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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-11-19 · 47 (19.11.1909) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
47 (19.11.1909)
Date
1909-11-19
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 810 Dr. Vlochs Wochenschrift. Nr. 47 Vaters und die unter Tränen vorgetragene Philippika meiner Mutter nützten nichts. Ein rotköpfiger Schüler, der einmal fehlte, wurde verhauen unter fortwährendem Zuruf: „Du, roter Betrüger! Einem, der die Worte: „Keeii Onauchi" — „Siehe ich" im Deuteronomium nicht übersetzen konnte, sollte des Meisters Ironie zum Wissen verhelfen, er sagte: Beeh das heißt werde blind (statt S i e h e) Onauchi das heißt Du (statt ich). Ein anderer liest das Noa- Kapitel falsch, da zitiert der Meister anstatt: „Du sollst die Arche bekleben von innen und außen mit Pech", „Dich sollte mau von innen und außen bekleben mit Pech." Daraus fragte Rabbi Israel denselben philosophisch: „Warum warft Du nicht dabei, als Noah die Arche verklebt hatte?" Der Schüler stutzt. — Darauf er: „Nun wärest Du damals dabei gewesen, hättest Du es nicht erlebt, hier zu sein und mich so zu ärgern?" Der philosophische Humor im Aerger des Schultyraunen bekam ihm vorzüglich, er war me krank und am wohlsteu fühlte er sich nach dem Analysieren, denn er wußte, daß die frommen Frauen am Freitag zum Sabbat die bestell Speisen kochten und bucken, und da er zuhause selten sich satt aß, erschien er in den besten Häusern, wo die frischen Kuchen und würzigen Gerichte ihn gleichsam von der Ferne anlockteu. Sah er die gefüllten Fruchtdalken oder Dolces, so setzte er sich hin zum Tische, fing eine interessante Geschichte izu erzählen an, während welcher er das gewöhnlich platte, große Gebäck so kunstvoll zusammenrollte, erst zur Hälfte, dann immer und mehr halbierend, bis er nach einem gewaltigen Biß des in seinen Händen zusammengeschrumpften Kucheustückes ausholte, zum Gaudium der freigebigen Ellern seiner Jünger. Wie die Großkaufleute Hamburgs es nicht lieben, im Hause außerhalb der Comptoire von Geschäften zu reden, so redete er an solchen Freitag-Nachmittagen vor den Eltern nie und nimmer von SchulanZklegenheiteu. Au Sabbaten und Festen lud er Eltern und Begabtere zu Vorträgen über Decisoren, über Maimonides und Religionsphilosopie ein, die er gewöhnlich des Morgens vor dem Mussafgebete hielt, während er zu Vesper über die Proverbien Salomos mit Vorliebe sprach. Ferien hatte und kannte er nie, nur am Lagbeomer, das ist am 33. Omertage zwischen Pessach und Schebuot, gab er frei. Auch veranstaltete er im „Weingarten" hie und da an diesem Tage des traditionelleu Schülerfestes ein sogenanntes „Maiales“ öder Maifest, -bei welchem er biblische Szenen schauspielerisch mit verteilten Rollen zur Aufführung brachte. „Die Eroberung Ais" im Josuabuche war die erste Tragödie, die ich im Leben gesehen, aufgeführt von den Schülern des Rabbi Israel, er selbst war ein possierlicher Josua, am komischesten, wenn er mit der Bohnenstange, die Josualanze, dem Hinterhalt seiner Truppen das Zeichen zum Eindringen in die Stadt Ai gegeben, es war dieses ein verfallenes Lusthäuscheu neben einer katholischen Kapelle inmitten bt§ kleinen Weinberges, genannt „Weingarteu". Selten oder nie sah man ihn lachen, auch nicht am Chanuka, wo er im Schulzimmer nach Auzünden der Weihelichter uud dem gemeinsamen Gesang die große Rechentafel auf die Bänke legte und mit den Schülern um Nüsse „Trendel" spielte. Noch einer Tatsache will ich hier gedenken, die sich an meinem Barmizwa-Tage ereignete. Seit meinem II. Lebensjahre besuchte ich die Lateinschule im Franziskanerkloster in Sillein unb setzte die talmudischen Studien bei dem^altfrommen Rabbiner R. Josef Grüubaum s. A., meinem zweiten Lehrer des Hebräischen, dortselbst fort; zur Barmizwa-Feier aber sollte ich heim uud im Tempel.außer dem Vortrag des Schriftabschnittes predigen und nach heimischer Sitte auch einen Halacha Chiluk, das heißt eine talmudische Abhandlung zum Besten geben. Ich ging per xeäss über den Hricoer Berg, die Rede eiustudierend, die mir mein zweiter