Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 45 (5.11.1909)
- Date
- 1909-11-05
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 778 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 45 der Erde Legt. Auch er hat so gleichmäßig geatmet, und auch bei ihm hob und senkte sich die Decke abwechselnd. Isaak schiebt sich näher heran, berührt mit der Hand die Haare des Kindes, dessen Stirn . . . Um die Kleine näher zu betrachten, kniet er nieder im Bett und neigt sich über sie. Das Kind schläft ununterbrochen. Da drückt Isaak voll Entzücken seine Lippen auf die rosige Wange und wiederholt mehrmals: „Ich liebe Dich so, so sehr liebe ich Dich, so sehr.." Plötzlich wacht die Kleine auf, sie weint laut, im Zimmer entsteht ein Lärm . . . Der Vater frägt, was geschehen ist, die Frau in der Haube zetert und flucht, das kleine Mädchen weint immer lauter und zeigt mit dem Finger auf Isaak. „Er . . . Mama . . . er . . ." „Was hat er Dir getan?" frägt die Frau. „Hier . . . hier ... und weinend zeigt das Kind mit dem Händchen auf seine Wange. Die Frau steht auf. nimmt die Kleine zu sich ins Bett uud wirft dabei Isaak einen feindseligen Blick zu. Isaak bleibt allein, ganz allein, und fühlt sich sehr unglücklich. Aber er fürchtet sich, zu weinen, sogar zu seufzen fürchtet er sich. Erst nachdem er eingeschlafen, entringen sich schwere Seufzer seiner Brust. Dann träumt Hm, er habe viel Geld unter dem Schrank gefunden. Er holt es heraus und holt es heraus uud immer noch kommt Geld zu. Er hat sich schon alle Taschen vollgestopft, Vater und Mutter so reichlich bedacht. . . . Uud Beide freuen sich, denn es werden schon nie mehr schlechte Zeiten auf der Welt sein. . . . Und sie sagen, daß sie schon niemals, niemals scheiden werden. . . . Und Beiden sitzen am Tisch und zählen das Geld und Isaak legt immer frisches Geld auf den Tisch. . . . Und die Mutter lächelt und der Vater ebenfalls und Isaak klatscht in die Hände und ruft fröhlich: „So ist's gut. so . . ." Uud er lächelt im Schlaf. Tags darauf, am frühen Morgen, brachte ihn der Vater zur Bahn, uud übergab ihn einem Passagier, mit der Bitte, den Knaben au Ort und Stelle zu bringen. Während der ganzen Reise schlief Isaak und des Abends langte er wieder in Jaltow an. Er begab sich nicht gleich nach Hause; er zog es vor, erst in den Cheder zu gehen, aber die Frau von Mendel, dem Kaufmann, sah ihn und benachrichtigte die Mutter von seiner Rückkehr. So wartete der Knabe denn im Laden. Bald jedoch kam das Dienstmädchen, nahm ihn an der Hand und führte Hu nach Hause. Zu der Tür kam ihn die Mutter entgegen und aus dem Nebenzimmer blickte ein schwarzbärtiger Mann mit einer Sämmtmütze auf dem Kopfe. Als er seiner Mutter ansichtig wurde, stürzte Isaak auf sie zu, fiel ihr zu Füßen und brach in lautes Weinen aus. Die Mutter wandte den Kopf dem in der Tür stehenden Manne zu und große Tränen rannen unaufhaltsam ihrm erbleichten Wagen entlang. Da begann der schwarzbärtige Mann mit der Sammtmütze auf dem Kopfe schweigend und schwerfälligen Schrittes im Zimmer auf und ab zu gehen und jeder seiner Schritte hallte, einem schmerzlichen Echo gleich, in des Kindes verwundeten Herzen wieder. Ende. Literat«». Ein nerres approbiertes Lehrbuch der jüdischen Geschichte und Literatur für Obergymnasien und verwandte Lehranstalten. Mit Erlaß des hohen k. k. Ministeriums für Kultus und Unterricht vom 22. September 1909, Z. 35.854 wurde die von Prof. Dr. Adolf B i a ch, Rabbiner in Brüx, neu bearbeitete und durch ein Beiheft: „Proben zur jüdischen Literatur" vermehrte 8. Auflage des Kayserling'schen Buches approbiert. Licht. Schauspiel in einem Aufzug von Friedrich Porges. Jüdischer Buch- und Kunstverlag Max Hickl, Brünn. Ein junger, jüdischer Gelehrter des 17. Jahrhunderts, dem außerhalb der Ghettomauern der große Erfolg winkt, bringt seinem Vater und seinem Glauben das Opfer seines Ruhms. Er verzichtet aus eine glänzende Laufbahn und tritt in die Dunkelheit seines Ghettos zurück. Aber er hat bereits den bösen Feind ins Haus gelassen, in Gestalt eines getauften Juden namens Roller, der ihm die Schwester betört und