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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-11-12 · 46 (12.11.1909) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
46 (12.11.1909)
Date
1909-11-12
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Dr. Bl och’s » Zentralorgan für die gesamten Unteressen des Andentnms. -□ ,□- Wien, 12. Rovcnlber 1909 : Brscbeint jeden Freitag, i Brief-Adresse: Wie», IX/i, Hahngasse 15. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift, Wien. Inhalt: Leitartikel: Die drei Kaftans. — Was kann uns der jüdische Emigrationskongreß geben? — Znm 150. Geburtstage Friedrich Schillers. — Die Freiheit und das Glück der rumansschen Juden. — Korrespondenzen: Die Sprache der Statistik. Wenn ein auswärtiger Jude in Tirol verunglückt. Eingesendet. Die drei Getauften. Hohenems. Die Denkmalenthüllung in Weißenberg. Berlin. Kopenhagen. Der jüdische Fulton. Der neue Bürgermeister von New-Iock und die Juden. — Vermischtes. — Feuilleton: Anna Honigmann — Literatur. — Neue Bücher. — Briefkasten. — Inserate. 0 0 =00 p Bezugspreis für Oesterreich: C Halbjährig 8 Kronen; Einzelexemplare 50 Heller. Für'» Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 Kronen. Anzeigen: Die 4mal gespal- O teixe Petitzeile 24 Heller. C, OP -rQO OG oo Q K. ,ft. Postsparkaffenamt Sleartng-Verk ebr flr. 810.976. Redaktion und Administration: r Vien n/i. Hahngasse Nr. 15. _ Telefon Nr. 14.847. oP ——Oo Jahrgang XXY1 Die drei Kaftans. Prächtig steht Madame Sternhell, die große Courtisane vor den Pariser Geschwornen. Verteidigt sich wie ein Glanzfechter gegen die Uebermacht. antwortet den vernichtendsten Stößen mit wundervollen Finten und Paraden, welche die Wucht des Angriffs im Nichts sich verlieren, abgleiten, vollständig entkräften lassen. Schuldig oder nicht — in beiden Fällen bewundert nian die Vollnatuc der ehemaligen Geliebten des Präsidenten Faure, um deren Repertoire an Ausdrücken des Gefühls sie die größte Künstlerin beneiden muß. Wenn die elegante Weltdame wie eine Heroine deklamiert und zornige Glut gegen die Richter schleudert, wenn sie sich als jugendliche Naive aus die weibliche Schamhaftigkeit zurückzieht. mit dem Vorsitzenden trotzt und schmollt, wenn sie sentimental an die Mutter Frankreichs appelliert, als zischende Salomchlange die Verwandten ihres Munnes mit Gift überschüttet, die als Belastungszeugen kommen, ist sie da nicht größer in dem Drama ihres Lebens als die Wolter, als die Rejane, als die Bernhardt? Das ist wieder ein Fall, in welchem das Gefühl des Blasiertesten mitmarschiert, das doppelt ergriffen wird von dem französischen tragischen Esprit, mit welchem der Prozeß geführt wird und von seinem grausigen Inhalt. Denn wie das mit der Sphinx, geht das Frage- und Antwortspiel zwischen dem Gerichtspräsidenten Valles und der Angeklagten auf Tod und Leben. Die hochgewachsene schlanke Frau mit den wohlgepflegten Händen ist beichuldigt, in einer schweigenden, von einem furchtbaren Geheimnis schwülen Nacht des vorletzten Blütenmonats ihre Mutter und ihren Gatten erdrosselt zu haben. Sie, um sie zu beerben, ihn, weil er der Verbindung mit einem sonst fliehenden Liebhaber im Wege stand. Verdacht verdichtet den Verdacht. Aber nicht zum genügenden Beweise. Wenn die Richter ihr „Schuldig" sprechen sollen in so schwerer Sache, wenn ihr Urteilsspruch den schrecklichen Henker ruft, dann darf nicht da» leiseste Zittern des Zweifels m ihrem Herzen sich regen, wenn sie dem Rechte für das furchtbare Verbrechen des Muttermordes freie Bahn lassen. Heute schon kann gesagt werden, daß kein gewissenhafter Geschworener der Welt Madame Jeanne Marguerite Steinheil, geborene Japy, verurteilen werde. Alle Indizien fallen in sich zusammen, wenn die Rede der Angeklagten darüber fegt; alle Belastungszeugen werden klein und wankend, wenn sie ihrerseits das Kreuzverhör mit ihnen beginnt. Und wäre es denn möglich, daß ein Mensch aus Nerven, Fleisch und Blut die fürchterliche Schuld des Eltern- und Gattenmordes ertragen könnte, ohne darüber zusammenzubrecheu? Madame Steinheil aber hat die moralische Kraft eines Tigers und nichts ist au ihr zu bemerken von bleischwer niederziehender Schuld. Sie hat es nicht getan — das ist der eine bleibende Eindruck. Aber sie weiß etwas von dem Verbrechen, etwas anderes, als sie aussagte, das ist der andere. Wahre und reine Unschuld ist groß ist eher unbeholfen als kniffig, ist trotzig und einfach. Madame S'einheil aber beschuldigt sich, indem sie Schuldige sucht. Es liegt einem wirklich ungerecht Verfolgten ferne, einen anderen an die eigene Stelle zu bringen. Jeanne Marguerite aber zeigt dieses Bestreben fieberhaft und rechtfertigt so die Meinung, daß sie vielleicht die Zeugin des Verbrechens war und den wirklich Schuldigen aus unbekannten Gründen schützen und decken möchte. Bei zwei der von ihr Beschuldigten, dem Kammerdiener und dem Sohne der Köchin, mißlang der Angeklagten ihr trauriges Manöver. Jetzt versuchte sie es mit einem dritten Hinweise und von diesem wird sicherlich etwas hängen blewen, etwas wirken, -obwohl Madame Steinheil auf einen U'bekannten, ein Phantom, ein Gespenst gezeigt hat. Sie beschuldigt jetzt nämlich die Juden des Mordes, und zwar nicht etwa Pariser Juden, sondern Männer in Kaftan. Männer aus der Fremde, Mitglieder des in Paris befindlichen jüdischen Theaters, das wahrscheinlich aus dem Osten gekommen ist. Aus der Garderobe dieses Theaters waren drei lange Ueberröcke gestchlen worden. Es zeugt von der großen Erfahrung der Weltdame oder von der ausgezeichneten P ychotogie ihres Verteidigers, daß diese drei Kaftans zum Mittelpunkt der Verteidigung wurden. Wenn ein Verbrecher von einem Unbekannten spricht, so lacht ihn der Staatsanwalt aus. Aber wenn er von einem unbekannten Juden spricht, noch dazu von einem östlichen, den man sich ohne verdächtigen, krausen. Räuterbart gar nicht vorstellen kann, so kommt wenigstens die Volksstimmung ins Schwanken, welche dann wieder auf die Geschworenen zurückwirkt. Haben 4* »3

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