Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 45 (5.11.1909)
- Date
- 1909-11-05
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Sette 768 Dr. Vlochs Wochenschrift. Nr. 45 Rembrandt kann hier als Schnlbeispiel gelten. Er malt mit Vorliebe Judentum und ist Jude doch nur der Sage nach. Julius Stinde, dem Zechten Berliner", hat man Wiegenlieder an der Alster gesungen. Liebermann, als Jude in Berlin geboren, brauchte darum in seiner Kunst keines von Beiden zu verraten. Vielleicht empfindet der Mensch in ihm ähnlich, wie einst die Rahel, wenn fie einmal aus Paris schreibt: „Eine Art Contenance gilt's einem, aus Berlin zu sein und Jude." Was erzählt uns aber Liebermans Werk davon? Folgt es einer jüdischen Tradition? Gibt es überhaupt etwas wie eine jüdische Kunst? Man spricht in jüngster Zeit von einem Zionidenstil. Diesem Empfinden steht Liebermann fern. Was an ihm jüdisch genannt werde» kann, ist der Grundzug, den er mit Spinoza gemein hat: Die rein und streng monotheistische Konzentriertheit der Naturauffaffung. Der Natur, dem Allumfassenden, gehört sein ungeteiltes Herz. „Nicht das sogenannte Malerische ist's was ich suche," so schreibt er einmal, „sondern die Natur in ihrer Einfachheit und Größe aufzufassen — das Einfachste und Schwerste". Um ihre geheimsten Reize ringt er in heißem Werben. „Ich lasse Dich nicht, Du segnest mich denn," zitiert er in Erinnerung an Jakobs Ringkampf mit dem Engel bei einer Eröffnung der Berliner Sezeffion. Kein Verfahren, an der Dinge Kern zu dringen, läßt er unversucht, vielseitig zum Erstaunen. Ein ausgezeichneter Lithograph, ein Meister der Radierung, neben Felicien Rops der Bedeutendste im Vernis mou, zeigt er hierin vielleicht ein Erbe altjüdischer technischer Gewandtheit, doch höchstens in dem Sinne eines Widerfindens, wie jener Opal, der seinem Besitzer Nonius die Feindschaft des Marc Anton zugezogen hatte, durch viele. Jahrhunderte als verloren gatt, bis er eines Tages in die glückliche Hand eines armen Burschen in Alexandrien fiel. Von unmittelbarem Anschluß kann nicht die Rede sein. Liebermann bedeutet eine Eigenart. Nicht nur als Künstler, auch als Kulturwert. Vom Jahrmarkt des Lebens. Der rote Schein. Bekanntlich wird dem nach Palästina eingewanderten Juden bei seiner Ankunft der Paß abgenommen und ihm dafür der „rote Schein" gegeben, der ihn den Aufenthalt auf sechs Monate gestattet. Unter dem neuen Regime waren alle Aussichten, den roten Schein nebst anderen Ueberbleibseln des autokratischen Regiments verschwinden zu sehen. Der Chachambaschi bemühte sich sett langer Zeit darum. Nun hatte er vor kurzem mit dem neuen Minister des Innern Taalat Bey eine Unterredung, deren wesentlicher Inhalt hier wiedergegeben sei: Minister: „Der rote Zettel, Eminenz, ist nach eingehenden Informationen, die wir von Subhi Bej, dem Gouverneur von Jerusalem, eingeholt haben, mehrfach Gegenstand von Besprechungen im Ministerrat gewesen. Ich kann Ihnen heute die erfteuliche Mitteilung machen, daß die Abschaffung des Papiers beschlossene Sache ist und allerdemnächst verfügt werden wird. Wir werden dafür die ankommenden Israeliten in eine Liste einttagen laffen, in der über ihren Aufenthalt im Lande Register geführt wird." Großrabbiner: „Exzellenz! Als ich meinen Takrir über den roten Zettel der Regierung einreichte, lag mir nicht daran, gegen die rote Farbe zu intervenieren; es macht mir nicht viel aus, ob er rot oder grün oder auch weiß ist. Mit der Einführung der Aufenthaüsliste ist ja der rote Zettel, den Sie abschaffen wolle«, in anderer Form vollkommen wiederhergestellt!" Minister: „Das ist alles, was ich bisher habe erlangen können. Wir werden gut tun, die beiden Seiten der Angelegenheit gettennt zur Erledigung zu bringen. Sei es für diesmal die formale; die andere werde ich alsdann Wetter verfolgen und hoffe, auch da zu günstigen Resultaten zu gelangen." Großrabbiner: „Aber damit bleibt ja gerade