Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 47 (19.11.1909)
- Date
- 1909-11-19
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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«r. 47 Dr. Blochs Wochenschrift. Leite 809 schlag ihres Rabbiners R. Moses Neubauer, eines Anverwandten des Oxforder Professors, ihm, dem ungeprüften Autodidakten, das Recht zu übertragen, die jüdische Jugend zu lehren. Tausende von Schülern aus dem ganzen Komitate lernten bei ihm Thora, Talmud und hebräische Grammatik, auch die Elementargegenstände der Normal-Volksschule. Alles, was in der letzten Hälfte des 19. Jahrhunderts an Hingebung für das Judentum und seine Institutionen im Komitate geleistet wurde, war die Frucht seiner pädagogischen Arbeit, wenn auch unsere Zeit mit Fug und Recht einen lebhaften Protest gegen seine Pädagoge nart einlegen dürfte. Denn er war kein moderner Lehrer, im Gegenteil ein harter Pedant, versessen auf die Autorität, nicht den geringsten Raum dem individuellen Schülergeiste einräumend, wie die meisten älteren Meister des Cheders im Osten; sein Wissen, sein Fluchwort und sein Stab erhielten ihm den Respekt selbst reicher Schüler, die von der Not, der materiellen Armut des oft hungernden Lehrers und seiner Familie Kenntnis hatten. Das Schulgeld — Rebbegeld genannt — monatlich einen halben bis einen Gulden, dazu im Winter von jedem Kinde ein Scheit Holz zur Erwärmung und zweimal wöchentlich eine Talgkerze zur Beleuchtung des luft- und lichtlosen, engen Raumes — reichten nicht hin, der Familie ein gutes Auskommen zu schaffen. Dazu kam, daß er höchst unglücklich mit seiner Frau lebte, einer zänkischen, selbstsüchtigen Frau, die kein gutes Wort, auch nicht einmal einen schlechten Bissen für ihn übrig hatte. Als Witwe mit zwei Töchtern war sie in sein Haus gekommen, hatte ihm als Mitgift die Sorge um ihre Existenz und das tägliche Gezänk um nichts, aus reiner Lust an seinem Aerger, mitgebracht. Den harten Mann hat die Frau an Härte beiweitem übertroffen; die Zerwürfnisse verbitterten ihm das Leben. Ein Lichtstrahl wurde ihm von der Vorsehung in sein Dunkel herabgesandt — in der liebreizenden Tochter Lotti. Ihr wandte sich seine ganze Liebe zu. Merkwürdig, während der Talmud und die rabbinischen Schriftwerke das Weib vom Thorastudium fernzuhalten nachdrücklich hervorheben, mußte Lotti, die liebliche Jüngste vom Hause Rosenzweig, täglich von 7 bis 12 Uhr und von 1 bis 7 Uhr mit den Knaben zusammen unterrichtet, meist Hebraica und Talmudica lernen, und es war des Vaters Stolz, daß Lotti fast Alle an Fleiß und Können überragte, ein Abbild von Raschis Töchtern. Ihr zuliebe ertrug er die Launen seiner Xantippe, die fast täglich vor den Schülern in unwirschem Tone Geld verlangte, um Nahrungsmittel einzukaufen; ein Strahl von Lottis Augen sänftigten seinen aufsteigenden Zorn, und öffnend die magere Börse stammelte er seine stereotypen Worte: „Hab' ich denn eine Münzbank?" Rabbi Israels kleine, enge Schule, in welcher über dreißig Kinder zusammengepfercht 11 Stunden täglich ohne Pause, ohne Bewegung in frischer Luft saßen — Hausarbeiten gab es nicht — hatte für mich einen Reiz, einen unsäglich magischen Zauber, der mich schon im vierten Lebensjahre so gewaltig anzog, daß ich — wie mir meine erst im vorigen Jahre verstorbene greise Mutter s. A. oft erzählte — mich heimlich vom Hause, wo mein seliger Vater ein Getreide- und Mehlgewölbe innehatte, fortstahl, um als freiwilliger Hörer schüchtern an der Pforte der lauten Kantilene des wie einen Gott verehrten Weisen des Talmud zu lauschen. Eines Tages lockerte ich die losen Zaunbretter, die mein Vaterhaus von der Schule trennten und drang stürmisch ein mit der Bitte, das hebräische Alphabet kennen zu lernen. Fast kosend hob mich der Lehrer auf seinen Schoß und gab mir eine Buchstabentabelle, die ich im Hintergründe nachzeichnen und dann unter seiner Leitung verarbeiten sollte. Die Eltern suchten mich in den Häusern, in den Höfen und Gärten des Dorfes