Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 46 (12.11.1909)
- Date
- 1909-11-12
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 786 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 48 kehrungen und Einrichtungen für Kriegszwecke usw. aufgespeichert liegen. Die Statistik soll als Droguerie und Apotheke die wirksamsten Mittel liefern den Gesellschaftsrettern, den Staatsheilkünstlern und -Quacksalbern, der bedenklichen skrupellosen Sippe von Verlegenheitsmachern, Wühlern und Hetzern, den gefährlichsten Feinden der Völker und des Weltfriedens. Auch den Strebern, deren Weizen mehr denn jemals blüht, viel verheißend, mehr begehrend. Was, Weizen? Nein! Nur Schling- und Giftpflanzen! Die Streber vergiften ja die öffentliche Moral. In dem teifunartig wirbelnden Parteienkampfe sucht einer den anderen zu überschreien im heuchlerischen Bieder - ton des Mohren in Fiesko. „Ich bin ein ehrlicher Mann ..." Die Redensart im alten Rom: „Vom Kapitol zum tarpejischen Felsen ist nicht weit", kann jetzt umgestülpt werden und lauten: Vom tarpejischen Felsen zum Kapitol ist nicht weit; denn tarpejische Existenzen werden auf den Schultern verblendeter Parteigänger und geknuteter Parteikulis zum Kapitol emporgetragen. Die Steuerschraube, die gegenwärtig an allen Ecken knarrt und kreischt, eine Schraube ohne Ende, welche das Staatsschiff bewege und treibe, fragt vor jeder knirschenden Drehung bei der Statistik an — und mit Recht. Bei der Bedeutung der Steuerergieblgkeit für den ganzen Staatshaushalt, jedenfalls einer Staatsnotwendigkeit ersten Ranges, sollte man denn doch meinen, daß die Steuerleistungskrast einer Bevölkerungsklaffe bei deren staatsbürgerlichen Wertung maß« gebend sei. Fehlgeschoffen! Allerdings nur, wenn es sich um Juden handelt. In Wolfs „Zeitschrift für Sozialwissenschaft", Heft 9, 1909, ist zu lesen: „Im Jahre 1905 betrug die Zahl der in Berlin wohnenden Juden 4'84 Perzent der Gesamtbevölkerung, dagegen 14 28 Perzent der Gesamtsteuerträger, und zahlen die Juden 30'78 Perzent der Gesamt st euer der Stadt, d. i. über 21 Millionen Mark, demnach sechsmal mehr als sie nach Verhältnis der Bevölkerung zahlen sollten, und mehr als zweimal so viel als verhältnismäßig nach Zahl der Steuerträger." Hiezu leistet sich der tschechische „P r ä v n 1 k", der ein unparteiisch es juridisches Fachblatt sein soll (Heft 19 vom 15. Oktober 1909) die Bemerkung: „Es zahlen demnach die Juden fast ein Drittel der Gesamteinkommensteuer. Demnach sind die Juden dort fast sechsmal reicher als die Christen, oder haben wenigstens sechsmal höheres Einkommen. Wir wären begierig, die entsprechenden Ziffern in Wien kennen zu lernen, dessen christliche Bevölkerung unserer Meinung nach noch weniger geeignet ist, der Konkurrenz zu wider st ehe n, wie die Bewohnerschaft Berlins." Wir haben also hier ein Schulbeispiel dafür, wozu die Statistik herhalten muß und welche Verwendung oder Auslegung deren Daten finden. In der vorfiniflutlichen Zeit, im Sinne jener gesprochen, denen das Jahr 1848 eine Sintflut bedeutet, als der Jude nur so viel zählte als er zahlte, hat man dem reichen Juden verziehen, daß er Jude sei. Jetzt aber will man dem reichen Juden nicht verzechen, daß er reich ist. Gleichwohl sollten ähnliche statistische Erhebungen in Wien, Budapest, Prag, Brüun, Lemberg u. a. gepflogen werden, selbst auf die Gefahr hin, daß die Logik die Fährte des „Prävnik“ einschlagen werde und daß ein Wetteifer zwischen verschämten Philosemiten und unverschämten Misosemiten fich entfacht in der tendenziösen Ausbeutung der Zahlenkolonnen. — Man kann nicht genug darau erinnert werden: Ob A die Juden