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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-11-19 · 47 (19.11.1909) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
47 (19.11.1909)
Date
1909-11-19
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 47 Dk. Blochs sie in mehreren Ländern, besonders in dem konfessionsverwandten Rußland, fast volle Gleichberechtigung genossen. Seit beinahe einem Jahrhundert sind sie, weniger durch eigene Kraft als durch Unterstützung der europäischen Mächte, vollständig frei und unabhängig. Sie haben ihren eigenen König, ihre liberale Verfassung, ihre Armee und Flotte und, last not least, so gut wie irgend eine Großmacht ihre Staatsschuld, die sie freilich nicht pünktlich und ehrlich bezahlen. Betrachten wir nun, wie sie diese Freiheit und Unabhängigkeit benutzt haben: Den europäischen Staaten und Völkern gegenüber, die so viel für sie getan haben, bezeigten sie sich undankbar. Wiederholt mußten die Mächte sich ihrer annehmen, sie aus den schwierigen Lagen, in die sie sich aus Selbstüberhebung gestürzt hatten, befreien. Dafür haben griechische Bankiers, die sich in England und Frankreich bereichert haben, während des Krimkrieges ihre Sympathien für Rußland zur Schau getragen, dessen Niederlagen betrauert, da es ihnen keine Gelegenheit gab. Siege zu feiern, und es ist ihnen kein Haar gekrümmt worden. Was wäre wohl einem Juden geschehen, der in Rußland seine Freude über die Siege der Japaner geäußert hätte? Den edlen Grafen Kapodistrias, der so viel für die Befreiung seines Vaterlandes geleistet hatte, haben im Oktober 1831 zwei vornehme Griechen ermordet: den bayerischen Prinzen Otto, den die Schutzmächte ihnen zum König gegeben, haben sie 1844 zur Erteilung einer freien Verfassung gezwungen und mehrere Jahre später abgesetzt. Das gleiche Schicksal dürfte den jetzigen König Georg treffen. Ein angesehenes Wiener Blatt macht ihn für die jetzige Verwirrung — für die Unbotmäßigkeil, Streitsucht und das Strebertum der Griechen verantwortlich! Länger als ein Menschenalter dulden die stets konspirierenden, Krawall machenden streberischen Politiker keine Dynastie. Das ote-toi que je m’y mette ichemt ihre Devise zu sein. Und zu diesen Politikern gehören auch die meisten Offiziere. Kaum hat der rebellierende Oberst Zorbas sich der Gewalt bemächtigt, das Parlament und den König tyrannisierend, als sich schon ein Marineoffizier erhebt und ihn zu verdrängen sucht. Die „Revolution" des Tybaldos mißlingt und Zorbas erscheint als der Retter des Vaterlandes. Aber hinter ihm lauert schon ein dritter Streber, der ihn verdrängen will. Wie soll da der arme König Ordnung schaffen, wenn das Volk untätig und die Armee nicht verläßlich ist. Und dabei verlangen, nicht die armen Bauern, die mühselig ihr bischen Korinthen, Wein und Oel produzieren, sondern die Berufspolitiker, die städtischen Müßiggänger stets nach Gebietserweiterung. Jetzt fordern sie Kreta, und wenn sie die Insel bekommen, werden sie ein anderes Stück der Türkei fordern. Man könnte ihnen eine Gebietserweiterung gönnen, wenn sie solche mit eigener Kraft erlangen würden, aber jedesmal, wenn sie der Türkei etwas entreißen wollten, haben sie Schläge bekommen. . .... Ueberhaupt scheint die griechische Armee zu einem auswärtigen Kriege gar nicht fähig zu sein. Die wirklichen alten Griechen haben ja tapfer gekämpft und besonders unter Alexander dem Macedonier große Siege erfochten, aber einige Jahrhunderte später, ungefähr zur Zeit der Entstehung des Christentums, versagten sie schon. Die Erziehung machte aus den Knaben Athleten und Borer, aber keine Soldaten, und keine Provinz des römischen Staates hat deren so wenig zur Reichsarmee gestellt. „Die griechischen Städte des Reiches wurden überhaupt bei der Aushebung sogut wie gar nicht berücksichtigt, sei es, weil diese Rekruten physisch untauglich Wochenschrift. Seite,» erschienen, sei es. weil dieses Element im Heere bedenklich erschien."