Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 46 (12.11.1909)
- Date
- 1909-11-12
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 784 Dr. Blochs Wochenschrift Nr. «ft gerade die Jugend, welche immer für das Schöne sich begeisterte, Schiller-zu ihrem Lieblingsdichter erkor und insbesondere die jüdische Jugend, die von so vielem Unschönen umgeben war. Man hat — und wir dürfen Liesen Einwand nicht über- ' sehen — im Gegensätze zu dem, was wir über Schiller als Sänger der erhabensten Menschheitsreligion sagten, ihn als den Verherrliche: des griechischen Olymps bezeichnet; er wurde mit Goethe als der große Heide bezeichnet. Denn wer hätte ein gleich begeistertes Lied den „Göttern Griechenlands" gesungen, wie er. Da könnte man auch sagen, Schiller, der Protestant, hätte zum Katholizismus hingeneigt. Denn wer hat ihm glänzendere Farben verliehen als der Dichter der „Maria Stuart"? Wir denken aber, man mißverstehe den Dichter, wenn man ihm solche Neigungen zuschreibt. Im Zeitpunkte des Schaffens treten die Lebensanschauungen des Dichters hinter seinem Stoffe um so mehr zurück, je mehr er sich ihm hingibt. Auf dem Gebiete des Wirklichen, werden wir eher seine religiöse Weltanschauung erkennen, als wenn er sich in den „Göttern Griechenlands" für griechisches Heidentum oder in „Maria Stuart" für den Katholizismus scheinbar begeistert. In seiner berühmten Antrittsvorlesung an der Universität Jena sagte pr es mit ausdrücklichen Worten: „Die Universalgeschichte heilt uns vor der übertriebenen Bewunderung des Altertums und von der kindischen Sehnsucht nach vergangenen Zeiten; und indem sie uns auf unsere eigenen Besitzungen aufmerksam macht, läßt sie uns die gepriesenen goldenen Zeilen Alexanders und Augusts nicht zurückwünschen." Der Idealist Schiller, der Lobsänger des Olymps, der große „Heide", steht hier geradeso aus realem Boden, wie jener „Koheleth", der gesagt hat: „Sage nicht, die vergangenen Zeilen seien besser gewesen, wie die jetzigen; denn aus Weisheit hast du dies nicht gesagt." Nicht aus den „Göttern Griechenlands" erkennen wir Schillers Wesen, nicht hier tritt uns seine Persönlichkeit entgegen, vielmehr fühlen wir uns ihm geistesverwandt, verspüren wir den Pulsschlag seines Herzens und uns im Herzen ergriffen, wenn er singt: „Dem dunklen Schoß der heil'gen Erde Vertrauen wir der Hände Tat; Vertraut der Sämann seine Saat Und hofft, daß sie entkeimen werde Zum Segen, nach des Himmels Rat. Noch köstlicheren Samen bergen Wir trauernd in der Erde Schoß Und hoffen, daß er aus den Särgen Erblühen soll zu schönerm Los." („Die Glocke".) Und wieder ist es uns, als spreche unser hoffnungsfreudiger Psalmist: „Die da säen mit Tränen, mit Jubel werden sie ernten." Diese starke Zuversicht, die Schiller nie verließ, daß der Menschheitsgedanke siegen müsse, ist es auch, der ihn uns teuer macht. Er hat seine Dichtkunst nur in den Dienst des Edlen, der wahren Sittlichkeit gestellt, alles Unreine von sich fern gehalten. Alle, alle mögen dieselbe Bahn des Lichtes wandeln, die ihnen der Vater vorgezeichnet hat, der ausrief: „Es werde Licht. „Froh wie seine Sonnen fliegen Durch des Himmels prächt'gen Plan, Wandelt, Brüder, eure Bahn, Freudig, wie ein Held zum Siegen." („An die .Freude.") Ueberall, wo er seine erhabensten Gedanken zum Ausdrucke bringt, klingen bei Schiller Bibelworte durch, wie er auch in dieser prächtigen Strophe an den Sonnenball gedacht hat, von dem der Psalmist singt: „Er. wie ein Bräutigam tritt er hervor aus seinem Brautgemache, freut sich, wie ein Held, zu durchlaufen die Bahn." So können wir es wohl begreifen, daß den Talmudjüngern, denen die Quellen der europäischen Weltbildung verschlossen waren, deren einziger Besitz, nach Chamissos Ballade „Abba Glosk Leczeka" der Talmud, der Talmud war, „sie wußten weiter nichts", daß diesen in einer engen Welt aufgewachsenen Schülern sich gleichsam der Horizont erweiterte, ihnen das Herz ausging, wenn sie in ihrem, in unserem Schiller lasen von Freiheit und Menschenwürde. „Die Räuber", in denen ein Mensch um sein Recht kämpft, wie klangen sie ihnen so vertraut. Auch das Kapitel vom Bruderzwist, das Schiller, frei nach Jakob und