Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 46 (12.11.1909)
- Date
- 1909-11-12
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 788 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 46 Eine Straße wurde Steinachstraße genannt. Die Aerzte Dr. Wilbelm Steinach und sein Soy» Dr. Simon Steinach waren die berühmtesten Aerzte im Lande Vorarlberg und des ganzen Bodenseegebietes und der Kantone Appenzell, Graubündten und St. Gallen! Als Dr. Wilhelm Steinach einst erkrankte, gingen die Juden in die Synagoge beten, aber auch die Kirchenglocken ertönten und dir Christen strömten in die Kirche, um für ihren Wohltäter zu beten. Als Dr. Simon Steinach Bürgermeister war, wollte er das Ghetto abschütteln und er prozessierte bis zum Verwaltungsgerichtshof,' er gewann, die bis dahin politische Gemeinde wurde eine Kultusgemeinde! Der wohn Dr. Simon Steinachs ist der £ k. Universitätsprofessor Dr. Eugen Steinach in Prag, der Heuer von der k. k. Akademie der Wissenschaften in Wien für seine Publikation den Staatspreis erhielt. Die Deukmalenthüllung in Weitzenberg. Die Enthüllung des Denkmals für die im Jahre 1870 gefallenen Soldaten wurde auch von der dortigen israelitischen Gemeinde in solenner Weise gefeiert. An dem feierlichen Gottesdienste in der Synagoge hat ein zahlreiches, distinguiertes Publikum teilgenommen. Rabbiner Koch hielt zwei Reden, eine in deutscher und eine in französischer Sprache. Er sagte unter Anderem: „Unter den Helden, die hier in der Erde ruhen, fern von dem Boden, auf dem sie geboren, fern von ihren Eltern, denen nicht einmal der Trost geblieben, das Grab ihrer Teueren mit ihren Tränen benetzen zu können, unter diesen Helden befinden sich Viele, die unserer Religion angehörten. Durch ihre glorreiche Opferwilligkeit haben sie bewiesen, daß der Jude seine Pflicht geaen das Land, dessen Bürger er ist, erfaßt und auch erfüllt. Tie haben bewiesen, daß sie jene Kriegstüchtigkeit, die ihnen so lange Zeit abgesprochen wurde und nur geleugnet werden konnte, so lange man ihnen die Gelegenheit verweigerte, ihren Heldenmut zu bekunden, besitzen. Diese jüdischen Helden haben gezeigt, daß der Jude niemals seine Pflichten gegen das Land, wenn es ihm seine Rechte oder Vorteile gewähre, die es den Anhängern anderer Religionen einräumt, vernachlässige." Die zahlreich erschienenen Notabilitäten dankten dem Rabbiner und der Synagogenrepräsentanz.für die schöne Feier. Zur Verwunderung der Anwesenden bemerkte man unter den Gästen auch den zu trauriger Berühmtheit gelangten Pariser Journalisten Gregory, der seinerzeit das Attentat auf den Kommandanten Alfred Dreyfus verübt hat. Berlin. Die jüdische Lehrerbildungsanstalt beging Anfangs dieser Woche unter großer Teilnahme die Feier ihres 50-jährigen Bestehens. Neben Vertretern des kgl. Provinzialschulkollegiums, der städtischen Gemeindevertretung, des Vorstandes der jüdischen Berliner Gemeinde sah man zahlreiche einstige Zöglinge der Anstalt. Der Gesang „Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre" leitete die Feier ein. Darauf begrüßte Sanitätsrat Dr. Stern im Namen des jüdischen Gcmeindevorstandes und des „Schul- und Talmud-Thoravereins", der diese Anstalt gewissermaßen als sein Kind betrachten könne, die Gäste und knüpfte daran den Dank an den Direktor und Lehrkörper der Anstalt, der er eine ebenso günstige Entwicklung in den nächsten 50 Jahren wünscht. Die Glückwünsche der königlichen Staatsregierung überbrachte Provinzialschulrat U l l m a n n, der die Anstalt seit drei Jahren kennt. Er sagte: „Mit voller Berechtigung genießt diese Anstalt die gleiche Anerkennung wie die königlichen Lehrerseminare. Sie steht in ihren Leistungen in keiner Beziehung diesen nach. Durch fleißige, treue Arbeit hat sie sich diese Stellung errungen. Der letzte Unterschied, der zwischen der jüdischen Lehrerbildungsanstalt und den staatlichen Anstalten noch besteht, soll nun auch fallen. Bisher hatte die jüdische Lehrerbildungsanstalt noch nicht das Recht der eigenen Abgangsprüfung. Dies ist ihr jetzt verliehen worden, wenn auch vorläufig nur auf die Dauer von fünf Jahren." Aber er zweifle nicht daran, daß dieses Recht ein dauerndes sein werde. Zugleich teilt Provinzialschulrat Ullmann mit, daß der Kaiser dem Rabbiner Prof. Maybaum den roten Adlerorden IV. Klasse und dem Leiter der Anstalt Direktor Dr. Holzmann den Kronenorden III. Klaffe aus Anlaß dieser Feier verliehen habe. Darauf kennzeichnete Direktor