Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 45 (5.11.1909)
- Date
- 1909-11-05
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 774 Dr. BloGr Wochenschrfft. Nr. 45 eiugetroffen uud da es kein Hotel im Orte gebe, habe ihn ein jüdischer Fuhrmann in das — Beth-Hamidrasch gebracht. Dort waren schon zu dieser frühen Stunde nahezu dreißig Personen, Greise und Jünglinge, versammelt, die Talmud uud andere heilige Schriften studierten. In einem Lande, wo so viel Liebe zum Judentum verbreitet ist, müssen auch die Hilfswerke der Allianz, die zum Ruhme und zur Ehre unserer Religionsgemeinschaft geschaffen sind, warme Förderung finden. In der hierauf folgenden Diskussion erklärte Herr Kultuspräsideut Dr. Tilles, die Allianz sei die berufene Zustitution, welche die von anderer Seite infolge der Divergenz der religiösen Richtungen ohne Erfolg versuchte Organisation der gesamten österreichischen Judenheit aussichtsvoll durchführen könnte, da auf ihrem Boden sich alle Parteien die Hand reichen können. Herr Dr. Kamiuka möge nur häufiger Krakau und die auderen galizischen Filialen besuchen, um den Kontakt mit der Zentrale aufrechtzuerhalten. Herr Dr. Rafael Landau beantragt, daß die Emigranten- Uuterstützung gegenwärtig, da keine Massenauswanderung mehr bestehe, ganz aufgelassen werde und der Verein sich umsomehr seinen kulturellen Aufgaben widme. Herr Professor Dr. Sternbach erklärt, daß er mit Freuden der Allianz als Mitglied beigetreten sei und für deren erziehliche Unternehmungen in Galizien im Landesschulrat aufs Wärmste eintreten werde. Es wurde hierauf beschlossen, um eine weitere rege Propaganda zu entfalten, ein 12 gliedriges Komitee zu wählen. Zum Obmann wurde Herr Professor Dr. Rosenblatt, zum Kassier Herr N. Wasserberg, zum Schriftführer Herr Heinrich Kaufmann gewählt. Ueber Antrag des Herrn Dr. Ad. Tilles wurde dem Herrn Dr. Kamiuka der Dank der Versammlung für seinen instruktiven Bortrag ausgesprochen, worauf dieser in einem Schlußworte dem Obmann der Filiale und dem Kultuspräsidium namens der Zentrale für die ersprießliche Mitwirkung dankte, Ein jüdisches Museum in Krakau. Der Vorstand der Krakauer jüdischen Gemeinde beschloß in seiner letzten Sitzung, in dem neuen Gemeindehause, das jetzt im Baue begriffen ist, ein jüdisches Museum einzurichten. Dieser Beschluß ist um so dankenswerter, als sich in Krakau so viele Schätze jüdischen Altertums in den verschiedenen Synagogen, Bethäusern und Klausen, sowie in ^ivatbesitz zerstreut befinden, daß es höchste Zeit war, diese historischen Schätze durch Sammlung und Konservierung an einem Orte vor Verlust oder Vermoderung zu retten. Abgesehen von der großen Zahl der auch als antike Kunstgegeustäude überaus wertvollen Synagogeneinrichtungen sind Ritualien, wie sie vielleicht nirgends in der Welt zu finden sind, und noch viele Originalpatente und Privilegien aus der Zeit der erste» polnischen Könige, Manuskripte alter jüdischer Gelehrter vorhanden, so die fünf Bücher Moses nach der Handschrift des Josef Caro rc. Societa Umanitaria. Bor einiger Zeit erschien der neunte Jahresbericht einer Mailänder Gesellschaft, die den Namen „Societa Umanitaria" führt und über ein Jahreseinkommen von nahezu 500.000 Lire verfügt. Die „Societa Umanitaria" ist eine hervorragende soziale Einrichtung, die seit ihrem Bestände zahllose Existenzen vor materiellem und moralischem Ruin gerettet hat. Ihre Entstehung und ihr ganzes Vermögen dankt die „Societa Umanitaria", wie wir in einer italienischen Zeitschrift lesen, einem spaniolischen Juden aus Mantua. Prospero Moise Loria, der Begründer der Gesellschaft, wurde im Jahre 1814 in Mantua von jüdischen Eltern geboren. Er widmete sich mit seinem Bruder dem Handel, dem einzigen Berufe, der damals auch in Italien offen stand. Im Atter von dreißig Jahren ging er nach Triest, durchquerte Egypten, deffen damaliger Vizekönig Mehmed Ali, in der Bestrebung, den Wohlstand des Landes zu heben, die