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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-11-19 · 47 (19.11.1909) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
47 (19.11.1909)
Date
1909-11-19
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Nr 47 Jahrgang XIYI Dr. Bloch’s Zenttalorgan für die gesamten Interessen des Judentums. -□ "~a- Wim, 19. November 1909 Lrscbetnt jeden Freitag. Brief-Adresse: Wie», IX/i, Hahngasse 15. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift, Wien. O o— - =ö O p Vrrngspreis für Vesterrrirh: C Halbjährig 8 Kronen; Einzelexemplare 50 Heller. Für's Airrilanb: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 Kronen. Anzeigen: Die 4malgespaltene Petttzeile 24 Heller. o O - —O o og Q Oo Q D. k. Poflsxarkaffenarnf Lleartng-Verkebr Nr. S10.S76. Redaktton und Administration: <r** tt IX/1, Hahngasse Sk. 15. _ Telefon Nr. 14.847. oP — Qo Inhalt: Leitartikel: Ein Leffing-Denkmal für Wien. — Griechen und Inden. — Was kann uns der jüdische Emigrationskongreß geben? — Warum hat Heine noch kein Denkmal in Deutschland bekommen. — Korrespondenzen: Wien. Aus der Prager israelitischen Gemeinde-Repräsentanz. Gedenkfeier für Meir Friedmann s. A. Eine galizische Ausweisungsaffäre. Häuser- und Landverkauf in Jerusalem und Palästina. Die Judenfrage im türkischen Parlament. Ein jüdischer Forscher im Sudan. Die Juden in der Schweiz. Unter russischer Herrschaft. Ein Jahr Gefängnis für einen Rechtsanwalt. Kirchenzwang für jüdische Mittelschüler in Rußland. Die Notlage der jüdischen Kolonisten in Südrußland. Kann ein Schauspieler gezwungen werden, in einem antisemitischen Stück aufzutreten? — Vermischtes. — Feuilleton: Mein erster Lehrer. — Literatur. — Neue Bücher. — Briefkasten. — Inserate. Cm KessingDerrlrnraL für Wie«. Anläßlich der glänzenden Jubelfeier des Journalisten- und Schriststellervereins „Concordia" ist von Seiten dieser angesehenen Korporation die Anregung zur Schaffung eines Denkmals für Gotthold Ephraim Leffing gegeben worden. Fast eine Selbstverständlichkeit für eine Stadt, welche trotz Berlin und allen deutschen Städten die wirkliche Metropole der deutschen Kunst ist und deren Jünger durch lebendige Pflege ihrer Werke und pietätvolle Huldigungen ehrt. Fast keine Größe der deutschen Kultur, von denen nicht Marmor und Erz in Wien die Ewigkeit des Gedenkens künden. So unterbricht der Kranz von Monumenten in der Kaiserftadt die Oede der steinernen Wüste, das Wirken der Geistesheroen die Nüchternheit des Alltags. Lesfing, den klassischen Poeten, den Philosophen der Aesthetik, den Bildner des deutschen Lustspiels, den Schöpfer der leicht dahinfließenden deutschen Sprache in den Kreis der Gefeierten hereinzuziehen, war schon längst Bedürfnis für eine Stadt, in welcher so viele seiner Zeit- und Ruhmesgenoffen, die ihre Ehren gefunden haben. Hätte uns die Aufregung der Politik und des Erwerbslebens mehr Zeit und Sammlung gelassen, so hätten wir alle den Mangel schon früher gefühlt, der jetzt mit dringlicher Mahnung in unser Empfinden tritt, wie etwa um einen prosaischen Vergleich zu gebrauchen, ein intensiv arbeitender Mann erst nach einer Erinnerung daran denkt, daß er zu schlafen oder zu essen vergessen habe. Als die Idee des Lessing-Denkmals im Kreise der Concordia auftauchte, antwortete ihr vor allem die Verwunderung, daß dieses Monument nicht längst schon in der Kaiserstadt seinen Platz gefunden habe. - Darüber hinaus aber hat sich ein besonderes Interesse in den Vordergrund gedrängt, das dem künstlerischen Problem eine eigene Färbung verleiht. Lessing ist nämlich für Wien nicht nur klassischer Poet, der Lauf der Zeiten hat ihn zum Politiker gemacht. Ein Lessing-Kultus ist zugleich die Verehrung eines Dichters der Duldsamkeit, eines großen deutschen Anwaltes der verfolgten Religionen. Gerade darum ist der Verfasser von „Nathan der Weise" und dem „Märchens von den drei Ringen" für das Banausentum der antisemitischen Presse stets ein verhaßter Parteimann gewesen, und man war zwischen Zorn und Lachen oft Zeuge von tragikomischen Bemühungen, den Ruhm des großen Toten oft durch haarsträubende Verdächtigungen herabzusetzen. So wurde der Vorschlag zur Errichtung eines Lessing-Denkmals, den Moriz Epstein verdienstvoll propagierte, für Wien zu einer Programmfrage, wie etwa die Aufstellung eines Heine-Denkmals für Deutschland. Nur daß Lueger praktisch genug war, aus der Sache keinen Prinzipienkampf zu machen. Er hat ohneweiters seine Zustimmung zur Errichtung gegeben, die Gemeinde ist sogar zur Beistellung eines Platzes und kostenlosen Ausführung der Vorarbeiten bereit und Vizebürgermeister Hierhammer wurde ins große Komitee für die Errichtung des Denkmals delegiert, das von der „Concordia" zusammen mit der Direktion des Burgtheaters gebildet wurde. Das werden nicht wenig Leute mit der größten Freude aufnehmen als ein Zeichen beginnenden Freisinns. Aber nicht der gründliche Beobachter, der aus der Angelegenheit nicht wenig Satyre herausmerkt. Lueger hat es nicht mehr nötig, sich mit Steinen herumzuraufen, sich einen Banausen, einen Reaktionär nennen zu lassen wegen einer Formsache. Hätte er gegen den marmornen Leffing den Bann geschleudert, so hätte er wieder nur dem Freisinn zu einer Agitationstätigkeit, einer Lebensäußerung verholfen. So aber verrosten die Fechtwaffen, die keinen Gegner finden. Und vor Steinen fürchtet sich Lueger nicht. Es ist ja möglich, daß sie reden, aber die christlichsoziale Führung der Wiener hat dafür gesorgt, daß sie nicht verstanden werden. Mit der rosigen Brille des freisinnigen Optimismus gesehen, wird sich der marmorne Lessing prächtig ausnehmen. Aber mehr als das künstlerische Verlangen der Gebildeten wird mit seiner Aufstellung nicht erfüllt werden. Fragen wir uns, wie viele Wiener wissen werden, wer der Herr eigentlich ist, wenn sie an seinem Monument vorübergehen. Vor solchen Marmorkämpfern braucht sich Lueger nicht zu fürchten. Künstlerischen Fragen des Liberalismus wird der christlichsoziale Führer immer zugänglich sein, wird sich gewiß nicht weigern, gewissen Liberalen einen Ehrenplatz im städtischen Museum anzuweisen, gewisse ehrwürdige Oppositions-Reden einer schön geschmückten Chronik einverleiben zu lassen. Aber das ändert nichts an der Politik,

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