Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-11-05 · 45 (5.11.1909) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
45 (5.11.1909)
Date
1909-11-05
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/3020846-3021818-3021864--18761-3043707
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 770 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 45 des Primum mobile (im Talmud „Rukio"), der 2tstündigen Bewegung des ganzen Himmels. Die rasche Bewegung, vielleicht auch die Nahe der Feuerregionen oder die Wirkung der Sonne, laßt diese Massen in Brand geraten, und sie werden dann der Erde als Kometen sichtbar." (Arietoteles de coelo IL 3.) Ferner heißt es im Talmud: „Rabi Aschi sagt: zwei Kometen sind es, einer kommt von der Gegend des Sternbildes Kesil, der zweite erscheint wieder auf der anderen Seite. Es scheint so, als ob ein und derselbe Komet durch Kesin hindurchgezogen ist." Kesil (Hiob 38, 31) ist nach dem Talmud Orion. Zu der Zeit Samuels, im Jahre 4009 der jüdischen Zeitrechnung, gleich 248 d. Lbl. Ztr., im neunten Jahre der Regierung Tsching-Ki, sah man im August einen Kometen, im Sternbild des Raben. Wahrscheinlich stand der Komet im Kesil nahe der Sonne, oder wie man damals annahm, bei der Erde, und nach dem Durchgang durch das Perihel erschien er wieder an der anderen Seite des Kesil. Daher rührt vielleicht die Annahme, daß der Komet unmöglich den Kesil durchziehen kann und die Befürchtung eines Zusammenstoßes mit der Erde. Letzteres ist immerhin möglich. Samuel berichtet zwar, daß nach der Ueberlieferung die Erde niemals durch einen Kometen untergehen wird. Auch im Talmud (Horioth 10) wird vom Halley'schen Kometen gesprochen, deffen Umlaufszeit dort auf 70 Jahre berechnet wird, wobei zu berücksichtigen ist, daß im Talmud oft nur runde Zahlen angegeben werden. v_ Die Juden Athens. In einem der rechtsseitigen Ausstrahlungen der Hermesstraße, die sich vom königlichen Palast bis in die Nähe des Theseus-Tempels in gerader Linie hinzieht, haben sich die Juden Athens angesiedelt. Eine Baumgruppe bezeichnet die Stelle, wo eine Seitenstraße zu dem von ihnen bewohnten Häuserkomplex hinleitet. Es sind unansehnliche, regellos zusammenstehende Bauten. Die Männer gehen den Tag über ihren Geschäften nach. Sie sind zumeist kleine Händler, die mft Stoffen und Bändern die Straßen durchziehen und sich mühsam ihr Brot verdienen. Wer schon etwas erübrigt hat, schreitet wohl auch neben einem Maultier drein, auf dessen Rücken allerlei aus Kasten und Schachteln hervorblickende Herrlichkeiten - schwanken. Aus diesem Grunde liegen auch manche Häuser im Hintergrund von Höfen mit Vorhallen,, welche durch breite, zweiflügelige Tore geschloffen werden. So können die hoch beladenen Tiere ohne Schwierigkeiten in den Hof gelangen. Und wenn sich dabei die Tore öffnen, gewinnt man einen Blick auf schmale, hölzerne Treppen, auf deren ausgetretenen Stufen die Hühner emporhuschen. Andere haben dem unstäten Hausiererleben eine beschaulichere Wirksamkeit vorgezogen und verkaufen in dunkelfeuchten Laden alte Kleider und ähnliche Gegenstände. Am lebhaftesten geht es in jenen Gäßchen des Abends zu. Da sitzen die Familien auf der Haustreppe; die Kinder spielen fröhlich lärmend; der Vater überrechnet den Gewinn des Tages und die Mütter sehen nach den Kochtöpfen, die über winzigen, mit Holzkohle gefüllten Oefen ftm Freien brodeln. Die meisten alten Frauen sind den Kostümen treu geblieben, die sie in ihrer Jugend trugen, dem kurzen, die Knöchel freilassenden Kleide, deffen Ränder mit Fransen besetzt sind und das in zwei voneinander geschiedene Teile, den Vorder- und Hinterrock, zerfällt, sowie dem dunklen, schweren Mautel. Das Haar tragen sie zusammengeknotet unter einem grünen Tuche. Aber unter den Juden wohnen auch friedlich zahlreiche christliche Familien, und gerade in dieser Gegend trifft man mehrere griechische Kirchen und Kapellen. Auch die Juden Athens haben ihr Gotteshaus. Aber es war Schreiber dieses schwer, es zu finden. Ein Haus, das sich von den übrigen nur durch eine über dem Tore befindliche Laterne unterscheidet, ist die Synagoge; ein großer Saal mit grünen Vorhängen an den Fenstern, einem Betpult in der Mite,Betstühlen sowie hölzernen Bänken an den Wänden und einem von der Decke herabschwebenden, krystallenen Kronleuchter. Bei meinem Eintritt spielten sehr vergnügt und geräuschvoll ein paar kleine Jungen in d»m Raum. Ein älterer wies sie zur Ruhe. Ein enger, durch ein breites Holzgüter vom Hauptsaal abgeschiedener Raum war für die Frauen reserviert. Dort traf ich auch den Rabbiner der Gemeinde an. Ein rötlicher, teilweise ergrauter Vollbart umrahmte sein sympathisches, von lebhaften, großen Augen beleuchte!es Gesicht, aus dem Intelligenz und Güte sprachen. Vor ihm saßen auf einer hölzernen Bank etwa zehn kleinere Knaben, denn der Betraum für die Frauen diente zugleich als Schulzimmer, und blickten mit großen, neugierigen Augen auf den Fremdling. An diesem