Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 46 (12.11.1909)
- Date
- 1909-11-12
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 46 Dr. Bkochs WoKenschrist. Sette 787 ein, das den guten St. Leonhardern einen riesigen Stein vom Herzen wälzte: Von den Angehörigen Weißmanns traf die telegraphische Verfügung ein, die Leiche exhumieren und nach Frankfurt überführen zu lassen. Die Sorge, was mit dem Toten zu geschehen habe, war man also unerwartet rasch los und ein Stoßgebettlein rang sich gegen den Himmel. Und am nächsten Tage folgte das Satyrspiel: Nach der Exhumierung weihte man — für alle Fälle — den Friedhof von St. Leonhard in Passeier unter großem, kirchlichem Aufwand noch einmal ein, damit nur ja nichts von dem Unglauben des hier irrtümlich Begrabenen zurückbleibt. So geschehen Ende Oktober 1909. Eingesendet. Wien, 8. November 1909. Geehrte Redaktion! Das „Deutsche Volksblatt" bringt in seiner Nummer vom 7. d. M. unter dem Titel: „Tschechischer Uebermut — deutsche Antwort" die nachstehende Notiz: Tschechischer Uebermut — deutsche Antwort. In Schildb e r g (Südmähren) kam unlängst zum deutschen Wirte Wolf ein Tscheche und bestellte ein Krügel Bier mit dem Bemerken, daß noch kein Deutscher aus dem Glase getrunken haben dürfe. Der Wirt hielt die Sache für einen schlechten Witz und brachte ein Krügel, welches aber von dem Tschechen nicht angenommen wurde, weil schon ein Deutscher aus dem Glase getrunken habe. Darauf ging der Wirt in sein Schlafzimmer, holte aus einem Nachtkasterl ein für gewisse Zwecke dienendes Geschirr, goß das Bier hinein, und setzte es dem Tschechen mit den Worten: „Da hat noch kein Deutscher daraus getrunken": vor. Der Tscheche klagte auf Ehrenbeleidigung und der Wirt wurde tatsächlich vom Bezirksgerichte Schildberg verurteilt. Auf seine Berufung aber sprach das Kreisgericht in Olmütz den Wirt zum Verdrufse der gekränkten Tschechen frei. Ich weiß nicht, ob sich die vorstehend erzählte Geschichte aus Schildberg so zugetragen, wie Vergani sie schildert oder ob sie Vergani irgendwo gehört und, da er wieder einmal den stramm deutschnationalen Mann posiert — bloß einem Deutschen in den Mund legt; sei dem wie immer, der Witz ist gut und auf eine Provokation, wie die oben geschilderte, die beste Ant- ^,wort.. Nur schade, daß diese treffende Abfuhr einen Parteigenossen Verganis von einem Juden zuteil geworden ist. Die Episode hat sich tatsächlich vor zirka 30 Jahren in Czernowitz zugetragen. Der Antisemitismus hatte sich bereits über ganz Oesterreich ausgebreitet und begann regierungsfähig zu werden. Der Sachverhalt war genau so, wie er in der „Volksblatt"-Notiz erzählt wird, nur, wie erwähnt, daß die Rollen anders verteilt waren. Die Schlagfertigkeit des Juden nahm der seither verstorbene Volksschullehrer in Brody, Wolf Demant, zum Anlaß, das nachfolgende Gedichtchen zu schreiben, das ich mir ausbewahrt habe und das — wenn ich nicht irre — damals auch in der „Oesterr. Wochenschrift" abgedruckt war. Das Gedichtchen lautet: „He, Kellner, bring' er rasch doch mir Ein frisches, gutes, kaltes Bier. Doch merk' er sich zugleich auch das: Er gebe mir ja nur kein Glas, Zn das ein schmutz'ger Judenhund Gesteckt hat seinen Sauenmund." So sprach hochmütig ein Soldat, Der kaum die Zech' zu zahlen hat. Der Schankwirt, der ein Jude war. Spricht drauf zum Kellner kurz und klar: »..Schau hin, dort stehet vor der Tür Ein saub'res blankes Nachtgeschirr. Draus trank bis nunzu noch kein Jud; Ich glaub', für diesen Herrn ist's gut. Schenk' deshalb ihm ja rasch nur ein. Es wird nach seinem Wunsche sein." Hochachtungsvoll P. M. B e i g e l. Die drei Getauften. Das ist eine ältere Geschichte. Gouverneur von Fiume war Graf Ladislaus Szapary, in dessen Familie der christliche Sozialismus noch nicht festen Fuß gefaßt hatte und der deshalb und aus allgemein politischen Gründen den Rabbiner von Fiume sehr freundlich empfing, als dieser zu ihm gekommen war, um seine Hilfe zur Errichtung eines jüdischen Waisenhauses zu erbitten. Es find nämlich zu wenig Juden in Fiume und so wollte sich der Rabbiner an reiche Glaubensgenossen in Budapest wenden und hiezu wollte er einige Empfehlungsbriefe des Gouverneurs. Graf Szapary war in Verlegenheit; er hätte die Bitte gerne