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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-11-19 · 47 (19.11.1909) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
47 (19.11.1909)
Date
1909-11-19
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 800 Dr. Blochs Wochenschrift. >Jtr. 47 schließlich nicht zu erlangen. Weiß aber jemand einen großen modernen griechischen Dichter, Gelehrten, Musiker, Bildhauer oder Maler zu nennen? In der Musik sind freilich schon die alten Griechen den Juden nachgestanden, sagt doch W. Christ in seiner Geschichte der griechischen Literatur: „Verraten schon die meisten Instrumente (durch ihre Namen) orientalischen Ursprung, so weisen noch viele andere Momente darauf hin, daß auf keinem Gebiete mehr als auf dem der Musik die Griechen Anregung von außen empfangen haben." Wo sind aber die modernen Sophokles und Euripides, Aristoteles und Archimedes, Apelles, Phidias, Zeuris usw.? Die ganze moderne griechische schöne Literatur besteht aus einigen lyrischen Gedichten und Novellen, vielleicht einem Viertekdutzend Romanen und Dramen. Und es scheint, daß mit Ausnahme der Volkslieder, nur der kleinste Teil davon der Uebersetzung in eine fremde Sprache wert gefunden wurde. Griechenland hatte wohl einen talentvollen Maler, den Professor Gysis, aber als er vor einigen Jahren starb, unterließ es die Regierung, feine Gemälde >anzukaufen. Damals klagte eine Athener Zeitung (Asty): „Griechenland hat für alles Geld, für die Generale, wie für die königliche Jacht; wenn es sich aber darum handelt, schäbige hunderttausend Drachmen zu finden, um seiner Pinakothek ein Werk des größten Malers zu sichern, den es seit seiner Wiedergeburt hervorgebracht hat, nun, dann findet es kein Geld. . . . Dieser Künstler verehrte Griechenland, aber das offizielle Griechenland fand keinen Lorbeerzweig für seinen Sarg, es fand kein Wort der Sympathie für seine Familie, kein Wort der Ehrung seines Andenkens, wie es auch keinen armseligen Orden gefunden hatte, um ihn zu dem bayerischen Orden hinzuzulegen." Daß in diesen vor acht Jahren geschriebenen Zeilen schon em wenig gegen den König gehetzt wurde, wird der Leser leicht merken. Aber nicht bloß für Gemälde auch für Schulen scheinen die Griechen kein Geld Zu haben. Die Lehrer werden schlecht bezahlt, die Anstellungen werden durch Protektion von Politikern erlangt. Im Jahre 1900 betrug die Zahl der in den Schulen eingeschriebenen Kinder fünfeindrittel Prozent der männlichen, zwei Prozent der weiblichen Bevölkerung, wobei man die Besucher der Kinderbewahranstalten und Kindergärten in die Schülerzahl einrechnete. Und von den eingeschriebenen Schülern glänzten 10 Prozent durch ihre Abwesenheit. Die Juden in Rußland betrachten die Beschränkung und Erschwerung des Schulbesuches durch die Regierung als eine der ärgsten Bedrückungen und wehren sich dagegen, soweit es ihnen möglich ist. Man sollte nun glauben, daß dieser geringe Sinn für Kunst und Wissenschaft, der Mangel an höherem Streben, an Zucht und Tapferkeit im Heere durch die eifrige Pflege der materiellen Interessen, durch lebhafte iudustrielle Tätigkeit ersetzt werde, aber auch das ist nicht der Fall. Griechenland zählt sehr wenig Fabriken und vom Export griechischer Jndustrieartikel hört man fast gar nichts. Gewiß, der moderne Grieche ist ein tüchtiger, gewandter Kaufmann und Finanzmann, der Geld zu erwerben versteht. Wie früher der Italiener jeden Wucherer edrecr nannte, so der Franzose jeden falschen Spieler einen Griechen. Aber das gehört vergangenen Zeiten an. Der Wucher ist nicht mehr Haupterwerbszweig der Juden, wie er es auch früher nur in den seltensten Fällen gewesen ist, und der Grieche ist als Kaufmann und im bürgerlichen Leben so ehrlich wie die Angehörigen anderer Nationalitäten. Sie sind durch das Beispiel der so ehrlichen und gewissenhaften Türken