Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 46 (12.11.1909)
- Date
- 1909-11-12
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 46 De. Blochs Wochenschrift. Seite 793 Uebertritte jüdischer Mädchen zum Mohammedanismus. Wie aus Konstantinopel berichtet wird, mehren sich in jüngster Zeit die Fälle von Uebertritten jüdischer Mädchen zum Mohammedanismus. Besonders häufig kommen diese bedauerlichen Fälle in der Provinz vor. So erregte erst kürzlich ein Fall in Gumuldjina großes Aergernis. Ein jüdisches Mädchen, namens Rachel Salisse, schwur ihren Glauben ab, um zum großen Kummer ihrer Angehörigen' einen mohammedanischen Zigeuner zu heiraten. Der Czenstochaner Kirchenraub und die Juden. Die Czenstochaner Kirchenräuber find glücklich unter Schloß und Riegel. Es lag nur zu nahe, daß die russischen Antisemiten den Czenstochaner Kirchenraub zu einer Hetze gegen die Juden ausnützen werden. Tatsächlich wurde die Polizei täglich mit anonymen Anzeigen überhäuft, daß bei dem oder jenem jüdischen Juwelier Edelsteine gesehen worden seien, die vom Kirchenraub herrühren. Die Polizei untersuchte jeden einzelnen Fall mit aller Strenge. Die Juden selbst bemühten sich, die Ausforschung der Täter zu erleichtern und so hat sich die Czenstochaner jüdische Gemeinde mit einem Zirkular an die ausländischen Judengemeinden gewendet, in welchem diese gebeten werden, ihnen in ihrem Bemühen bei der Aufklärung des Falles behilflich zu sein. Tatsächlich sind der Gemeinde aus mehreren Städten, die als Handelszentren für Edelsteine gelten, Telegramme zugegangen, in denen ihr die Mithilfe der betreffenden auswärtigen Gemeinden zugefichert wird. Ueberdies hat die Czenstochaner Judengemeinde der Leitung des Klosters, in welcher der Diebstahl ausgeführt wurde, deputativ das Bedauern ausgesprochen. Die New-Aorker Republikaner und die Juden. In New-Iork sollen in nächster Zeit die Neuwahlen zur Besetzung sämtlicher kommunalen Stellen stattfinden und der Wahlkampf ist bereits im besten Gange. Die republikanische Partei hat schon ihre Kandidaten für sämtliche Posten nominiert. Es fällt nun allgemein auf, daß, wohl zum ersten Male, die republikanische Partei auf die zahlreichen Posten keinen einzigen Juden kandidiert hat. Englisch sprechende Juden. Eine englische Revue macht die interessante Feststellung, daß, während es Ende des 18. Jahrhunderts nicht mehr als 50.000 Juden gab, die englisch sprachen, man heute rund 3,000.000 zählt, also den vierten Teil aller Juden der Welt, die englisch sprechen. Auf Grund dieser Steigerung kann man annehmen, daß Ende des 20. Jahrhunderts die Hälfte der gesamten Judenschaft der englischen Sprache mächtig sein und im nationalen Leben der Vereinigten Staaten und des Vereinigten Königreiches bilden wird. Bon der Reuter-Agentur. Vor Kurzem starb in London der Journalist James Heckscher, Repräsentant des Reuter'schen Nachrichten-Bureaus, im Alter von 75 Jahren. Heckscher gehörte nahezu 50 Jahre dem Verbände der Reuter-Agentur an und hat in dieser seiner Eigenschaft weite Reisen unternommen. Der Verstorbene zeigte auch hervorragendes Interesse an jüdischen Angelegenheiten und versah die englisch-jüdische Presse jahrelang mit wichtigen Informationen. Es ist nicht uninteressant, hierbei auch zu erwähnen, daß die Reuter-Agentie von einem getauften Juden, einem Tunichtgut aus Hessen-Cassel, gegründet wurde, der, wie sein Biograph, Julius Rodernberg, erzählt, seinem armen Bruder, einem jüdischen Lehrer, zur Last fiel und große Sorgen bereitete. Eines Tages verschwand er aus dem Hause seines Bruders und tauchte erst als Getaufter und Begründer und Chef eines