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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-11-12 · 46 (12.11.1909) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
46 (12.11.1909)
Date
1909-11-12
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Sette 783 Dr. Vlochs Wochenschrift. Gewöhnlich hört man über Emigrationsgesellschaften folgende Betrachtung anstellen: „Bei tätigen Mitgliedern muß jede Emigrationsgesellschaft etwas leisten können, nur habe sich eine kleinere Gesellschaft auf eine kleinere Anzahl von Emigranten zu beschränken, während eine größere ihrer Tätigkeit eine entsprechend größere Ausdehnung geben könne." Diese Betrachtung ist von Grund aus falsch, jeder Eingeweihte wird es uns bestätigen, daß eine lokale Gesellschaft überhaupt nichts ausrichten kann, insbesondere nichts Ganzes, weil die Interessen auch nur eines einzigen Emigranten die Existenz einer allweltlichen Organisation zu ihrer Wahrung erheischen. Eine Emigrationsgesellschaft, die keine festen Verbindungen in der ganzen Welt hat, kann mit Sicherheit keinem einzigen Emigranten nützen, ja, sie wird dem armen Wanderer unvollkommene und verspätete Informationen liefern, die sich nachher an seiner Tasche rächen. Die bloße Zuweisung von nützlichen Informationen erfordert die ununterbrochene Sammeltätigkeit einer allweltlichen Organisation, eines tadellos arbeitenden Mechanismus, der sich seine Informationen in den Emigrations-, Transmigrations- und Jmmigrationsländern holen und sie dem Emigranten rechtzeitig zustellen muß. Irregeleitet durch falsche Informationen, bleibt der Emigrant oft auf halbem Wege stecken, wird finanziell ruiniert und trägt auch moralischen Schaden davon. So einen Fall haben wir jetzt in Wien zu verzeichnen. Da haben mehrere russische Emigranten nach Palästina auswandern wollen. Paßschwierigkeiten hatten sie gezwungen, sich über die Grenze zu schmuggeln und ihren Weg über Oesterreich zu nehmen. Die Grenze mit ihren Schrecken hatte sie nicht zurückhalten können, ihre Reise ist aber dennoch Wert worden, und zwar von einer Emigrationsgesellschaft, die ihnen in ihrer Heimat ungenaue Informationen über die Schiffahrtskosten zukommen ließ. Nun weilen sie notgedrungen in Wien, müffen viel Plackereien ausstehen, für alles teuer zahlen und auf Geldnachsendungey aus Rußland warten. Wenn so die Hilfe beschaffen ist, die ein auf hinreichend bekanntem Gebiete Wandernder von den gegenwärtigen Emigrationsgesellschaften erwarten kann, was für einen Wert mögen da die Informationen über weniger bekannte Gegenden haben, in die das Schicksal so oft den jüdischen Emigranten verschlägt. Wird er da nicht beffer tun, ganz selbständig vorzugehen und sich die Ratschläge der Gesellschaften vom Halse zu halten? Je ernster und bedeutender nun die Hilfe beschaffen sein soll, die eine Emigrationsgesellschaft dem Emigranten gewähren möchte, umsoweniger kann hier etwas eine über die Grenzen des einen Landes nicht hinausgehende Gesellschaft ausrichten, sie mag auch eine Zentrale mit Filialen in verschiedenen Städten aufzuweisen haben; nur die Weltorganisation macht wahrhaft regulierende Arbeit möglich. Eine allweltliche Organisation aber, die in ihren Kreis die ganze jüdische Emigration einbeziehen, die Emigrationsgesellschaften der verschiedenen Länder zu einem einheitlich funktionierenden Mechanismus zusammenschmieden, die Not der jüdischen Emigranten genau reflektieren und gefühlvoll, zur rechten Zeit und mit den passenden Mitteln auf dieselbe reagieren soll — eine derartig gestaltete allweltliche Organisation kann nur auf einem allweltlichen Kongreß ins Leben gerufen werden. Wien. Bertold i. Zum 180. Geburtstage Friedrich Schillers. Ziemlich sang- und klanglos ging der 50. Todestag Alexanders von Humboldt, der 6. Mai 1909, an uns vorüber. Wir wiesen auf ihn an anderer Stelle, in einem unserer kurzen Rückblicke, hin. Selten hat ein Mann von der Größe und Bedeutung eines Humboldt Israel und seinen Heiligtümern gleiche Anerkennung gezollt. Vielleicht wäre es. in unserer Zeit insonderheit gut und nützlich gewesen, eine Auslese seiner Aussprüche über das Judentum, wie sie sich in seinen Werken, Briefen und Mitteilungen finden, zu sammeln, um sie als Ruhmeszeugnisse für das Judentum herauszugeben. Die Volkstümlichkeit aber, die sich Schiller in unserer Mitte errungen, hat Humboldt nie gewinnen können; Schiller, der zwar gesagt hat. daß „alles Böse, was man