Esau, zweimal behandelt, war ihnen nichts Unbekanntes. . . . Und wenn Franz in den „Räubern" sein Traumgesicht mit den apokalyptischen Worten Daniels erzählt, daß der alte Diener darob erschrickt, und in ihm das ewige Gottesgericht erblickt, dann fühlen wir Juden alle, aus welchem Borne der Dichter geschöpft hat. Es ist der unversiegliche Quell unserer Lehre, die wir den Völkern verkündet haben. Es ist die Donnerstimme des Weltengerichtes. „Die Weltgeschichte ist das Weltgericht." Wer hätte diese Worte mit gleicher Eindringlichkeit der Menschheit in die Ohren posaunen können, wie wir Juden? Und in Schiller erkennen wir den Dichter und Seher, der dies getan. Wie schön sagt doch der Midrasch zu der Stelle im „Hohen Liede": Mein Freund ging hinab in seinen Garten Zu den Gewürzbeeten In Hainen zu weiden Und Rosen zu pflücken" — Der Freund ist Gott; er begibt sich in seinen Garten; das ist die Erde; um Rosen zu pflücken, das sind die edlen Menschen. . Und wo er unter den Völkern einen Gerechten findet, da verknüpft er ihn eng mit Israel, d. h. er anerkennt ihn als den Seinigen. er ist fein Bote, sein Lichtträger. So haben auch wir Juden, denen man so gern Eigenliebe zuschreibt, die großen Geister immer anerkannt. „Es stand wie Moses .kein Prophet auf in Israel." Dazu bemerkt ein alter Lehrer: „Wohl aber unter den Völkern, das war Bileam." Ein merkwürdiger Ausspruch, der es begreiflich macht, daß wir mit der ganzen gebildeten Welt die großen Männer, auch wenn sie nicht unseres Stammes sind, feiern. Und zu den größten gehört Friedrich Schiller. Brünn, 10. Novbr. 1909. Dr. Mar Grünfeld. Die Freiheit und das Glück der rumänischen Inden. VI. Es kam der rumänische Befreiungskrieg und die Juden erfüllten ihre Pflicht. Die jüdischen Soldaten, welche stets stiefmütterlich behandelt wurden, blieben nicht zurück — und befanden sich in den ersten Reihen der Kämpfer. Die Juden im Felde, wie auch die im Lande zurückgebliebenen, wetteiferten in Aufopferung für das Vaterland. Jene durch Tapferkeit, diese in materiellen und moralischen Hilfeleistungen für die verwundeten Krieger, denn auch eine von den Juden mit schweren Opfern ausgestattete Ambulanz befand sich auf dem Schlachtfelde. Das Blut der jüdischen Anstürmer floß in reichlichem Maße von den Plewaer-Wällen und vereinigte sich zu einem gemeinsamen Bache mit dem der christlichen Mitkämpfer. Ein gemeinsames Grab schließt in sich die-entseeltem Körper jüdischer und christlicher Unabhängigkeits-Streiter. Viele jüdische Eltern beweinten den Tod ihrer geliebten Söhne, auch viele Witwen und Waisen entbehrten ihrer Ernährer. Aber alle trösteten sich mit dem Bewußtsein, ihr Kostbarstes, ihr Teuerstes sür die Freiheit des Vaterlandes hingegeben zu haben. Es ist bekannt, daß der Berliner Kongreß— dank des Eifers der Alliancegesellschaften— Rumänien in Art. 44 die Pflicht der Gleichberechtigung der Juden aufdrängte. Wir wollen hier nicht das rumänische Jntriguenspiel darstellen — welches aus den Memorien des Königs Karol ersichtlich ist, wollen auch nicht nochmals zeigen, warum Rumänien 100 Millionen für den Rückkauf der Eisenbahnen mehr bezahlte, als der dainalige Kursstand der Aktien gerechtfertigt hätte. Es genügt bloß, hinzuweisen, daß die Naturalisation nur individuell und mit 2/s Majorität gewährt wurde. Der Art. 7, welcher als Resultat der Kompromisse zwischen Regierung und Parlament zustande kommt, hat folgenden Wortlaut: „Verfassung promulgiert 3. Oktober 1879, Art. 7. Der Religions- und Konfessionsunterschied bildet in Rumänien kein Hindernis zur Erlangung und Ausübung der zivilen und politischen Rechte. § 1. Jeder Fremde ohne Religionsunterschied, ob einer fremden Macht untertan oder nicht, kann die Naturalisation unter folgenden Bedingungen erlangen: a) „Er wird an die Regierung ein Naturalisierungsgesuch richten, enthaltend die Angabe über Kapitalsbesitz, Beruf oder Gewerbe, das er ausübt und die Kundgebung des Willens, seinen Wohnsitz in Rumänien zu begründen." b) „Er soll von dieser Zeit angefangen 10 Jahre im Lande wohnen (Stage) und durch seine Taten beweisen, daß er ihm nützlich ist." @;^§ 2. „Es können von der „ Stage"-Erfülluna befreit werden":