Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-11-19 · 47 (19.11.1909) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
47 (19.11.1909)
Date
1909-11-19
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3020846-3021818-3021866--18795-3043743
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Sette 802 Dr. Blochs Wochenschrift. irr. 47 f [1 Aber damit ist die Gegnerschaft, die Denkmalfeindlichkeit noch immer nicht erklärt. Sehen wir aber genau zu, sehen wir uns die gegen die Ehrung Heines agitierenden Leute näher an. so staden wir, daß ihr Beweggrund einzig und allein d-r Antisemitismus ist: Der Jude darf kein Denkmal bekommen. Man schämt sich freilich noch hie und da, dieses Motiv offen zu gestehen und maskiert es daher mit allerlei patriotischen und sch-iuheiligen Phrasen: „Heine war ein f.ivoler, indezenter Dichter, ein Feind Deutschlands, ein Franzosenfreund, er hat das Haus Hohenzollern, die Pickelhauben und die Stadt Hamburg beschimpft" u. dgl. Selbst wenn das olles wahr wäre, sollte es doch hem Dichter seiu Anrecht auf ein Denkmal nicht nehmen. Dante hat seine Landsleute und besonders die Florentiner noch viel ärg-r geschmäht, sie noch vi^l schärfer getadelt, und doch g'bt es fast keine größere Stadt Italiens, die nicht sein Denkmal besitzt, eö en Platz oder eine Straße nach ihm benennt. Florenz hat wiederholt Ravenna um die Rückgabe seiner Asche gebeten. In d-r Göttlichen Komödie genannt zu werden, sei es auch mit Schimpf und Schande, galt so viel wie ein Adelsdiplom. Wie der große Dantekenner und Geschichtsforscher Jstdoro del Lungo erzählt, sollen im 16. Jahrhundert manche Florentiner Patrizier gesagt haben, sie hätten sich gern ein gutes Stück Geld kosten lassen, um einen ihrer Ahnen in der Göttlichen Komödie, sei es auch als Bewohner des tiefsten Höllenk, eises, erwähnt zu finden. Der Historiker Sismondi sckämte sich nicht, die Stelle des Inferno zu zitieren, in der seine Ahnen „magere, wohlgehetzte Hunde" genannt werden. Und selbst die katholische Kirche hat dem Dichter alles Böie, das er von Päpsten, Priestern uud Mönchen gesagt hat, längst verziehen. Gewiß kann es mir nicht einfallen. Heine als Dichter und als Charakter neben Dante zu stellen; aber hat man nicht in Deutschland Leuten Denkmäler errichtet, die so tief unter ihm steheu. als er uuter dem großen Italiener? Freilich. Heine war kein Hurrapatriot nach Art moderner Byzantiner, die alles loben, bewundern und nachzuahmen suchen, was eiu Kronenträger sagt, urteilt und tut. Aber er war ein besserer Patriot als. mancher kornblumengeschmückte „reine Germane". Und gerade die Liebe zum Vaterlande hat ihm die bittersten Worte über die deutsche Kleinstädterei und Kleinstaaterei, über die mit Polizei und Zensur das Volk beherrschenden Fürsten in den Mund gelegt. Ja, was heute als Zeichen höchsten Patriotismus und loyaler Gesinnung gilt — die Begeisterung für eine deutsche Flotte, äußerte sich lebhaft bei ihm, freilich nach seiner Art in Verspottung der unzureichenden Mittel, die man vor 60 Jahren zur Schaffung einer solchen anwenden wollte. Und viel früher als mancher jetzt berühmte und belobte Staatsmann hat er erkannt uud verkündet, daß Deutschland nur seiner „maritimen Unmacht, wobei keine Haudelsstinkurrenz zu besorgen steht", das Wohlwollen Großbritanniens zu verdanken habe. „Der Haß den die Engländer gegen die Franzosen hegen", meinte er „ist für dieses Volk weit ehrenvoller, als die impertinente Liebe dir sie uns Deutschen angedritzen lassen".') Auch für Heine ist der Haß der Judenfeinde ehrenvoller als die Bewunderung, die sie für ihre Dichterlinge zur Schau tragen. M. L. Wien. (Vom Verwaltungsgerichtshof.Die allgemeine Bildung des Rabbiners.) Im Jahre 1903 wurde von der israelitischen Kullusgemeinde in Oswiecim Herr Osias Pinkas Bombach zum Rabbiner bestellt. Die fortschrittliche Partei unter der Judenschaft Aus den Pyrenäen, Bareges 20. August 1846. von Oswiecim