diesem Volke nachzusagen gewohnt ist. alle Bemühungen witziger (?) Köpfe, es zu verkleinern", ihn nicht hindern werde, „gerecht gegen dasselbe zu sein", aber im gleichen Atemzuge diese Nation als ein „unwürdiges Gefäß" bezeichnete, bestimmt, einen kostbaren Inhalt aufzubewahren. Wir haben in diesen Blättern über das Thema „Schiller und die Juden" vor vier Jahren geschrieben, als wir mit der ganzen gebildeten Welt Schillers 100. Todestag feierten. Und nun begehen wir trotz alldem, was man in der „Sendung Moses" Judenfeindliches finden mag, trotz seines Spiegelberg, welcher uns die Juden zur Zeit des Dichters in einem sehr getrübten Spiegelbilde zeigt. Schillers 150. Geburtstag mit dem Gefühle, daß kein Dichter uns so ans Herz gewachsen ist, keiner uns so anheimelt, wie der Sänger der ewigen Menschenwürde, der Verherrlicher der unverjährten Menschenrechte, welcher, mit der. Kraft des Bibelwortes ausgerüstet. den unausbleiblichen Sieg des Menschentums in seinen herrlichen Dichtungen wie ein Seher, ein Prophet verkündet. Das ist der Grund von Schillers Volkstümlichkeit im Judentums, mag er auch gar manches harte Wort, wenn auch nicht über die „hebräische Nation", sodoch gegen die Juden seiner Zeit gesprochen haben. Die Juden, empfindlich gegen das leiseste Wort der Unfreundlichkeit, gegen den unsanften Hauch der Lieblosigkeit, gegen die schmähende Rede der Verletzung, haben es dem großen Dichter nicht nachgrtragen, daß er sich von dem Wahne seiner Zeitgenossen nicht befreien konnte. Wir können vielmehr behaupten: Nirgends, hat Schiller solche Bewunderer und Verehrer und eifrige Leser gesunden als bei den Juden. Der allzu früh verstorbene K. E. Franzos schilderte dies sehr schön in einer seiner leider schon der Vergessenheit anheimfallenden Novellen. Die Juden mit ihrein feinfühligen Sinne für die Hellen Laute der Erlösung und Freiheit erkannten sehr wohl, daß auch ihnen in Schiller ein Sänger der Befreiung erstanden, einer von jenen Männern, denen Daniel — der Biblische — sagt: „Die Erkenntnis verbreiten, werden leuchten wie des Himmels Glanz. Und die viele zur Tugend führen, wie die Sterne des Himmels immer und ewig." (Dan. XII. 3.). — Ist es doch Gebot für den Juden, beim Anblicke ausgezeichneter Männer zu sprechen: „Gepriesen der Herr, der von seiner Weisheit Sterblichen mitteilt." — Schiller verkündete den Eottesgedanken. wie ein Prophet. Er sang von dem Geist:, der über den Stoff hinausragt, diesen bewältigt und verklärt. Und ein Gott ist, ein heiliger Wille lebt. Wie auch der menschliche wanke; — Und ob alles im ewigen Wechsel kreist — Es beharret int Wechsel ein ruhiger Geist! („Die Worte des Glaubens") Ist es uns nicht, als hörten wir das Bibelwort von dem Gotte, der ruhete, von all' dem Werke, das er geschaffen? Von dem Gotte, der sich seiner Geschöpfe freut? Wie vertraut tönen uns die Worte aus dem „Lied an die Freude" entgegen, in dem er singt: »Ihr stürzt nieder, Millionen? Ahnest du den Schöpfer, Welt? Such' ihn überm Sternenzelt — Ueber Sternen muß er thronen!" („An die Freude"). Welche Verwandtschaft zwischen diesen Worten und denen eines Großen vor unserem Dichter, des Heilsverkünders Jesaias! Gewiß, wir finden bei Schiller auch Stellen, die „Resignation" lehren auf eine höhere Weltordnung, in denen er, ein zweiter Hiob, in Stunden finsteren Unmuts anstürmt gegen den Gedanken an ein höheres Leben. Aber schon ein alter Lehrer sagte: „Was der Mensch im Schmerze gegen Gott ausspricht, das kann ihm nicht als Schuld angerechnet werden." (Talmud, Baba bathra 16.) Aber er hat auch dem Glauben an die Fortdauer des menschlichen Geistes die wunderbarsten Worte geweiht: „Auf des Glaubens Sonnenberge Sieht man ihre Fahnen wehn. Durch den Riß gesprengter Särge Sie im Chor der Engel stehn. Duldet mutig, Millionen, Duldet für die bess're Welt; Droben überm Sternenzelt Wird ein großer Gott belohnen." („An die Freude"). Solche Worte, welche gleichsam Fleisch von unserem Fleische, Bein von unserem Beine sind, haben uns Juden mächtig zu diesem Sänger und Seher hingezogen, ihn zum Liebling der Juden seiner und späterer Zeilen gemacht. An ihm hat sich ihr Sinn für das Schöne, welcher in der Häßlichkeit einer veralteten Welt schier versunken war. emporgerichtet, seine Dichtung wurde zum blühenden Stabe Aarons, der auch für die Juden neue, schöne Früchte zeitigte. Und so begreifen wir es. daß sich

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