Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 46 (12.11.1909)
- Date
- 1909-11-12
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 782 Dr. Vlochs Wochenschrift. Nr. 46 wir die Folgen des Judenhasses im Gange der Justiz nicht in Polna und der Hilsnersache zu sensationellen Weiterungen auschwelleu gesehen? Die Pariser Geschworenen sind zwar kleinbürgerlich aber doch aus der Weltstadt und keine Polnaer Häusler. Die Pariser Kultur ist zu groß, um den richtigen Resonanzboden für derlei Anklagen gegen die Juden zu geben. Die Kastaus wurden auch erst nach der Bluttat aus dem Jüdischen Theater gestohlen. Aber immerhin ist von dem aus den Dreyfus-Zeiteu her noch erhaltenen Glauben an alle möglichen jüdischen Schlechtigkeiten so viel vorhanden, um eine winzige Wahrscheinlichkeit für die öffentliche Meinung zu erhalten und dieses Fünkchen versuchte Madame Steinheil mit ihrem ganzen Atem anzublasen, diesen Schimmer schützte der Verteidiger vor dem Verlöschen, wohl wissend, daß es keine noch so allgemeine, dumme und freche Beschuldigung der Juden gibt, von der nicht wenigstens eine Kleinigkeit geglaubt wird. Wenn Madame Steinheil von den Geschworenen freigesprochen wird, so wird sie sicherlich einen Teil dieses Erfolges der Geschicklichkeit zu verdanken haben, mit welcher sie das dramatische Lügenmärchen von den drei Judenröcken in ihren Prozeß hineinzuwerfen wußte. Kaftan, fremde Juden, Ritualmord — ein ungereimtes, blödsinniges Lied, dem die Menge trotz zwanzig Jahrhunderten immer noch bereitwillig zuhört. Einer hätte es gerne gesungen, sehr gerne. Und daß er es nicht konnte, durch eigene Schuld nicht konnte, gibt zu dem tragischen Pariser Prozeß einen heiteren Wiener Witz. Welche glänzende Gelegenheit hätte es dem Deutschen Volksblatt gegeben, aus den drei geheimnisvollen Juden im Kaftan drei prächtige, unrasierte Ritualmörder zu machen, deren Chalef auf dem Tatort gefunden wurde und die statt der Banknoten ein Mitgliedsbüchel der „Alliance Jsraelite" zurückließen. Dem genannten Jntelligenzuud Kulturorgan wäre es bei einiger Anstrengung vielleicht sogar gelungen, die drei Kaftavjudeu auf der Flucht in Oesterreich zu entdecken, ein mit Rabbinatsstempel versehenes Blutfläschchen bei ihnen zu entdecken und sie auf Grund dieser Beweise und mit Hilfe Kilometer weit sehender Zeugen von den Geschworenen zum Galgen verurteilen zu' lassen. Welche herrlichen Möglichkeiten, welche prächtige Gelegenheit, das in Oesterreich brachliegende Ritualmordgeschäft mit Pariser Provenienzen wieder zu beleben^ Und Alles verdorben durch eine Voreiligkeit, eine Kurzsichtigkeit. Denn um den Juden doch rasch etwas anzutun, wurde im Vergaui-Blatt die beglaubigt arische Courtisane, geborene Japy, in der Geschwindigkeit für eine Jüdin erklärt. Und so hatte es keinen Sinn mehr für das „Deutsche Volksblatt", daß seine wackere Gesinnungsgenossin die drei herrlichen Ritualmörder erfand, drei verlorene Gelegenheiten für dreißig Leitartikeln, für dreihundert Lügen, für dreitausend Exemplare Mehrauflage! Gewitzigt von dieser Tatsache wird von nun ab im „Deutschen Volksblatt" die Konfession des Angeklagten in kommenden großen Prozessen laut Redaktionsbeschluß erst am dritten Verhandlungstag festgestellt. _ Mas da«« «ns der jüdische Emigrations- Kongreß geben? Die allweltliche Organisation. — Die Vereinigung. — Die Emigrantenbank. — Die jüdische Repräsentation. Sowohl in Amerika als in Europa, insbesondere aber in Rußland beginnen die verschiedenen Emigrationsgesellschasten Vorbereitungen zu einem allgemeinen Emigrationskongreß zu treffen. Von jüdischen Gemeinden und Wohltätigkeitsanstalten Mer Art werden vorbereitende Konferenzen abgehalten, Beschlüsse gefaßt, ja man schickt sich schon allenthalben an, Delegaten znm Kongreß zu entsenden und doch können wir nicht geradezu behaupten, daß die jüdische öffentliche Meinung genügend über die Aufgaben und Ziele des Kongreffes aufgeklärt wäre. „Leiden wir denn Mangel an Kongressen?" — frägt