erfüllt, doch wie sehr er sein Gedächtnis anstrengte, er hatte keinerlei Beziehungen zu reichen Juden. Er wollte bereits bedauernd ablehnen, da fiel ihm ein, daß er zwar nicht mit Juden, wohl aber mit einigen getauften Juden bekannt sei und schließlich wäre ja das ziemlich ein und dasselbe. So gab er dem Rabbiner Empfehlungsbriefe an drei der allerreichsten Männer Budapests, die einmal Juden gewesen. Der Rabbiner kam nach Budapest, sprach bei dem Ersten vor, einem Baron, einem sehr allen, aber noch immer sehr flinken Herrn, der mindestens schon seit siebzig Jahren getauft ist. Der Baron empfing den Rabbiner sehr höflich, unterhielt sich mit ihm und übergab ihm schließlich eine ansehnliche Summe. Nun ging er zum Zweiten. Der ist auch Baron, ungeheuer reich, aber ein jüngerer Christ; höchstens seit fünfzig Jahren getauft. Er empfing den Rabbiner sehr höflich, unterhielt sich mit ihm und übergab ihm schließlich eine ansehnliche Summe. Nun ging der Rabbiner zum Dritten. Der ist höchstens zwanzig bis dreißig Jahre Christ, sehr reich, durch seine Beschäftigung aber leider gezwungen, zumeist mit Juden zu verkehren, wodurch er viel, viel weniger als Bollchrist gilt, als die zwei Borhergenannten. Der Rabbiner sendet ihm dchs Empfehlungsschreiben des Gouverneurs und seine eigene Karte in das Allerheiligste. Der Empfänger läßt durch den Diener ftagen, was der Herr wünsche? Eine Spende für ein jüdisches Waisenhaus, läßt der Rabbiner antworten. Bald darauf erscheint der Diener wieder. Sein Herr sei nicht gewillt, den Herrn Rabbiner zu empfangen, und er begreife überhaupt nicht, wie man dazu kommt, für jüdische Einrichtungen an ihn zu appellieren. Das sei höchst eigentümlich. Er sei doch Christ — was gingen ihn jüdische Einrichtungen an? Und der Herr Rabbiner zog beschämt ab, ohne Spende zwar, doch über das wahre Christentum gründlich belehrt. Hohenems. In der einzigen Grafschaft Hohenembs befindet sich seit vielen Jahren. Innsbruck ausgenommen, die einzige liberale Gemeindevertretung der Katholiken Tirols und Vorarlbergs. Die Zeit der segensreichen Kommunalvertretung geht zu Ende; für den 15. November sind die Neuwahlen ausgeschrieben und anberaumt. Natürlich ist diese Verwaltung ein Dorn im Auge de, Christlich-Sozialen und Klerikalen und wird die ultramontane Agitation mit Hochdruck betrieben und wurde der Reichsratsabgeordnete Dr. Drerel oft im Kasino gesehen! sowie auch die anderen Führer der verschiedenen klerikalen Verbindungen des Landes und der Kongregationen; der liberale Festungswall soll eben erstürmt werden! Die Leistungen der liberalen Verwaltung waren für Hohenems geradezu außerordentlich, das große musterhafte Elisabethspital mit dem separierten Aerztehaus. das vergrößerte Bürger-Altersversorgungshaus, ein neues Mädchenschulgebäude mit Luftheizung, die Hochquellenleitung und Einleitung in die Häuser, das Elektrizitätswerk und elektrische Beleuchtung der Straßen, eine Bade- und Schwimmanstalt, Pflege der Straßen und Benennung derselben und ein schönes prattisches Rathaus: natürlich hat das Geld gekostet und die Gemeinde mußte Anleihen aufnehmen, aber diese Gelder sind produlliv angelegt und ein Segen für jetzt und später! Selbstverständlich betrachtet die klerikale Partei alle diese großen Leistungen mit dunklen Brillen und wird nach bewährtem Muster beurteilt. Nun tat die liberale Gemeindevertretung wirklich eine horrende Sünde, die nur in der „Hölle" gesühnt werden kann, sie benannte drei Straßen nach Israeliten! Die Straße um die Synagoge wurde zur Erinnerung an den berühmten Landsmann weil. Professor Salomon Sulzer, Oberkantor zu Wien, „Sulzergasse" benannt; die Gemeinde kaufte ein Haus, läßt es demolieren, eine eiserne Brücke wird über den Emsbach hergestellt und die Sulzergasse erhält so die Verbindung mit der Gras Marimilian v. Embsstraße. Das Sulzerhaus in Hohenems wurde schon vor Jahren vom Wiener Männergesangverein. dessen erster Chormeister S. Sulzer war und dessen Schüler Dr. Olschbauer und Dumba waren, der der Freund des Herrn Franz Schubert war, mit einer Gedenktafel Sulzers Geburtshaus und goldener Lyra ausgezeichnet. Eine andere Straße heißt Brunnerstraße zur Erinnerung an weil. Marko Brunner, dem größten Bankier der Schweiz und Gutsbesitzer in Hohenems.