entführt. Und Elieser, der junge Gelehrte, noch ganz unter dem Eindrücke seines schweren Verzichtes, voll ungeheurer Depression über den unerbittlichen Gang des Schicksals, das er selbst heraufbeschworen hat, macht seinem Leben durch eine Kugel ein Ende. Das ist in großen Umrissen gezeichnet der Inhalt dieses Dramas, das leider nur ein Einakter ist. Denn für die Wucht des Milieus und der Handlung hat sich der Autor zu wenig Raum gelassen. Er zeigt soviel Begabung, daß man eine Kritik der Mängel nicht unterlassen soll. Und da darf nicht unerwähnt bleiben, daff auch der Konflikt zu wenig begreiflich gemacht wurde, was eben im Rahmen eines Einakters sehr schwierig ist. Aber es entsteht dadurch eine Beeinträchtigung des Ganzen und bei einer so schönen und sonst gut ausgeführten Idee ist es um jede Wirkung schade. Was ich aber mit besonderer Freude an diesem Stück, das schon durch die Wahl seines Stoffes an und für sich hochinteressant ist, hervorhebe, ist eine gewisse bühnensichere Art, die die Lebendigkeit der Szenen macht und ihnen dramatischen Puls gibt. Auch hat es der Autor verstanden, mit ein paar knappen Szenen das ganze Ghettomilieu des 17. Jahrhunderts vor Augen zu führen. Er scheint viel Liebe für diese Zeit und ihre Probleme zu haben. Und nach diesem ersten Versuch ist nur zu wünschen, daß er sich an weitere und größere Arbeiten wagen möge. Thekla B l e ch—M e r w i n« Ludwig Fulda. Sieben Einakter. 2. Auff. I. F. Cotta'sche Buchhandlung Nachf. M. 3.—. Unter vier Augen. — Frühling im Winter. — Fräulein Witwe. — Lästige Schönheit. — Die Zeche. — Ein Ehrenhandel. — Der Traum des Glücklichen. — Die hier unter einem Dach vereinten Kinder der Fulda'schen Muse sind sehr verschiedenen Alters. Ihre Geburtsdaten verteilen sich fast auf ein Vierteljahrhundert. Doch tragen sie alle unverkennbar den gemeinsamen Familienzug bezaubernder Anmut der Form bei lustigem wie bei ernstem Gegenstände. Bis auf den visionären Charakter des letzten Stückes stehen sie alle auf dem Boden positivster Wirklichkeit. Daß in allen ein Problem der Lebensphilosophie sinnig gelöst und einer kernigen Lebensbegabung das Wort geredet wird, versteht sich bei Fulda von selbst. M. Sanders' Handwörterbuch der deutschen Sprache. Neu bearbeitet von Dr. I. E. Wülfing. 8. Aufl., 1. der Neubearbeitung. Lief. 1. Preis 1 Mk., Leipzig 1909, Otto Wigand. Das Buch, das längst im ganzen deutschen Sprachgebiet zum Standard-work jedes Schriftstellers geworden ist, hat sich gegen alle Konkurrenz bisher tapfer behauptet. Allein der ungeahnte Aufschwung der Technik, die Bereicherung unserer botanischen Namen und Begriffe, mehrere Vorzüge anderer Wörterbücher und andere Rücksichten ließen den Plan zu einer Neubearbeitung reifen, die, das zeigt vorliegende erste Lieferung, allen Erwartungen vollauf entspricht. Wer das Buch als unentbehrliches Nachschlagebuch bisher geschätzt hat, wird es im neuen Gewände doppelt freudig begrüßen. Wir zweifeln nicht, daß es aber auch neuer Freunde eine große Schar sich erwerben wird. Goethe und seine Freunde im Briefwechsel. Herausgegeben und emgeleilet von Richard M. Meyer, Professor an der Universität Berlin. Verlag von Georg Bondi. Berlin. Brosch. M. 6.—, in Leinen geb. M. 7.50, in Leder M. 12.50. Nichts kann die geistige Weltherrschaft, die Goethe fast zwei Menschenalter hindurch innegehabt hat, so veranschaulichen, wie der Briefwechsel, den der Unvergleichliche mit den besten seiner Zeitgenossen geführt hat. Bisher gab es keine Möglichkeit, diesen unendlich reichen Briefwechsel bequem zu überblicken. Es fehlte nicht an Sammlungen von Goethes eigenen Briefen; aber eine solche Auswahl blieb notwendig ein großer Monolog. Man vermißte die Gegenäußerungen der Adressaten umsomehr, als der Reiz der Briefform vornehmlich im Austausch der Meinungen liegt. So kommt diese erste Auswahl des Goethe'schen Briefwechsels, die der bekannte Literarhistoriker Prof. R. M. Meyer besorgt hat,. wirklich einem Bedürfnis entgegen. Der heute vorliegende erste Band des auf drei Bände berechneten Werkes läßt erkennen, daß überall die für die Korrespondenten charak-