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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-11-05 · 45 (5.11.1909) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
45 (5.11.1909)
Date
1909-11-05
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 45 Dr. Blochs Wochenschrift. Sette 773 Die „Fremdenfrage" in Rumänien. Auf Beschluß des Sozialdemokratischen Verbandes und entsprechend den Aufträgen des Internationalen Sozialistenkongresses haben die Abgeordneten Grigorovici und Pittoni an die österreichische Gesamtregierunz in der letzten Sitzung des Abgeordnetenhauses folgende Interpellation eingebracht: Die österreichische Regierung wurde seinerzeit sowohl im Abgeordnetenhanse als auch in den Delegationen auf gewisse Vorgänge in Rumänien aufmerksam gemacht, die wegen ihrer Eigenart vom österreichischen Staat nicht unberücksichtigt gelassen werden sollten. Es sind dies die Massenausweisungen angeblicher Fremden aus Rumänien. In dem Zntraum vom 15. März bis zum 18. Juni des Jahres 1907 sind allein 880 sogenannte ausweislose Fremde durch rumänische Grenzbehörden zumeist auf österreichisch - ungarisches Territorium, oft mit List und Gewalt, gesetzt worden. Bedenkt man nun, daß zu den „ausweislosen Fremden" in Rumänien viele Hunderttausende von Personen gehören, darunter sämtliche 250.000 in Rumänien ansässige Juden, so könnte es leicht geschehen, daß die rumänische Regierung eines Tages alle diese Personen zwingt, österreichischen oder ungarischen Boden zu betreten, um nicht mehr nach Rumänien hineingelassen zu werden. Die Regierung Rumäniens hat nämlich, entgegen den Aufträgen der Vertragsmächte des Berliner Vertrages, zu denen auch Oesterreich- Ungarn gehört, bis zum heutigen T ige die Frage der Naturalisierung dieser sogenannten Fremden, deren Familien zumeist seit Jahrhunderten im Lande wohnen, nicht gelöst, obwohl sie sie zu allen Bürgerpflichten heranzieht und ste auch den Militärdienst ableisten läßt. So gehören alle sogenannten Fremden in Rumänien keinem Staatsverband der Erde an, und wenn ihre Ausweisung auf Grund des Ausweisungsgesetzes vom Jahre 1901 erfolgte, welches die rumänischen Behörden ermächtigt, ausweislose Fremde „in ihr Heimatland" auszuweisen, so entsprach das eben nicht diesem Gesetz, weil diese angeblichen Fremden kein anderes Heimatland haben als eben Rumänien. Dennoch hat die rumänische Regierung nicht gezögert, ihr mißliebige, gewerkschaftlich organisierte rumänische Arbeiter, wie die in Wien lebenden Tisch ergehilfen Brüder Hoppe, den in Triest weilenden Schlossergehilfen Konstantin Covaci und andere auf Grund dieses Gesetzes, in einem Falle unter Protest der österreichischen Grenzbehörden, nach Oesterreich auszuweisen. Selbst ein Dichkkr, Barbu Lazarovici, und Doktor Christea Racovski, der bekannte Schriftsteller und Führer der sozialdemokratischen Partei Rumäniens, fielen gegen alles Gesetz auf dem Wege der Ausweisung der Rache der gegenwärtigen liberalen Regierung Rumäniens zum Opfer. Insbesondere der Fall des Dr. Racovski ist im höchsten Grade empörend, da dieser und seine Familie, noch ehe Rumänien die Provinz Dobrudscha besetzte, dort wohnten und begütert waren, da er längere Zeit als rumänischer Bürger, als gewählter Landrat funktionierte und im rumänischen Heere den Rang eines Oberarztes bekleidete. Ihm wurde nicht einmal gestattet, ins Land zurückzukehren, um in dem von ihm angestrengten Prozeß vor dem Kassationshof sein rumänisches Bürgerrecht an der Hand von Akten zu beweisen; ein unerhörter Vorgang, der in keinem gesitteten Lande möglich ist. Um der österreichischen Regierung zu ermöglichen, einen Einblick in alle diese sie als Vertragsmacht interessierenden Rechtsverletzungen zu gewinnen, legen wir unserer Interpellation im Anhang ein vom Herrn Dr. Racovski verfaßtes Druckwerk bei, das sich „Le» persöcutions politiques en Koumaine“ (Die politischen Verfolgungen in Rumänien) betitelt und ihr Gelegenheit geben wird, sich zu überzeugen, daß die gegenwärtige rumänische Regierung ganz Europa, insbesondere aber Oesterreich als Strafkolonie für ihr mißliebige Personen betrachtet und es schon aus diesem Grunde Sache der österreichischen Regierung wäre, für die Repatriierung der Ausgewiesenen etwas zu unternehmen. Denn daß die rumänische Regierung die Ausweisung nach Oesterreich-Ungarn als Strafe für ihre eigenen Bürger betrachtet, beweist sie selbst durch den Umstand, daß kürzlich der Führer der gewerkschaftlich vereinigten Schuhmacher von Bukarest, Vasile Anagnoste, gegen das Versprechen, sich von der gewerkschaftlichen Bewegung zurückzuziehen, wieder ins Land gelassen wurde, obwohl er als „ausweisloser Fremder" des Landes verwiesen war. Die Interpellation schließt folgendermaßen: Solche Zustände erscheinen uns