das Wesentlichste unberücksichtigt." Minister: „Ich kann Ihnen nicht verhehlen, daß gegen die vollkommene Beseitigung der Maßregel, die aus politischer Notwendigkeit heraus seinerzeit erlassen wurde, gewichtige Bedenken existieren. Wenn wir Ihrem Ersuchen stattgeben, so werden wahrscheinlich größere Massen von Juden in Palästina einwandern. Diese könnten zu einer Anhäufung, zur Bildung einer festen Gemeinschaft und in der Folge zu nationalpolitischen Forderungen wie Autonomie oder dergleichen führen, die dem Staate Verlegenheiten bereiten und vielleicht gar in separatistische Aktionen ausarten könnten." — Großrabbiner: „Niemals ist den ottomanischen Juden auch nur entfernt ein solcher Gedanke gekommen; sie haben allzeit die besten Proben ihrer Treue an das Reich gegeben; wenn Sie in meine Loyatät keinen Zweifel setzen, so darf ich Ihnen unter meiner Garantie versichern, daß die ottomanischen Juden niemals separatistische Tendenzen verfolgen werden." Minister: „Für die ottomanischen Juden besteht ja der rote Zettel nicht und keinerlei Art von Einwanderungsbeschränkung. Die gelten ja nur für die ausländischen." — Großrabbiner: „Es wird ja als selbstverständlich vorausgesetzt, daß die Einwandernden sofort die ottomanische Untertanenschaft annehmen und somit unter meine Verantwortlichkeit kommen." Minister: „Ich muß aber darauf aufmerksam machen, daß die sofortige Annahme des ottomanischen Staatsbürgertums nicht möglich ist, sondern eine fünfjährige Aufenthaltsfrist zur Voraussetzung hat." — Großrabbiner: „Und doch sind die muselmännischen Immigranten, die aus Bulgarien, aus Bosnien und aus Rußland einwandern, von dieser Wartefrist befreit und werden sofort in den türkischen Staatsverband ausgenommen." Minister: „Für diese ist eine Ausnahme gemacht, weil sie die spezielle Erlaubnis ihrer Regierungen zur Auswanderung besitzen und wir eine diplomatische Konvention für ihre sofortige Entlassung aus ihrem früheren Staatsverband haben. Können die Juden die gleiche Regierungserlaubnis beibringen, so ist auch für sie eine diplomatische Abmachung und ihre sofortige Zulassung nicht ausgeschloffen. Einstweilen wird der rote Zettel aufgehoben werden. Hoffentlich gelingt es auch bald, die Registrierung ganz abzuschaffen. Ich bitte Sie, Eminenz, auch Ihrerseits die weiteren Schritte zu unternehmen; senden Sie morgen den Kapu-Kehaja, um weitere Instruktionen zu empfangen." EDamit schloß die denkwürdige Unterhaltung. Jrrdenftaat und Charter. Von Dr. K. Lippe in Jaffy. In einer in der „Welt" erschienenen Notiz, betitelt „Der rote Zettel", wird eine Unterredung zwischen dem Chachambaschi von Konstantinopel mit dem türkischen Minister der Innern Taalat Bey erwähnt, worin sich letzterer unter Anderem dahin geäußert hat, daß, wenn der rote Zettel (über beschränkten Aufenthalt der zureisenden Juden in Palästina) aufgehoben würde, „wahrscheinlich größere Massen von Juden in Palästina einwandern werden. Die könnten zu einer Anhäufung (Agglomeration), zur Bildung einer festen Gemeinschaft und in der Folge zu nationalpolitischen Forderungen, wie Autonomie und dergleichen führen, die dem Staate Verlegenheiten bereiten und vielleicht gar zu separatistischen Aktionen ausarten könnten." Diese Besorgnisse der türkischen Diplomaten find uns hier (und in Paris) seit jeher bekannt, sie basieren nicht auf der Kolonisation als solcher, sondern auf dem falschen Titel „Staat". Die Idee 9es Judenstaates in Palästina ist nicht originell Herzlisch. Schon bald nach der Uebernahme der rumänischen Kolonien seitens Rothschilds erlaubten sich einige naseweise Scribler m Rumänien in öffentlichen „jüdischen" Journalen von einem Judenstaate zu faseln. Ich erhielt darauf ein Schreiben von Herrn E. Scheid aus Paris, worin er mir anzeigte, daß der türkische Gesandte in Bukarest Journale mit den betreffenden Artikeln sammle und nach Konstantinopel einsende, und mich beauftrage, dagegen zu