Einwanderung aus europäischen Ländern durch verschiedene Erleichterungen ermunterte. Loria benützte die Konjunktur und seine bedeutenden Kenntnisse in der Holzbranche und es gelang ihm auch bald, die Schwellenlieferungen für die damals ausgeführten Eisenbahnbauten zu monopolisieren. Mit fünfzig Jahren kehrte Loria mit einem Vermögen von 10 Millionen Lire nach Europa zurück. Er ließ sich in Mailand nieder, wo er ein im Verhältnisse zu seinem großen Vermögen sehr einfaches Leben führte und sich ausschließlich dem Studium sozialer Fragen widmete. Hauptsächlich beschäftigte ihn das Problem, auf welche Weise die besonders in Italien zahlreichen Bettler, Wegelagerer und andere entgleisten Elemente der menschlichen Gesellschaft wieder einem geregelten Leben zugeführt werden könnten. Es war ihm klar, daß dies nicht mit teuren, zwecklosen Gefängnissen erzielt werden könne. Er betrachtete alle diese Menschen als schwache Soldaten, die im Kampfe ums Leben verwundet wurden und für deren Rettung eine Art Roten Kreuzes geschaffen werden müßte. Diesem Jdeengang entsprang nun in Loria der Gedanke an die Gründung der „Societa Umanitaria". Zunächst schuf er aus eigenen Mitteln eine „Casa di Lavoro", ein Arbeitshaus, in welchem Mailänder Arbeiter über die Zeit der Arbeitslosigkeit Arbeit gegen entsprechenden Lohn finden konnten. Anschließend daran wurde ein „Ufficio di Jndicazioni", ein Jnformationsbureau für Hilfsbedürftige und Arbeitsuchende errichtet. Nachdem seine verschiedenen Versuche, die Mailänder Kommune zur Erhaltung dieser Anstalten zu veranlassen, trotz seiner Zuschüsse mißlungen waren, entschloß er sich im Jahre 1892, ein Testament aufzusetzen, durch welches er sein ganzes Vermögen einer zu gründenden „Societa Umanitaria" vermachte. Drei Monate später, am 18. Oktober 1892 starb Prospero Moise Loria und am A5. Jänner 1893 fand bereits die Konstituierung^der „Societa Umanitaria" statt. Infolge politischer Umstände und so mancher Prozesse, durch welche das Testament Lorias angefochten worden war, kam die Gesellschaft erst im Jahre 1900 in die Lage, ihre Arbeiten ungestört' auft zunehmen. Bezeichnend für den Geist, der den hochherzigen Stifter beseelte, sind zwei Bedingungen des Testaments: 1. Jedermann kann durch einen Jahresbeitrag von einem Lire Mitglied der Societa werden und an den Wahlen der VerwaltungSräte teilnehmen. 2. Daß jeder Arme, ohne Rückficht auf seine Abstammung, das Recht hat, soweit die Mitteln reichen, von der Societa zu verlangen, daß ihm durch bezahlte Arbeit zur Rettung vor dem Untergang verholfen werde. Almosen sind in jeder Form ausgeschlossen. Loria hinterließ ein Vermögen von 10 Millionen Lire, das bis zur Aktivierung der „Societa Umanitaria" auf 13 Millionen angewachsen war. Das Einvernehmen zwischen der russischen und jüdischen Bevölkerung außerhalb des Ansiedlungsrayons. Vor einiger hat der russische Ministerpräsident Stolypin die Gouverneure im Zirkularwege aufgefordert, ihre Meinung über die Möglichkeit einer Erweiterung des jüdischen Ansiedlungsrayons auf Grund authentischer Daten bekanntzugeben. Nun haben die rechten Parteien der Duma wegen dieses Zirkulars eine scharfe Interpellation angemeldet, deren Behandlung voraussichtlich zur Aufrollung der Judenfrage in der Duma führen wird. Dies veranlaßt den jüdischen Deputierten Nisselowitsch, sich an die Juden, die jetzt außerhalb der Tscherta wohnen, mit dem dringenden Ersuchen zu wenden, ihm wahrheitsgemäß mitzuteilen, ob es wahr sei, daß die Beziehungen zwischen der jüdischen und nichtjüdischen Bevölkerung in diesen Gegenden so feindliche und abnormale seien, wie dies in der erwähnten Interpellation der Rechten behauptet wird. Abgeordneter Nisselowitsch hat bereits aus mehr als 150 Städten ausführliche Antworten erhallen. In den meisten Zuschriften wird festgestellt, daß die Beziehungen zwischen den Juden und den Nichtjuden die besten seien. In einigen Ortschaften haben sich die Verhältnisse dank