protestierte gegen diese Wahl mit der Behauptung, daß der Gewählte nicht die im Gesetze vor-' geschriebene allgemeine Bildung besitze, da er nicht einmal lesen und schreiben könne. Die Bezirkshauptmannschaft, ebenso die Statthalterei wiesen den Protest zurück unter dem Hinweis auf ein von Bombach vorgelegtes Zeugnis, wonach er im Jahre 1893, er war damals bereits 28 Jahre alt, in Brody als Privatist die Prüfung über die vierte Volksschulklasse mit gutem Erfolg bestanden hatte und zum Aussteigen in eine höhere Klasse für reif erklärt wurde. Das Unterrichtsministerium gab jedoch dem Rekurse, der von fortschrittlicher Seite gegen die Entscheidung der Statthalterei erhoben worden war, nachdem es ein Gutachten des Landesschulrates eingeholt hatte, statt. Der Landesschulrat hatte erklärt, daß das vorgelegte Schulzeugnis nicht hinreiche, um Bombach die Eignung für die Rabbinerstelle zuzusprechen, da nach einer Verordnung aus dem Jahre 1Ö92 in kleineren Städten Galiziens nur der zum Rabbiner bestellt werden könne, der eine allgemeine Bildung durch Vorlage eines Zeugnisses über eine vollständig absolvierte vierklassige Volksschule vorlegen könne. Gegen diese Entscheidung des Ministeriums erhoben die israelitische Kultusgemeinde in Oswiecim und der Rabbiner Bombach die Beschwerde an den Verwaltungsgerichtshof, die unter dem Vorsitze des Senatspräsidenten Trura zur Verhandlung gelangte. Der Beschwerdevertreter, Dr. Edmund Kornfeld, führte in formaler Beziehung aus, daß das Unterrichtsministerium als Oberste staatliche Schulaufsichtsbehörde nur berechtigt gewesen wäre, innerhalb einer Frist von 30 Tagen nach Bestellung des Rabbiners ihn zu amovieren, nicht aber erst nach fünf Jahren infolge Einschreitens von dritter Seite die Amovierung zu verfügen. In meritorischer Beziehung machte Dr. Kornfeld gellend, daß das vorgelegte Schulzeugnis des Rabbiners für seine <Oualifikation als Rabbiner hinreiche. Der Ministerialvertreter, Ministerialsekretär Dr. Bittner und der Vertreter der mitbelangten fortschrittlichen Partei, Dr. Arnold, traten für die Abweisung der Beschwerde ein. Letzterer führte insbesondere aus, daß das vorgelegte Schulzeugnis keineswegs eine allgemeine Schulbildung des Rabbiners bescheinige, da es eine Klassifizierung aus Geographie und Geschichte, ja selbst aus Lesen nicht enthalte, so daß es nicht einmal erwiesen sei, ob der Rabbiner lesen könne. Nach längerer Beratung hob der Verwaltungsgerichtshof die angefochtene Entscheidung des Ministeriums als ungesetzlich auf. Gedenkfeier für Meir Friedwan» f. A. Vergangenen Samstag Abend, am 13. November — 1. Kislev, am Jahrestage des Ablebens des von allen verehrten Meisters Lektor M. Friedmann, fand unter außerordentlich starker Beteiligung die erste Jahrzeitfeiev statt, wobei viele infolge Ueberfüllung des Saales keinen Einlaß erhalten konnten. Die Hörer, die noch vor einem Jahre mit Entzücken die Vorträge des Verewigten genoffen hatten, waren fast vollzählig erschienen, ebenso die Schüler der Jsr.-theol. Lehranstalt und außerdem eine große Zahl von Verehrern; Freunden, Kollegen und Verwandten nebst der Familie des Verstorbenen. Anwesend waren: I. Vizepräsident Dr. Gustav Kohn, die Vorsteher Dr. Leopold Kohn, Profeffor Dr. E h r m a n n, Ad. S ch r a m e k, M. A. Pol l a k, die Bethausvorstände, Vorsteher des Beth-Hamidrasch Gottlieb B e t t e l h e i m, die Herren, Sekretär Dr. A d l e r, Dr. Frankl, die Amtsleiter W. Freist a d t, Julius B r a u n, von der theol. Lehranstalt die Herren Rektor Dr. Schwarz, Profeffor Dr. Kraus, Lektor Doktor A p t o w i tz e r, die Rabbiner Dr. Adolf Schm i e d l, Dr. Bach, Doktor Bauer, Dr. Gelbhaus, Doktor K a m i n k a und viele andere. Der Nachfolger des Verstorbenen, Herr Lektor Doktor Rubin, schilderte in seinem sehr beifällig aufgenommenen Vortrage in geistreicher Weise das Wirken und die Lehrtätigkeit

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.