Dr. Holzmann in seiner Festrede die Aufgaben der von ihm geleiteten Anstalt, die ihre Lehrer zu wahren Deutschen jüdischen Glaubens ausbilden will. Im Mittelpunkt des Unterrichts steht der deutsche und die Religionswissenschaft. Schuldirigent L e v y überbrachte die Glückwünsche der einstigen Zöglinge der Anstalt, und teilte mit, daß diese einen Jubiläumsfonds „Lehrerhort" gestiftet hätten, aus dem Lehrer bei unverschuldeter Stellenlosigkeit Unterstützung erhalten sollen. Zugleich überreichte er im Namen der früheren Zöglinge die Büsten Pestalozzis und Diesterwegs als Klassenschmuck für die Anstalt. Die Glückwünsche des deuisch-israel. Gemeindebundes überbrachte Prof. Dr. Phil pson, die des Hilfsvereins deutscher Juden Prof. Dr. Schaefer. Mit dem Chorgesang des Psalm 170 schloß die Feier. Kopenhagen. (Zweijüdische M i n i st e r.) Für die dänischen Kulturverhältnisse ist es bezeichnend, daß das soeben neugebildete Ministerium nicht weniger als zwei jüdische Mitglieder aufweist und daß der Ministerpräsident selbst ein Jude ist, nämlich der bisherige hiesige Rechtsanwalt Zahle, der Sohn eines einfachen Schuhmachers. Als besonderes Ressort übernimmt Zahle, einer der hervorragendsten Juristen des Landes, neben der Leitung des Kabinetts für sich das Justizministerium. Das Finanzministerium übertrug der König ebenfalls einem Juden, dem ausgezeichneten Nationalökonomen Dr. Brandes, einem Bruder des berühmten Literarhistorikers Georg Brandes. Es scheint, als ob auch ein drittes Portefeuille, nämlich das des Handels, ebenfalls einem Glaubensgenossen, Herrn H e i l b l u t, anfänglich angeboten worden sei, von ihm aber ab gelehnt wurde. Bemerkenswert erscheint es aber, daß niemand in Dänemark der Konfession der neuen Minister Erwähnung tut und daß insbesondere auch die ihnen feindlichen Parteien in' ihren Preßerörterungen und sonstigen Auslassungen die Konfession der neuen Männer vollständig aus dem Spiele lassen. Wenn wir doch auch in Deutschland erst in unserem öffentlichen Leben die gleiche Höhe der Auffassung erklommen hätten! Es bedarf keiner Erwähnung, daß auch bei Auswahl der Persönlichkeiten. die jetzt die Geschicke des Landes zu leiten berufen sind, jedes konfessionelle Moment ausgeschaltet und lediglich die Tüchtigkeit und Eignung zu dem hohen Amte bestimmend war. Die Juden unseres Landes als solche erwarten oder befürchten von diesem Mnisterium ebensowenig etwas, wie von einem anderen Ministerium. Der Gedanke der Gleichberechtigung aller Konfessionen ist in Dänemark vollständig durchgeführt. Der jüdische Fulton. Im „American Hebrew" erzählt der gelehrte Dr. D. de Sola Pool die interessante Lebensgeschichte des jüdischen Ingenieurs Jakob Samuda, oder wie er ihn nennt, des „jüdischen Fulton". Er weist darauf hin, daß, während das Judentum manchen Forscher produziert hat, der mit Henri Hudson in einem Range steht, es wenig Robert Fultons unter den Juden gegeben habe. Jakob samuda dürfte einer derjenigen sein, dem der obige Titel mit Recht gebührt. Samuda war wohl kein Erfinder, aber er war, gleich Fulton, ein bedeutender, verbesserter Entwickler. Ungefähr vier Jahre, nachdem Robert Fulton seine epochemachende Reise auf dem Clermont unternahm, wurde Jakob Samuda als der Sprosse einer alten sephardischen Familie in London geboren. Sein Jngenieurtalent machte sich schon in seiner Jugend in solchem Maße bemerkbar, daß sein Vater Abraham Samuda die Hoffnung aufgab, seinen Sohn zum Kaufmann heranzubilden, ihn widerstrebend zu einem Ingenieur in die Lehre gab. Der junge Mann wandte sein Augenmerk zunächst den Reisen zu Lande zu und erbaute im Jahre 1839, als die Vereinigten Staaten, Deutschland, Oesterreich und Rußland sich bemühten, England auf dem Gebiete des Dampfeisenbahnwesens nachzukommen, mit seinem Bruder Josef eine „atmosphärische Eisenbahn". Diese Erfindung wurde mit großer Bewunderung und Zustimmung ausgenommen. Der Prinz-Gemahl fuhr auf der „atmosphärischen Bahn", die britische Handelskammer empfahl ihre Vorteile und ihren ökonomischen Betrieb, der Regierungs-Ingenieur Mr. Walker setzte sich für deren Benützung beim Premierminister Sir Robert Peel ein, der berühmte Ingenieur Brummet war auch ein Anhänger des neuen Systems, so daß es bald auf mehreren Transitlinien in Anwendung kam. Inzwischen wendete sich Samuda der Verbesserung von Schiffsmaschinen zu und er erfand eine neue Konstruktionstype, die gegenüber den damals gebräuchlichen manche Vorteile auf-