Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 47 (19.11.1909)
- Date
- 1909-11-19
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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- Cicero 1× ep/1024888
- Homer 1× ep/1025156
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Sette 798 Dr. Vlochs Wochenschrift. Nr. 4? das befriedigt nur einen sehr kümmerlichen Ehrgeiz. Volksversammlungen statt Festversammlungen, Enthüllungen — aber der christlichsozialen Korruptionswirtschaft, Chöre — der Obstruktion im Rathaus. Das brauchen die Freisinnigen, die jetzt mit so viel Genugtuung auf das Entgegenkommen in der Frage des Lessing-Denkmals schauen. Sonst wird der Klassiker der Duldsamkeit in der klassischen Stadt der Unduldsamkeit nur das Straßenbild ändern, nicht das geistige, nicht das politische. Griechen und Juden. Die „Oesterreichische Wochenschrift" bringt keine Rätsel zur Unterhaltung der Leser, wie manche andere Wochenblätter. Heute aber muß ich um die Erlaubnis bitten, den Lesern ein Rätsel aufzugeben. Die Lösung soll nicht erst, wie es sonst üblich ist, in der nächsten Nummer erscheinen, ich will die, welche mir die richtige Zu sein scheint, gleich am Schlüsse mitteilen. Weiß ein Leser eine bessere zu geben, so ist er willkommen. Eine Prinzessin zur Belohnung, wie der König von Theben, kann ich ihm freilich, nicht versprechen, obwohl mein Rätsel schwieriger zu lö^en und für uns Juden, ja auch für andere Völker.wichtiger ist, als das der Sphinr. Das ganze Schicksal der Juden in Vergangenheit, .Gegenwart und Zukunft ist in ihm enthalten. Es lautet einfach: Warum sind die Griechen die verzogenen, die Juden die Stiefkinder Europas? Ist Verschiedenheit der Rasse und Konfession die Ursache, oder sind es die guten Eigenschaften der einen, die schlechten der anderen? Freund und .Feind müssen zugeben, daß der Einfluß der Juden auf die Religion und Moral der europäischen Barbaren ebenso groß war, wie der her alten Griechen auf Kunst und Wissenschaft. Aber den. Griechen ist man dankbar, übertreibt ihre Verdienste und sucht ihre Fehler zu bemänteln, die Fehler der Juden sieht man durch Vergrößerungsgläser an, und wo man keine findet, erfindet man sie. Gewiß, Juden und Griechen haben von anderen Völkern älterer Zivilisation manches gelernt: aber Jahrhunderte lang haben zünftige Gelehrte das nicht gewußt, oder nicht wissen wollen. Und wagte je ein frommer Christ vom Einfluß der Bibel auf die Griechen zu reden, wurde er ausgelacht. Und als man in neuerer Zeit den alten Orient etwas besser zu kennen anfing, da spürte man mit Eifer in allen babylonischen Trümmern dem dort vermuteten Ursprung der jüdischen Religion nach. Mit welchem Jubel ist nicht Delitzsches angebliche große Entdeckung von Antichristen und Antisemiten begrüßt worden? Zeigt aber ein ehrlicher Forscher den Einfluß des Orients und Egyptens auf griechische Kunst, Philosophie und Religion, so stößt er auf Mißtrauen und Abneigung der „Humanisten". Und welcher Mißbrauch, liegt nicht schon in diesem Worte! Human sein, heißt doch menschlich sein, freundlich und teilnahmsvoll mit anderen Menschen verkehren, ihnen Gutes tun. Der alte Wurzbach hat ganz richtig in seinem Biographischen Leiikon in die Klasse der „Humanisten" die wirklichen Wohltäter der Menschen eingereiht, nicht die, welche weitläufige Abhandlungen über Perispoumenon und Oxitonon schreiben oder ihre Schüler mit den Zeitwörtern auf Mi plagen. So wurde, als vor fünfthalb Jahrhunderten das Studium der alten Griechen Mode und die klassische Philologie Bedingung aller wissenschaftlichen Bildung ward, als höchster Grad der menschlichen galt, diese einseitig als die allein wahrhaft menschliche als „Humanismus" bezeichnet. Und dies wirkt noch jetzt bei jenen nach, die sich