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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-10-29 · 44 (29.10.1909) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
44 (29.10.1909)
Date
1909-10-29
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 762 Dr. Blochs Wochenschrift. Jlr. 44 Mendel gibt keine Antwort und streckt sich wieder bequem auf der Bank aus. „Daun wird die Welt untergeben?", fragt Isaak gleichsam sich selbst. Mendel schnarcht. Um elf Uhr langen sie in Warschau an. Der verschlafene Isaak kann kaum die Augen öffnen; das Licht der Laternen blendet ihn. Indessen sieht er, daß rund umher hohe Häuser sind und daß der Platz voll von Droschken ist. Erst als er in einer derselben sitzt, fällt ihm ein, daß er zu seinem Vater fährt und das Herz krampst sich ihm zusammen vor Unruhe und schmerzlicher Erwartung. Sie fahren durch viele lange Straßen und jedesmal, wenn der Kutscher wieder in eine Straße einbiegt, hat Isaak ein Gefühl der Erleichterung, daß er noch nicht an Ort und Stelle ist, daß es noch ein wenig dauern wird. Er schließt die Augen und tut, als ob er schliefe. Sie steigen aus und stehen vor dem Tor. Mendel zieht an der'Glocke. Es regnet; die schweren Tropfen fallen Isaak ins Gesicht, der Wind bläst ihm unter den neuen Ueberzieher,, Feuchtigkeit durchdringt seinen Anzug. Endlich hört mau Schritte, das Klappern von Schlüsseln, das Tor wird geöffnet. Isaak hält den Atem zurück. „Schon!" denkt er. Der Mann mit der Messingtafel an der Mütze schmettert das Tor zu, daß es nur so kracht. Sie steigen die Treppe hinauf. Isaak schleppt die Füße kaum; er weiß nicht, was mit ihm vorgeht; er fühlt nur, daß Mendels große schwere Hand die seinige umspannt und das quält chn. Vor der Tür einer Wohnung bleibt Mendel stehen und klopft eiuigemale. „Wer da?" fragt mau von innen. Isaak erkennt die Stimme.seines Vaters und, atmet ein wenig erleichtert auf. Mendel hingegen läuft rasch die Treppe hinunter, nachdem er dem Knaben zuvor leise aber eindringlich zugeflüstert: „Hier hast du zu bleiben." (Schluß folgt.) Dr. A. Kaminka. Hebräische Gedichte, annst (Wien 1909.) Eine hebräische Dichtung, durch Gediegenheit des Inhalts wie durch' vollendete sprachliche Schönheit sich auszeichnend, bekundet eine noch höhere Begabung als jede andere, obwohl vollkommen gleichwertige, jedoch in der eigenen Muttersprache des Dichters abgefaßte poetische Schöpfung. Denn bei der hebräischen Dichtung kommt ja ein noch ganz besonders hochwichtiges Moment in Betracht, nämlich die erschöpfend gründliche Kenntnis dieser alten kläffischen Sprache und ebenso die reiche Belesenheit in der großartigen Literatur dieser Sprache. Und überdies gesellt sich noch ein weiterer nicht unwichtiger Umstand hinzu. Unsere hebräische Sprache ist seit mächtig langer Zeit keine lebende Sprache mehr, bei der der Wortreichtum, die »eoxia verkomm«, immerfort in zunehmendem Wachstum begriffen ist und dadurch für den Denker und Dichter für jeden geistigen Begriff immer neue treffende Bezeichnungen entstehen. Für dieses mächtige Anwachsen des Sprachschatzes bei den lebenden Sprachen haben wir ein frappantes Beispiel an der hochentwickelten Sprache der Araber. Diese nämlich besitzt zwei alte klaffische Wörterbücher, von denen das ältere aus dem Jahre 1007 datiert und etwa 40.000 arabische Wörter hatte, während das zweite Wörterbuch, aus dem Jahre 1404, bereits 60.000 Wörter enthält. Dagegen jedoch ist der Wortreichtum unserer hebräischen Sprache, selbst wenn man die späteren Formen einbezieht, nahezu unverändert derselbe geblieben, der er beim Abschlüsse unseres biblischen Kanon gewesen war. Jedoch gerade hierin liegt ein hochehrendes Moment für das schöpferische Genie unserer großen hebräischen Dichter, welche unsere hebräische Sprache wiederum förmlich zur lebenden Sprache zu erheben wußten und in allen den verschiedenen Dichtungen mit allen den größten Meistern der poetischen Kunst sich messen konnten. Wir kommen nun zu der von Dr. A. Kaminka verfaßten Sammlung „hebräischer Gedichte" und da freut es uns wahrhaft, daß ein sehr namhafter nichtjüdischer Gelehrter. Prof. Dr. Aug. Wünsche in Dresden, diese hebräischen Dichtungen in der „Neuen Freien Presse" vollauf würdigte und den trefflichsten dichterischen Schöpfungen anreihte. Und in der Tat zeichnen sich die in dieser Sammlung enthaltenen 30 verschiedenen hebräischen Dichtungen durch das Zusammenwirken folgender drei Momente sehr