vergebens, die Mutter, voll Angst und Sorge, lief von Nachbar zu Nachbar, es schlug 10, 11 Uhr, sie mußte das Mittagessen bereiten, sie konnte es nicht, sie jammerte, ihr Kind sei gewiß unter den Wagenrädern irgendwo zertreten worden. Niemand ahnte oder vermutete, ich sei in der Schule. Nach 12 Uhr führte mich R. Israel heim und ehe er ein Wort herausbrachte, schwang mein Vater einen Stecken über meinen Rücken und prügelte den kleinen Deserteur tüchtig durch, während meine Mutter noch bitterlicher als ich weinte, vielleicht mehr als über mein Weh aus Freude, daß ich wieder da sei. Da erhob sich der grimmige Schulmeister und wies wie ein alter Prophet die Eltern zurecht. „David will lernen und Ihr schlaget? Er soll zum vierten Geburtstag dawenen, das ist beten können, zum fünften Tenacb, das heißt Thora, Newiim Chesuwim- Bibel, Propheten und Leseschristen beginnen, und zum siebenten die Mischna und die G e m o r o, den Talmud." So war es. Aber nicht immer war dieser Prophet so milde, oft fühlte ich seine wuchtige Hand auf meinem Kopfe, auf meiner Backe und sein Pfeifenrohr auf Rücken und Arm. Brachte mir meine Mutter gewöhnlich nach der ersten Schulstunde mein Frühstück, bestehend aus einer Schale Milch und einem Stück Schwarzbrot, so mußte sie es wieder heimtragen, weil ich's noch nicht verdient hätte, erst nach zwei Stunden geistiger Kost solle sie wiederkommen, weshalb meine geliebte Mutter Mirjam den Raboi unaussprechlich haßte. Wollte ich in der Hitze der halsaustrocknenden Kämpfe der Thora ein wenig Wasser, da donnerte der harte Meister: „Brennt Dich die Thora?" Am schlimmsten ergings uns Schülern am Freitag vormittags. Da würde das Pensum der ganzen Woche wiederholt, da wollte der Rabbi das Fazit seines Wirkens sehen, da wollte er sicher sein, daß seine Jünger beim Sabbatverhör des Gemeinderabbiners, der alle Sabbat Nachmittags bei ihm (in Kottesso 10 Minuten von Hlinik rechts) oder bei einem Gelehrten (R. Mordchai Hübsch, einen Stämmling der Familie Jophe in Bittsche 10 Minuten von Hlinik links) vor sich ging, gut bestehen. Wir waren umso eifriger, als damit eine Belohnung guter Leistungen verbunden war. Die Frau des Examinators gab in der Regel dem belobten Prüfling 1)o1eo8, das ist Süßigkeiten, Kuchen gefüllt mit Obst oder Käse oder Kohl und Kartoffelbrei, dazu Johannisbrod oder Boxhörnchen, Früchte u. A. Außerdem wurde Freitag der Wochenabschnitt, Sidra mit Betonung (Regina) und ebenso die Haftara vorgenommen und am Schluffe die ersten Bibelsätze grammatisch analysiert. Das Analysieren war gewöhnlich der Schrecken Aller, denn da erschien, der Lehrer in seiner ganzen Härte und Tyrannei und wehe dem, der sich gegen die Gesetze der heiligen, hebräischen Sprache versündigte, ein Verb oder Substantiv verkehrt behandelte oder auch nur einen Vokal oder ein Pünktchen falsch angab. Da sauste das „Weinrebel" oder das lange Pfeifenrohr nieder auf die zarten Rümpfe, da regnete es Maulschellen, da ergoß sich ein Strom von Spitznamen und Schimpfworten, da gab es Geheul und Zähneklappern in Jungisr^l, wie es die Phantasie nur mit dem jüngsten Gerichte zu verknüpfen gewohnt ist. Lebhaft steht vor meinem Geistesauge R. Israel, wie er poetisch wortbildend den einen „Schnaberl", den anderen „Penemel", Gesichtet, einem Wilhelm „Willufchka", singend wie beim Talmudvortrag, nennt und bald darauf die Prosa des Ohrfeigens bis auf's Blut folgen läßt. Da vergißt ein buckliger Knabe, was ein Dagesch forte (Doppelpunkt) bedeutet; ohne seine Besinnung abzuwarten, tönt es süßlichsauer von oben herab in sein Ohr: „Dagesch ist so ein klein B u ck e l ch e n oder Pückelchen" in der Mitte eines Konsonanten. Einen Fehler, den ich einst im „Analysieren" machte, büßte ich dadurch, daß ich acht Tage daran denken mußte — der Rabbi versetzte mir eine Maulschelle mit seiner rechten Hand, nachdem er seinen Siegelring zur Handfläche umgekehrt hatte, und so trug ich seinen Namen und Stempel auf meiner Wange eine volle Woche und der Protest meines