Tage, einem Freitage, wo die Größeren immer zuhause nach dem Rechten sehen müssen, fand kein Unterricht statt und die Kinder waren nur hreher geschickt worden, um beaufsichtigt zu werden, da sie zuhause im Wege waren. Der ' Rabbiner wurde von dem in Korfu amtierenden Oberrabbiner aus Smyrna hieher gesandt. Er hat keinerlei Einnahmen, als die ihm von der Regierung als Lehrer der israelitischen Gemeindekinder gezahlten monatlichen 100 Drachmen. Obgleich seine Gemeinde nur etwa 300 Seelen zählt, von denen 50 aus Smyrna und 10 aus Deutschland eingewandert sind, ist er durch den dreimal täglich stattfindenden Gottesdienst, den Unterricht und das ihm obliegende Schächten der Schafe und Rinder vollauf beschäftigt. Die Gemeinde ist sehr jungen Ursprungs. Zu Anfang des Jahrhunderts gab es nur zwei bis drei israelitische Familien in Athen. Erst im Laufe der letzten Jahrzehnte entstand die jetzige Gemeinde mit eigener Synagoge, worin der Gottesdienst in hebräischer Sprache hergebrachterweise abgehalten wird, während das Spanische die Umgangssprache ist. Die jüdischen Märtyrer non Korneuburg (1302). (Nachdruck nur mit Quellenangabe gestattet.) In der Geschichte der landesfurstlichen Stadt Korneuburg in Niederösterreich findet fich folgende Erzählung. *) Die Veranlassung zu der Erbauung der sogenannten Gottesleichnamkapelle war die Verunehrung einer geweihten Hostie durch zwei Juden, in dem dem Juden Zaerklin gehörigen Hause beim Stockerauer Tor. Der genannte Zaerklin und der Schulmeister der Juden hatten nach der Ueberlieferung im Jahre 1302 von einem ^einfältigen, geringen christen" eine geweihte Hostie eingehandelt Sie trieben mit derselben allerlei Unbilden und warfen fie endlich in den Brunnen, der sich im Hause des Zaerklin befand, nahmen sie aber wieder heraus und wollten sich ihrer entledigen. Zu diesem Zwecke wurde ein „einfältiger christlicher knecht" gedungen, der aber von dem Handel nichts wissen wollte, als er erfuhr, daß er eine Hostie, die die Juden in ein „Tüchlein" einmachten, in die Donau werfen sollte. Da die bisher sehr freundlichen Juden „unwillig" wurden, entfernte er fich schleunig aus dem Hause, hinter ihm her Zaerklin und der Schulmeister, das Tuch mit der Hostie in der Hand haltend und rufend, er habe ihnen dieselbe in das Haus geworfen. Auf den Lärm eilten so manche herbei, aber niemand machte sich an die Verfolgung des Knechtes; der Schulmeister zeigte den Versammelten die Hostie, aus der frisches Blut floß, so daß das „Tüchlein" rot gefärbt wurde. Niemand wollte die Hostie nehmen, und so mußten sie die Juden behalten. Im Zorne darüber warf Zaerklin, zu Hause angelangt, das Tuch mit der Hostie zu Boden, trat mit den Füßen darauf und ließ sie liegen. Da wurde am Morgen des 17. September 1305 der Sohn eines Bäckers in Korneuburg durch eine übernatürliche Macht veranlaßt, sich in das Haus des Juden Zaerklin zu begeben, und da fand er eine von Blut triefende, nur mehr zum dritten Teile erhaltene Hostie. Unvermerkt befand sie sich plötzlich zwischen seinem Daumen und Zeigefinger; er legte fie, sich für unwürdig schätzend, den Leib Christi in seinen Händen zu halten, auf einen in der Nähe befindlichen „steinernen Staffel oder Türschweller". Mittlerweile waren zwei Frauen vorübergekommen und nun wurde die Geschichte von dem Funde einer blutschwitzenden Hostie allenthalben in und außer der Stadt bekannt, so daß eine Menge Volkes herbeieilte. Man erinnerte sich der vor kurzem stattgehabten Verfolgung eines „Knechtes" durch die Juden, und alsbald war die Menge gegen die Juden erbittert und rief um „billiche Rache". Sowohl des Schulmeisters wie Zaerklins wurde man habhaft; ersterer wurde zu einem Scheiterhaufen geschleppt, Zaerklin von mittlerweile herbeigeeilten Ratspersonen der zurückgebliebenen Menge, die ihn übel traktierte, entzogen und in einem Hause interniert; doch als das von der Verbrennung zurückgekommene Volk erfuhr, Zaerklin sei noch am Leben, wurde das Haus, in welchem er sich befand, erbrochen und er „unverzüglich umgebracht". Die Vorgänge in Korneuburg wurden bald bekannt, und der Londesfürst, sowie der Ordinarius ordneten eine gerichtliche Untersuchung an; an der Spitze der hiefür eingesetzten Kommission stand der herzogliche Notar Magister Ambros von Heiligenkreuz, der über die gepflogene Untersuchung Aufzeichnungen hinterließ. Das Haus des Juden Zaerklin wurde zu einer Kapelle umgestaltet, in welcher die gefundene Hostie mit dem „Tüchlein" und die Türschwelle, auf welche sie der Bäckerjunge gelegt hatte, aufbewahrt wurden; die Kapelle erhielt den Namen Gottesleichnams-Kapelle oder auch „Blut Christi-Kirche" (ecclesia qne vocatur sanguis Christi). * 2) 0 Geschichte der landesfürstlichen Stadt Korneuburg. Dr. A. Starzer. Seite 563 bis 564. 2) Sie führen den Titel Tractatus de hostia mirifica und befinden sich in der Bibliothek des Stiftes Klosterneuburg. (Zeibig in Fontes, Bd. 18 S. 174.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.