so mancher. „Wer sagt uns denn, daß die lokalen und zentralen Emigrationsgesellschaften sich noch mehr zentralisieren und unbedingt auf allweltliche Organisationen mit allweltlichen Kongressen lossteuern müssen? Sind denn allweltliche Konferenzen auf allen Gebieten so überaus notwendig und nützlich? Und schicken sie sich insbesondere auf einem so nüchternpraktischen Gebiet, wie die Regulierung der Emigration nun einmal ist? Wozu diese Nachahmung der Zionisten? Ein Kongreß ist eine durchaus solenne Erscheinung, den armen Emigranten aber können wir auf eine einfachere und stillere Art beispringen, und ihnen den mühevollen Weg erleichtern; wir haben es gar nicht nötig, zu diesem Zweck die Welt zu stürmen." So ungefähr könnte das Räsonnement der nicht ganz Eingeweihten lauten, es ist daher am Platze, ausführlicher die Aufgaben eines Emigrationskongresses zu besprechen und so seine Notwendigkeit für eine zweckentsprechende Regulierung der jüdischen Emigration nachzuweisen. I. Die allweltliche Organisation. Es gab eine Zeit, wo man in der jüdischen Oeffentlichkeit es nicht der Mühe wert hielt, über die jüdische Emigration ernst nachzudenken. Jahrein, jahraus machten sich Zehntausende unserer Brüder mit ihrem Wanderstab auf den Weg ohne jegliche soziale Hilfe, einzig im Vertrauen auf ihre eigenen schwachen Kräfte; niemand kümmerte sich um unsere Ausgewanderten, trotzdem sie Unmenschliches auf ihrem dornenvollen Weg zu ertragen hatten. Das chaotische, jeder Organisation mangelnde Flüchten unserer Emigranten wurde als eine natürliche Erscheinung angesehen, denn auswandern — sagte man sich — bedeutet eben nichts anderes, als die Flucht ergreifen, der Ausgewanderte ist ein Glied, das sich vom Volkskörper losgelöst hat, wen geht es an, was mit ihm vorgeht, aus den Augen — aus dem Herzen. Es mußten Jahre dahinschwinden (hatte doch die jüdische Massenwanderung schon in den 70-er Iah re n des vorigen Jahrhunderts eingesetzt), die jüdischen Emigranten mußten den bittern Kelch der Wanderung bis zur Neige leeren, bevor die jüdische Gesellschaft sich daran gewöhnt hatte, mit anderen Augen ihre „losgelösten Glieder" zu betrachten, bevor auch demgemäß in den für die jüdische Oeffentlichkeit maßgebenden Kreisen eine aufmerksame Beziehung zur ungeheuerlichen jüdischen Massenwanderung platzgegriffen hatte. Gegenwärtig, das können wir mit Fug und Recht behaupten, find die unerquicklichen Zeiten des Jndifferentismus und der Apathie vorüber, wo der quietistische Standpunkt laissez faire, laissez passer das Zepter führte und man die jüdische Wanderung systemlos vor sich gehen ließ; allenthalben sind Emigrationsgesellschaften mit der verantwortungsvollen Aufgabe gegründet worden, die Interessen der jüdischen Emigranten zu wahren und ihnen das sichere Geleit auf ihrer Wanderung zu geben. Haben aber die verschiedenen Emigrationsgesellschaften den Emigranten viel geholfen? Können sie bedeutende Leistungen aufweisen? Es genügt, nur so einen oberflächlichen Blick auf die einschlägigen Berichte zu werfen, um alsbald die Ueberzeugung zu gewinnen, daß die Arbeit der Gesellschaften mit ihrer Zahl nicht Schritt halten konnte, daß sie nicht nur im Verhältnis zur großen Aufgabe, die ganze jüdische Emigration zu regulieren, aber auch im allgemeinen viel zu wenig geleistet haben. Worin liegt dann die Schuld? Warum leiden die Emigrationsgesellschasten an einer spezifischen Schwäche, die wie eine innere Krankheit anmutet? Leiden sie Mangel an praktisch geschulten Arbeitern, an genauen Kenntnissen in Emigrationssachen? Wir müssen offen gestehen, über viel zu viel Schulung können gerade die in der jüdischen Oeffentlichkeit Tätigen nicht klagen, detaillierte Kenntnisse speziell in jüdischen Angelegenheiten find auch nicht allzusehr verbreitet und trotzdem müssen wir die Ursache für das Defizit unserer Emigrationsgesellschasten viel tiefer suchen, ihre „Arbeitsfrage" ist ein viel ernsteres Problem, als es beim ersten Blick erscheinen könnte.