*) Dann kam das christlich-byzantinische Reich, das seine Kriege meistens mit „Fremdvölkern" — Germanen, Slawen, Arabern, Jsauriern, Katalanen usw. — führte. Gegen ein solches Heer haben sich im Jahre 536 die in Neapel belagerten Juden noch tapferer als die Goten verteidigt. Es soll nicht geleugnet werden, daß während des Unabhängigkeitskrieges im dritten Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts auf griechischer Seite recht tapfer gekämpft wurde, aber nach Fallmerayer sind die meisten Heldentaten nicht von Griechen, sondern von Albanesen verrichtet worden. Und die Armee des unabhängigen Königreiches Griechenland hat nie was Rechtes geleistet. Nach dem Kriege von 1897 mußten 50 Offiziere als ihres Ranges unwürdig bezeichnet werden, darunter nur zehn Leutenants, aber 40 höhere Offiziere. Ein Hauptmann wurde nach dem offiziellen Bericht unter Anklage gestellt, weil er 1000 Schafe geraubt, und ein Divisionsgeneral, weil er zum Zwecke der Plünderung die Zerstörung eines griechischen Kaufhuujes ungeorouet hutre.**) Damals hatten es die verzogenen Kinder Europas nur der Intervention der Mächte zu verdanken, daß sie mit einem blauen Auge davongekommen sind. Solche Politik war möglich, solange die Türkei schwach war: seit dem Aufschwung in ihrer Regierung hat man vor ihrer Macht Respekt bekommen und läßt die armen Griechen im Stich. Der französische Minister Clemenceau soll ihnen vor länger als einem Jahre Kreta fast bestimmt versprochen haben. Er hat große Sympathie mit den Kretensern, denen es viel besser geht als den Juden in Rußland, aber ein Wort für diese armen Unterdrückten beim „hohen Verbündeten", dem „Vater seines Volkes", einzulegen, wagte er nicht. Und wenn Frankreich dem Protektionskinde eine Gebietserweiterung verschaffen will, warum gibt es ihm nicht alten griechischen Besitz zurück? Marseille ist von Griechen gegründet, lange Zeit nur von Griechen bewohnt worden. Auch jetzt leben dort viele Griechen. Lassen Sie, „alter Philhellene", statt in Kandia in Marseille die griechische Flagge hissen. ^>chon die Dankbarkeit für die Kultur, welche die alten Griechen nach Gallien gebracht haben, erfordert es. und die Abtretung würde keinen Krieg mit der Türkei zur Folge haben. Auf Dankbarkeit hätte freilich Frankreich nicht zu rechnen. „Keine Wohltat wird die Griechen je mit anders glaubenden Völkern aufrichtig versöhnen, und alles, was die Europäer für sie getan und noch tun, betrachten diese nach ihrer Vorstellung einzig wahren Christen und. wie sie von uns gehört haben, legitimen Deszendenten der Hellenen — als Tribut, den das ketzerische und einfältige Abendland schuldigerweise seinen Meistern entrichtet", sagte schon vor 70 Jahren Fallmerayer. Man vergleiche doch damit das jüdische Volk, das Nie eine erhaltene Wohltat, nie einen Wohltäter vergißt. Nur geben die anderen Völker ihm selten Gelegenheit, von seinem guten Gedächtnis Gebrauch zu machen. Man vergleiche ferner die Leistungen der modernen freien Griechen in Wissenschaft, Kunst und Literatur mit den der unterdrückten, in manchen Ländern fast ganz rechtlosen Juden. Ich müßte mehrere Seilen dieser Wochenschrift in Anspruch nehmen, um alle hervorragenden, zum Teil den ersten Rang einnehmenden jüdischen Künstler, Dichter, Gelehrte der letzten hundert Jahre aufzuzählen. Und manche von diesen sind noch im Ghetto geboren worden, haben schwer ringen müssen, um irgend eine Professur oder ein staatliches Amt zu erlangen oder *) Mommfen, Römische Geschichte. V, 246. **) »Neue Freie Pressevom 5 November 1897.

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