nicht umsonst sechs Jahre lang im Gymnasium mit den alten Klassikern geplagt haben wollen. Jeder, der auf Bildung Anspruch macht, preist und bewundert pflichtgemäß Homer und die griechischen Tragiker, wenn er sie auch nicht im Original, ja vielleicht nicht einmal in einer guten Uebersetzung gelesen hat. Ueber das Alte Testament (das Neue wird von den Staatsgesetzen geschützt) wagt sich jeder Laffe lustig zu machen, desto kecker, je weniger er davon versteht. Wer weiß, ob nicht jetzt die Bibel, namentlich das Alte Testament, viel mehr Anhänger und Lobredner hätte, wenn man die Jugend so lange und so strenge zu ihrem Studium wie zu dem der griechischen Schriftsteller angehalten hätte. Wie groß auch die Verdienste der alten .Griechen um Kunst und Wissenschaft gewesen sein mögen, um ihre Moral und Religion war es schlecht bestellt. Die ärgerlichen schmutzigen Geschichten von ihren Göttern und Göttinnen sind schon von den christlichen Apologeten und Kirchenvätern genügend verhöhnt und lächerlich gemacht worden. Diesen könnte man Parteilichkeit und Voreingenommenheit vorwerfen, hören wir daher nur, was die Römer, die doch dieselbe Religion zu haben Vorgaben und zum Teil auch hatten, von griechischer Ehrlichkeit und Tugend hielten : „Treue, Glauben und Wort- Halten sind von diesem Volke nie beachtet worden", sagt der von allen Philologen so hoch geschätzte Cicero in seiner Rede für Flaccus. „Im goldenen Zeitalter", sagt Juvenal in der sechsten Satire, „hatten die Griechen das Falschschwören noch nicht so gut erlernt". Seine dritte Satire ist fast ganz der Schilderung griechischer Schwindler, Betrüger und Lumpen, die Rom überschwemmten, gewidmet. Und schon Virgil (Aeneis II) spricht von der llnehrlichkeit und Schurkerei der Griechen. Ein moderner unbefangener Historiker sagte von den alten Griechen: „Genuß hienieden war den Hellenen das höchste Gut und zur Herrschaft zu gelangen, das einzige, eines freien Mannes würdige Streben.. Im.Grunde verehrten sie deswegen auch nur zwei Gottheiten: die jeweilige Weltherrschende Macht und die Revolu-, lution."*) Und diese Griechen waren die ältesten und ärgsten Feinde der Juden. Die griechischen Könige Syriens haben die Juden durch grausame Verfolgungen zu ihrer Vielgötterei zu bekehren gesucht, Griechen haben die ärgsten Lügen über die jüdische Religion verbreitet, in Egypten und Palästina Judenhetzen veranstaltet, die Juden bei den römischen Kaisern verleumdet: und diese haben merkwürdigerweise, obwohl sie die Wahrheitsfeindschaft der Griechen kannten, ihnen manchmal Glauben geschenkt. Ein Grieche hat das judenfeindliche vierte Evangelium geschrieben. In unserer Zeit, bevor noch die russischen 'diebischen Beamten und Ausbeuter die Pogrome eingeführt halten, waren es gewöhnlich griechische Matrosen, welche in russischen Hafenstädten und in Galatz zur Osterzeit über die Juden herfielen. In den Aeußerungen der Römer über die .Griechen mag übrigens viel Uebertreibung enthalten sein, denn sie hatten Ursache, dieses Volk herabzusetzen. Sie hatten es unterworfen und. ausgeplündert und suchten sich gleichsam vor sich selbst zu rechtfertigen, indem sie die Unterworfenen schlecht machten. Auch die Juden sind stets von denjenigen, welche sie unterdrückten und verfolgten, am meisten geschmäht und verleumdet worden. Von diesen alten Griechen haben die modernen, wenn sie überhaupt ihre echten, ungemischten Nachkommen sind, mehr die schlechten als die guten Eigenschaften geerbt. In den ungefähr vier Jahrhunderten, die sie unter türkischer Herrschaft standen, sind sie viel weniger unterdrückt worden, als die Juden es noch jetzt in manchen Ländern Europas sind. Und außerhalb der Türkei haben *) I. Ph. Fallmerayer, Geschichte der Halbinsel Morea während des Mittelalters, I, 67.