beleidiget, Ob B die Juden Verteidiger, Dem Juden zuliebe, dem Juden zuleide, Geschäfte machen wollen sie beide. Was tut man nicht alles eines lieben Geschäftchens wegen! Die gestern in den Haaren fich gelegen, sie liegen fich heute oder morgen schon in den Armen. Die Tragikomödie wird aufgeführt mit Rollenverteilung. Es gibt auch dafür eine Theatralik. Der Spruch: „Menaffe feindet Ephraim an und Ephraim Menaffe; doch eng verbrüdert fallen beide über Juda her" (Jesaja 9, 20.) läßt fich bei uns etwa so formulieren: Alldeutschnationale, Tschechischklerikale, Christlichsoziale, Pseudoliberale, Wilde Radikale. Rückzugsgenerale, Ob sie sich zersausen, Machen gerne Pausen Gegen Juden schon, Bald voll Haß und Hohn, Preres sout 6t eoedou .... Und so wird der Jud am End' Ein Versöhnungselement . . .*) Wann wird endlich einmal des Dichters Stoßseufzer: „Unsinn du siegst!" aufhören, ein gewaltiger Propeller des öffentlichen Lebens zu sein?! Erst wenn die Statistik eine Vernunft- und entwicklungsmäßige Läuterung erfährt und die aus ihr gezogenen Schlüsse sich nicht mehr jenseits von Logik und Arithmetik bewegen. Wenn ein auswärtiger Jude in Tirol verunglückt. Ueber einen eigenartigen Vorfall wird der „Grazer Tagespost" aus Meran geschrieben: Arge Verwirrung und Aufregung gab es vor etlichen Tagen in dem kleinen St. Leonhard im Passeiertal, der Heimat Andreas Hofers. Fanden da in der verflossenen Woche einige Bauern in der Paffeier, einem kleinen Bergwasser, die Leiche eines älteren Mannes, der auf unerklärliche Weise vom Wege abgeirrt und hier ertrunken war. Die Jdendität des Toten ließ fich nicht feststellen, da die Kleider der,Leiche.keinerlei:...Patzige evthieltW, uydi-.so ordnete die Gendarmerie nach Erledigung der verschiedenen Aufnahmen und Erhebungen die Bestattung an. Das geschah auch, und der unbekannte Tote wurde auf dem kleinem Friedhofe von St. Leonhard gebettet. Sang- und klanglos, da ihn Niemand' kannte und Niemand von seiner Herkunft wußte. Aber wenn auch die Umstände auf einen bedauerlichen Unfall schließen laffen, versagte der Geistliche dem Toten doch nicht die kirchliche Einsegnung, die freilich nur im Stillen vorgenommen wurde. Einen Tag nach dem Begräbnis stellte fich nun. heraus, daß der Tote ein Frankfurter Kaufmann Namens Salomon Weißmann war, der in Meran zur Kur weilte und bei einem Ausflug, den er allein ins Passeiertal unternommen hatte, ums Leben gekommen war. Die Agnoszierung des Toten verursachte in St. Leonhard einen panischen Schrecken, ließ doch der Name verraten, daß die Leiche eines Juden nach katholischem Ritus eingesegnet und auf einem katholischen Friedhof begraben worden war. Im Pfarrhause und in der Gemeinde.stube fanden endlose Beratungen statt, was man beginnen sollte, um den getanen Fehler gutzumachen. Die katholische Einsegnung, die man in Unkenntnis der Verhältnisse an einem Juden vorgenommen hatte, konnte freilich nicht mehr gut rückgängig gemacht werden, aber das eine mußte man wenigstens noch veranlassen, daß die Leiche dieses Andersgläubigen nicht länger auf einem katholischen Friedhofe begraben liegt. Aber wohin mit dem Toten? Und wer kommt für die Kosten der Exhumierung auf? Schon wollte man für diesen ganz absonderlichen Fall bei der Vorgesetzten Kirchenbehörde Rat einholen, da trat ein Ereignis *) Aus einer Sammlung von Dichtungen u. dgl., welche unter dem Titel Lsssutise rerum mit den Kapitelüberschriften: Einfälle und Ausfälle, Randglossen, Epigramme und Satiren, Feminismus, Doxai und Paradoxa, Stimmungsbilder, Parabeln und Legenden, Palimpseste, Lebensessenzen, Nachwort statt eines Vorwortes, zum Drucke vorbereitet werden.