Nachrichtenbureaus, das heute zu den bedeutendsten der Welt zählt, auf. Feuilleton. Anna Honigmai»«. „Wirke solange es Tag ist, es kommt die Nacht, da du nicht mehr wirken kannst.. Edel und segensreich hat sie bis kurz vor ihrem Ende, länger als ein Menschenalter hindurch zum Wohle ihres Geschlechtes gewirkt, die treffliche und gütige Frau, deren Verlust die gesamte Iudenheit ihrer Vaterstadt Breslau, insbesondere die jüdische Frauenwelt und mit ihr auch weitere nichtjüdische Kreise schmerzlich beklagen. Anna Honigmann ist im 75. Lebensjahre am Abend des 5. November von dieser Erde geschieden. Geboren am 4. Iuni 1835 zu Breslau als die jüngste Tochter des Fabrikbesitzers Albert Bauer und seiner zweiten Gattin Fanny geb. Adler, genoß Anna gemeinsam mit ihren drei älteren Schwestern eine ausgezeichnete Erziehung und sorgfältige Ausbildung. Die Mutter erkannte schon damals, daß jede ihrer Töchter eine Individualität fei und als solche behandelt werden wolle: was ihnen aber allen Lebensbedürfnis war, zeigte sich nicht minder frühzeitig: hoher Bildungsdrang und das Streben, der Mutter im Wohltun nachzueifern. Es war eine Stätte edelster Gastlichkeit, in der sich die vier anmutigen Töchter ebenfalls frühzeitig von bedeutenden Männern und Frauen umgeben und beachtet sahen, dieses Elternhaus, in dem Liebe, Friede und Freude herrschte, Poesie und Kunst liebevoll gehegt und gepflegt wurde. Es ist kein Zufall gewesen, daß diese vier Schwestern später, in den Anschauungen der hochsinnigen Mutier erzogen, nach ihrem Beispiel und Vorbilde auf den verschiedensten Gebieten der Humanität sich an weithin sichtbaren Posten einen Namen schufen: frühzeitig wurde ihnen in die jungen Herzen gepflanzt. Nächstenliebe zu üben, ihren Mitmenschen, die weniger vom Glücke begünstigt und bevorzugt, wohl zu tun. Gehörte doch die edle Mutter damals, als die vier lieblichen Töchter noch das Elternhaus schmückten, dem Vorstande der Industrieschule für israelitische Mädchen, die vor mehreren Iahren ihre Zentenarfeier begehen durfte, schon an, gründete doch Lina, die zweite Tochter, schon im Revolutionsjahre 1848 als achtzehnjähriges Mädchen, den Pfennigverein für arme Schulkinder, der noch bis heute zur Stunde segenstiftend besteht Diese vier Schwestern, von denen zwei, Cäcilie Adler, in Wien, die als „Mutter der Blinden" unvergessen in der stolzen Kaiserstadt fortlebt, und Ienny Asch in Breslau. eine Iüngerin Friedrich Fröbels, schon die kühle Erde deckt, verband während ihrer ganzen langen Lebensdauer die innigste Liebe, gleiche Gesinnung und gemeinsames Streben. Diese vier Schwestern hatten auch des Glückes teilhaftig werden dürfen, reine Neigungsheiraten zu schließen, und wie sie alle durch Veranlagung und Erziehung befähigt waren, ihren Gatten geistig ebenbürtige Gefährtinnen zu sein, so fanden sie bei diesen volles Verständnis für ihr edles Streben und Wirken. In Dr. David Honigmann, einem jungen Gelehrten, der sich auch schriftstellerisch betätigte und dem wir insbesondere stimmungsvolle Erzählungen mit jüdischem Milieu danken, der mit den besten Männern des Judentums seiner Zeit in engen freundschaftlichen Beziehungen stand, fand das jüngste Glied dieses Schwesternkleeblattes den Mann, dem Anna Bauer sich freudig und gern für dieses Leben zu eigen gelobte. Und es wurde eine Musterehe! Dr. Honigmann hat in der Folge der Stadt und Gemeinde Breslau die wichtigsten Dienste geleistet. Seine Gattin bereitete ihm die denkbar angenehmste Häuslichkeit: gleich ihren Schwestern hat Frau Dr. Honigmann bewiesen, daß eine Frau von Geist und Gemüt die Pflichten der Gattin, Mutter und Hausfrau in vollendeter Weise er-