als unhaltbar, umsomehr, als Oesterreich durch das Vorgehen der gegenwärtigen rumänischen Regierung als Nachbarstaat in Mitleidenschaft gezogen wird. Gegenwärtig protestieren die Arbeiter Rumäniens in gewaltigen Massenmeetings gegen diese barbarische Ausweisungspraxis; auch die Interpellierenden schließen sich diesem Protest an und stellen an die österreichische Regierung folgende Fragen: Ist die Regierung geneigt, ihren Einfluß auf das österreichischungarische Auswärtige Amt auszuüben, daß dieses bei der rumänischen Regierung vorstellig werde, 1. damit die rumänische Regierung die Frage der Naturalisierung der sogenannten Fremden erschöpfend und ehestens im Sinne des Berliner Vertrages löst; 2. damit die rumänische Regierung es für die Zukunft unterläßt, ihr mißliebige Bürger mit List und Gewalt nach Oesterreich- Ungarn auszuweisen? Generalversammlung der Filiale der Israelitische» Allianz in Krakau. Unter zahlreicher Beteiligung von Vertretern aller Parteien und religiösen Richtungen der Judenheit fand heute zum erstenmale seit mehreren Jahren wieder eine Generalversammlung der hiesigen Filiale der Wiener Israelitischen Allianz statt, die für ein erfreuliches Erwachen des Interesses für diesen Verein auch in Galizien Zeugnis ablegte. Unter den Anwesenden waren Herr Universitäts-Professor Dr. Jos. R o s e n b l a t t, Obmann der Filiale, der Präsident der israelitischen Kultusgemeinde Dr. Sam. T i l l e s, der Vizepräsident Dr. Rafael Landau, der k. k. Landesschulrat Universitäts-Professor Dr. Sternbach und aus Wien der Sekretär der Israelitischen Allianz Herr Doktor Armand K a m i n k a. Herr Prof. Dr. R o s e n b l ä t t begrüßte die zahlreich erschienenen Mitglieder und den Delegierten der Zentrale, indem er hervorhob, daß die Allianz ein hervorragendes Werk der Einigung der Juden auf humanitärem Gebiete vollbringe, das von jedem Glaubensgenossen mit Begeisterung gefördert werden müsse. Es sei mit Freuden zu konstatieren, daß der Verein jetzt neben dem weitverzweigten Hilfswerke für die verfolgten Glaubensgenossen auch das Schul- und Erziehungswerk in Galizien wieder in den Vordergrund stelle. Herr Dr. Kaminka erstattete hierauf ein Referat über die Wirksamkeit der Allianz während der letzten Jahre. Es sei der erste statutarische Zweck der Allianz „die Volkserziehung bei den Israeliten durch Errichtung oder Unterstützung von Schulen zu fördern." Die fast ununterbrochene Reihe von Judenverfolgungen während des verflossenen Dezenniums habe jedoch dazu gedrängt, daß der Verein seine Kräfte vorwiegend in den Dienst des zweiten statutarischen Zweckes, den als Juden Bedrängten brüderliche Hilfe zu bieten, stellen mußte. Als er, Dr. Kaminka, zuletzt in Krakau vor einigen Jahren geweilt, hätten, wie allgemein erinnerlich, gerade hier Tausende von Emigranten der Weiterbeförderung nach überseeischen Ländern geharrt, die die Allianz unter Ueberwindung unsäglicher Schwierigkeiten dank der Hochherzigkeit unserer Glaubensgenossen in Oesterreich und der Mitwirkung der befreundeten Organisationen in Europa und Amerika durchzuführen in der Lage war. Redner gab eine Üebersicht der Hilfsaktionen der Allianz in Rußland und in Rumänien, die während der verflossenen Jahre insgesamt nahezu zwei Millionen Kronen erfordert hätten. Gegenwärtig sei zwar die Lage, besonders in Rußland, eine noch ebenso triste, wie sie zur Zeit des Ministers Plehwe war, in mancher Beziehung sogar noch schlimmer, da die Majorität der Duma für eine fernere Einschränkung der Rechte der Juden sei. In wirtschaftlicher Beziehung wenigstens sei aber eine Besserung eingetreten und da die Massenemigration aufgehört habe, könne der erziehlichen Aufgabe in jüngster Zeit erhöhte Aufmerksamkeit gewidmet werden. Das berühmte Wort des Nehemias von dem Schwert in der einen, der Kelle in der andern Hand, sei zwar schon oft gebraucht worden, aber immer noch ein besonders treffender Ausdruck für die Doppelwirksamkeit unserer Allianz. Auf die neubegründeten Schulen in Galizien übergehend, schilderte der Referent die großen Schwierigkeiten, mit denen man bei der Aktivierung derselben zu kämpfen habe. Es sei dabei auch der Mißstand hervorgehoben, daß die Filialen der Allianz in Galizien selbst so wenig tätig waren. Das werde nun hoffentlich von jetzt ab anders werden, da die Krakauer Ortsgruppe ein so nachahmenswertes Beispiel der Propaganda gegeben hat. Redner habe erst gestern Gelegenheit gehabt, in einer kleinen galizischeu Provinzstadt wieder einen Einblick in den unvergleichlichen Idealismus zu tun, der die breiten Kreise gerade der orthodoxen Juden erfüllt. In Chrzanow, wo er den von der Allianz gegründeten Kindergarten zu besichtigen hatte, war er um 4 Uhr früh

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