ehrlicher geworden, sagte vor mehreren Jahren eine französische Zeitung. Aber das gilt nur vom Privatmann. Der griechische Staat als solcher ist in Geldangelegenheiten nicht, sehr ehrlich und verläßlich und besonders das Schuldenzahlen betrachtet er als eine die Nachkommen von Palikaren und Klephten entwürdigende Handlung. Wiederholt hat er die Zinsenzahlung für seine Änlehen eingestellt oder reduziert und schon 1880 hat das Amsterdamer Börsenkomitee die griechischen Anlehen aus dem Kursblatt gestrichen, weil die griechische Regierung „eine in jeder Beziehung niederträchtige (inique) uno willkürliche Konvertierung ihrer Schuld vorgenommen hat ohne die Reklamationen der Staatsgläubiger zu beachten und damit jeden Anspruch auf Vertrauen verloren habe." Trotzdem fand sich später deutsches Kapital bereit, Griechenland Geld zu borgen,' die naiven deutschen Byzantiner hielten es für kreditwürdig, weil der griechische Kronprinz eine deutsche Prinzessin.heiratete! Bald darauf erfuhr man, daß die für den Vau der Bahn Piräus- Larissa bestimmte und auf dieser fundierte Anleihe teilweise zu anderen Zwecken verwendet worden war, und 1895 stieg das Goldagio in Griechenland auf 70 Prozent. Der höchste Gerichtshof des Königreichs, der Areopag genannt wird, nach dem uralten athenischen Gericht, von dem nach der Mythe der Muttermörder Orestes auf Verwendung der Göttin Athene freigesprychen wurde, dieser gewiß unparteiische Gerichtshof entschied, daß Wechsel, welche auf Goldfranks lauten, in Papierdrachmen, also mit weniger als der Hälfte des Wertes, bezahlt werden können. Ob da auch die Göttin der Weisheit interveniert hat? - llebrigens scheut sich der hellenische Staat auch nicht, eine milde Gabe anzunehmen und läßt sich von England, Frankreich und Rußland einen Beitrag von je 100.000 Franks zur Zivilliste seines Königs zahlen. Freilich regiert dieser König den Griechen schon zu lange und sie, die sich nicht selbst regieren können, wollen auch von Fremden nicht regiert werden. Aber welches Glied einer europäischen Dynastie könnte sich bereit finden, sich auf den wackeligen Thron von Hellas zu setzen? Das beste für die Griechen wäre vielleicht, sie wieder der regenerierten, verfassungsmäßig regierten Türkei anzugliedern. Dabei fällt uns ein, daß sie in den vier Jahrhunderten ihrer Abhängigkeit das Selbstregieren verlernt und noch nach einem Jahrhundert der Freiheit nicht erlernt haben. Wie sollten wir Juden, nach mehr als achtzehn Jahrhunderten des Exils und der Unterdrückung, einen Zionsstaat bilden, uns selbst regieren können? Andererseits bedauert die griechische Regierung vielleicht, daß es im Lande so wenige und dazu noch arme und unbedeutende Juden gibt, sonst könnte sie, wie es im despotischen Rußland, im Vertragsbrüchigen Rumänien und in anderen barbarischen Ländern geschieht, alle Schuld auf diese abwälzen, sie für alle Sünden und Fehler der Regierung, für die Armut und Unzufriedenheit des Volkes verantwortlich machen. „Er hat keine Kinder", klagt Macduff in Shakespeares Macbeth, „wir haben keine Juden", mögen vielleicht die Minister Griechenlands klagen. Kehren wir nun am Schlüsse zu dem Rätsel zurück, mit dem wir begonnen haben, so glauben wir, dessen Lösung zum großen Teil in der Religionsverschiedenheit zu finden, da, seit das Christentum Staatsreligion geworden, die Geistlichkeit, mit wenigen ehrenwerten Ausnahmen nicht aufgehört hat, die Juden zu verleumden, zu ihrer Verfolgung anzueifern oder wenigstens mit dem Anschein von Liebe und Mitleid sie um ihres ewigen Heils willen und gute Versorgung in Aussicht stellend gum Abfall von ihrer Religion zu verlocken. Noch jetzt glaubt manch frommes Christenweib sich die ewige Seligkeit zu verdienen, wenn sie eine Judenseele „rettet", ein Kind seinen Eltern raubt. Und die Eltem, dre sich so was

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