgemeinen mit dem nachfolgenden Uebergang auf Israel im Besonderen auch in unseren Gebeten, besonders in der Schmone-Etzre, zu Tage tritt. Dasselbe Verhältnis spiegelt sich auch in der Zwiefachen Natur des Sabbat. Aus dieser Uebereinstimmung des Sabbat mit dem ganzen Religionssystem der Thora geht hervor, datz er mit ihm organisch verwachsen und nicht von anderswo entlehnt ist. Denn was zu einem Organismus gehört, mutz auch mit ihm entstanden fein, der Sabbat aber ist das Rückgrat unserer Religion, an ihm baut sie sich auf, er führt in diesem Sinne den Namen preis nzv der Ruhetag par excellence, das Rückgrat aber kann am allerwenigsten von einem Organismus erborgt und ihm erst nachträglich eingefügt worden sein. Man kann von dem Ursprung und der geschichtlichen Beziehung des Sabbat nicht reden, ohne auch dem Worte a l s s o l ch e m Beachtung zu schenken. Wenn wir uns auch gewöhnt haben, fß® durch „Ruhe" wiederzugeben, >so ist diese Uebersetzung doch nur eine sinngemäße, keine wörtliche. Durch die Verdopplung des mittleren Konsonanten bezeichnet das Wort dem hebräischen Sprachgebrauch gemäß einen, der eine Tätigkeit ausübt, wie den Iäger, npn den Salbenmischer, den Dieb bezeichnet. Danach sollte man erwarten, datz das Wort durchgängig als Maskulinum behandelt würde. Das ist aber nicht der Fall, sondern es wird öfter als Femininum gebraucht. Dies erkläre ich mir so, datz man bei dem Worte unwillkürlich an das Wort Arbeit, gedacht und infolgedessen das weibliche Geschlecht dieses Wortes auf das Wort N2D übertragen hat. Wenn dem so ist, dann läge hier eine Art Synekdrome, talmudisch gesprochen ein wvbi rrnzv vor, das ist die sprachliche Erscheinung des Zungenlaufs, wodurch man sich gewöhnt, ein Wort nach der Analogie eines anderen, erinnerungsverwandten auszusprechen, obwohl die Aussprache tatsächlich unrichtig ist. So sagt man im Deutschen unrichtig „morgendlich" mit einem ganz unpassenden d, blotz weil man dabei an den Gegensatz „abendlich" denkt, wo das d allerdings am Platze ist. Aehnlich so mag na® als Femininum nach der Analogie von naabo in Gebrauch gekommen sein. Im Griechischen ist Sabbat ein Neutrum, wofür ich keine Erklärung weitz, dagegen drückt das deutsche „der Sabbat" instinktiv richtig den männlichen Charakter des Sabbat aus, wenn nicht „der Sabbat" blotz eine Verkürzung für Sabbattag, wie Samstag sein sollte. Soviel ist gewitz, datz keinen passiven Zustand bezeichnet, sondern den siebenten Tag in dem Sinne qualifiziert, daß er eine Tätigkeit, eine Wirkung ausübt. Demgemäß ist der Sabbat eigentlich der Arbeitsbrecher, oder, um das im Deutschen gebräuchliche Wort auf ihn anzuwenden, wozu er ja alle Veranlassung bietet, der Sorgenbrecher. Also schon als blotzes Wortgebilde ist der Sabbat eigenartig. Cs wird wenige Wörter sittlichen oder religiösen Inhalts in welcher Sprache immer geben, die ihren Begriff so präzise und kräftig verlautbaren. Als der Arbeite und Sorgenbrecher ist der Sabbat der älteste und lauteste Protest gegen die Sklaverei, ist er der Herold der Freiheit, erhebt er den Menschen aus dem Staube, aus dem er geboren, über diesen Ursprung hinaus zum Gottesbewutztsein und zur Menschenwürde. Um dies näher auseinanderzusetzen, schreite ich zum zweiten Teil meiner Aufgabe, der Betrachtung des Sabbat von seiner ethischen Seite. II. Hat unsere Religion nur die Natur abgeschrieben, indem sie dem Menschen jeweilige Ruhe geboten hat? Die Frage ist anscheinend berechtigt, denn nichts ist natürlicher, als jeweilige Ruhe. Der Schlaf und das Ausruhen sind ebenso unerläßliche und selbstverständliche Bedingungen unserer Erhaltung, wie Speise und Trank, die deshalb niemals geboten wurden. Die ganze orgaganische Welt feiert ihren Sabbat. Und dem Menschen mutzte er erst von der Religion geboten werden? Allerdings, aber er ist keine Kopie der Natur, sondern die Religion hat uns erst durch ihn die Natur verstehen