Meister verfaßt hatte, und kam kurz vor Sabbatanfang zu meinen geliebten Eltern nach Hlinik. Meine edle Mutter ließ mir aus. dem Chupparock des Vaters von dem großen Kleiderkünstler, genannt „Löbl Schneider", der, um mit dem Volksmunde zu sprechen, im Stande war, aus einer Weste einen Salonrock zu fertigen und aus einer Mütze ein Paar Beinkleider, eine kurze Joppe, genannt „Spenzer", mit großen silbernen — natürlich unechten — Knöpfen zur Barwizwa-Feier machen, die ich auch freudig erregt wie ein junger Magnat anlegte. Als ich nach Vorlesung der Sidra dann von allen Anwesenden im Gotteshause beglückwünscht wurde, rief mich Rabbi Israel zu sich und begleitete sein „llejasehor Koach“, den üblichen Wunsch, mit komischen Gesten, entfernte den kleinen Gebetmantel und rief ziemlich vernehmbar, jeden Knopf des Spenzers mit seinen Fingern erfassend: „Was soll das? Das gehört sich nicht für einen Jünger der Weisheit Gottes." Alle-Z lächelte, mein Vater errötete, mir stiegen heiße Tränen ins Auge, und was das Schlimmste war, ich vergaß vor Schreck meine Predigt und den Halachavorträg zum Entsetzen meiner Familie. Erst im Hause, nach der Beruhigung der zahlreichen Besuche und nach der Beschwichtigung des mich in die Arme schließenden gestrengen Lehrers, der nur gescherzt zu haben vvrgab, konnte ich, anfangs stotternd, dann ziemlich fließend, meine Rede halten; welche Seligkeit für meine Eltern und besonders für meine beiden Großeltern, die, so oft ich heimkam, diese Episode märchenhaft ausschmückend, mir immer vom neuen ins Gedächtnis riefen. Meinen Lehrer sah ich während meiner weiteren Studien oft, zum letzten Male bei meiner Hochzeit, bei der er in hebräischer Sprache eine geistvolle Tischrede hielt. Ich hörte dann nur noch Trauriges von ihm. Ein roher Mensch, dessen Kind R. Israel nach seiner Pädagogenart gezüchtigt hatte, vergriff sich an ihn, schlug ihn mörderisch und veranlaßte seinen Fortzng nach einem anderen kleineren Orte, woselbst er ein einsames elendes Hungerlehrer-Leben geführt, hat, bis er, verlassen von Weib und Kind, von Freund und Genossen, dahinsiechte und etwa vor 25 Jahren starb. Auf meine Bitte besuchte mein sel. Schwiegervater, der Hliniker Gemeindevorsteher Samy Nowak, sein Grab im Dorfe Tschawnik, das, verwahrlost, ein Weideplatz der Dorfherde geworden. Wir setzten es dann in Stand und errichteten ein Denkmal dem Manne, der sein ganzes Leben Gott und seiner Lehre geweiht, tausende von Schülern gebildet und augeleitet hat zur Treue gegen unseren jüdischen Glauben. Bedurfte er eines Denkmals? „Des Frommen Werk ist sein Denkmal", sagen unsere Weisen. Du lebst fort und Dein Andenken, dem wir hier Worte liehen, wird gesegnet bleiben, Rabbi Israel, mein erster Lehrer! _ Hiterat«r. Doppelberichte im Pentateuch. Ein Beitrag zur Einleituna in das Alte Teuament. Bon Dr. lheol. Alfons Schulz, a. o. Professor am Königlichen Lyceum Hostanum in Braunsberg. (Biblische Studien, XIII. Band, 1. Heft.) Gr. 8° (VIII u. 96) Freiburg 1908' Herdersche Verlagshandlung. Mk. 2.80 Schulz prüft einen der Gründe nach, die feit Richard Simon für den zusammengesetzten Charakter des Pentateuchs ins Feld geführt werden, nämlich die angeblichen Doppelberichte Er kommt zu dem Ergebnis, daß im Pentateuch tatsächlich manche Ereignisse mehrmals erzählt sind und daß mitunter solche Doppelerzählungen ineinander gearbeitet sind. Das gilt nicht nur für die Genesis, sondern auch für die späteren Bücher. Da nur das Vorhandensein solcher Doppelberichte bewiesen werden sollte, sind nicht sämtliche Behauptungen der Kritik untersucht worden. In eine kritische Prüfung der Abfassungszeit läßt sich der Verfasser ebenfalls nicht ein — aus Respekt vor der Tradition. S. Fritz (Fritz Singer). Plaudereien eines Schweigsamen. Verlag von Heinrich Minden, Dresden und Leipzig. Der Autor genießt als Stilist von eigenartiger Begabung einen anerkannten Ruf. Seine Stimmungsbilder: „Briefe eines Junggesellen"; die kleinen Geschichten: „Voran die Liebe" und „Auch für Mädchen", ebenso wie „Duette ans dem Eheleben",

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