vorteilhaft Ms: Schönheit der Sprache, Gediegenheit des Inhalts und, was bei keiner Dichtung zu unterschätzen ist, Trefflichkeit des Reimes. Zeigt uns doch auch schon die Bibel auf ihren ersten Blättern eine kleine Dichtung mit einem Doppelreim (1 B. M. 4, 23, vergl. auch Psalm 34, 4 u. 5.) Allein hiemit scheidet der Reim aus dem jüdischen Schrifttum für immer. Wederbei den Psalmisten noch bei den Propheten ist er wieder anzutreffen. Wir gestatten uns hiezu folgendes anzumerken: Im Koran gibt sich eine frappante Erscheinung kund. In der ersten Hälfte des Korans zieht sich der Reim durch sämtliche Suren, in der zweiten Hälfte ist er nicht mehr zu finden. Nach Ansicht eines berühmten Orientalisten verhält es sich damit folgendermaßen: Solange Mohammeds Ehrgeiz sich damit begnügte, als großer Dichter in seinem Volke aufzutreten, bediente er sich der Kunstweise des Reimes. Nachdem aber sein Ehrgeiz höher gestiegen war und er seine Reden als Offenbarung Allahs erscheinen lassen wollte, verzichtete er auf diesen äußeren Schmuck. Für unseren hebräischen Reim jedoch begann eine ganz neue Aera mit dem Auftreten unserer großen synagogalen Poesie, namentlich des unvergleichliche.: Salomon ibn Gabirol. In seinen genialen Dichtungen hörte der Reim auf, eine bloße Zusammenfügnng gleichlautender Worte zu sein, denn er wurde zumeist in Bibelverse gekleidet, welche anstatt ihrer ursprünglichen Bedeutung in überraschender Weise einen neuen Sinn erhielten. Den gründlichen Bibelkennern wurde die Lektüre derartiger Verse zu einem besonderen Genuß. In ähnlicher ' Weise hat Herr Dr. Kaminka an vielen Stellen seiner hebräischen Dichtungen den Reim in geistvoller Weise an Bibeltexte angelehnt, wodurch sich sein Werk ebenso wie durch den Inhalt dieser trefflichen lyrischen Gesänge den besten Werken der klassischen Periode würdig an die Seite stellt. Rabbiner Dr. S ch m i e d l. Ein Lied der Freifrau v. Rothschild an Selnta Kurz. Freifrau Wilhelm von Rothschild in Frankfurt am Main, die Komponistin des von Adelina Patti oftmals gesungenen Liedes: „Si vous n’avez rien ä me dire“, welches in unzähligen Auflagen erschienen ist, hat ein neues Lied komponiert, welches sich „Die Nachtigall" betitelt. Das Lied ist der Wiener Hofopernsängerin Selma Kurz gewidmet und ist zu gleicher Zeit in Wien, Paris, London, erschienen. Philipsou D. The Reform Movement in Judaism. New-Jork 1907. Macmillan u. Co. 581 S. v. 2, 10. Eine umfassende Geschichte der Reformbewegung im Judentums in den letzten hundert Jahren. Ein Buch, das uns in den verschiedenen Richtungen, in denen sich die Reformversuche bewegten, zugleich den getreuen Spiegel der Zeiten entgegenhält. Wir sehen Hamburg, Berlin, Frankfurt, London, Paris und nach ihrem Vorbild unzählbare kleinere Gemeinden der Reform im Kultus mehr oder minder weit die Tore öffnen, selbst für die äußerste Linke in einem besonderen Gotteshause einen ihr entsprechenden Gottesdienst einräumen. Die heikle Frage des Sonntagsgottesdienstes wird sogar in der Berliner Hauptgemeinde öffentlich erörtert. Orgelspiel und deutsche Gebete erscheinen in vielen Gemeinden als integrierender Bestandteil des Ritus. Was an dem Mißerfolg vieler dieser Reformen die Schuld trägt, ist, wie uns scheint, die Vernachlässigung des Gefühlsmomentes auf Kosten äußerlicher Rücksichten, die Beiseitesetzung jüdisch-ästhetischer und -kultureller Gesichtspunkte aus Mangel an Geschmack und an Verständnis für das jüdische Eigenleben. Bei der Auswahl anszumerzender Gebete ist durchaus nicht allein die Rücksicht auf die historische Entwicklung unseres Rituales maßgebend, vielmehr die Bedeutung, die Herkommen, Beliebtheit der Melodie, Volkstümlichkeit der Rezitation und ähnliche Faktoren einem Gebetstücke beimeffen. Auch die Reinheit und Schönheit der Sprache, sowie die erbauliche Wirksamkeit des Inhaltes sind in Rechnung zu setzen. Daß an die Stelle des alten malerischen Tallith der nichtssagende Gebetshawl getreten ist, am Jom-Kippur die so außerordentlich charakteristischen Kittel und Kappen dem banalen Smoking und Zylinder haben weichen müssen, daß man die Umzüge mit dem Lulab perhorresziert usw. zeugt weder von Takt und Geschmack noch von ernstem Streben, das Judentum, das außerhalb des Gotteshauses hart um sein Dasein kämpft, wenigstens in diesem lebendig zu erhalten. Die Einführung des dreijährigen Cytlus in der Thoravorlesung übersieht, daß die Sabbate mit ihren althergebrachten, der Sidra entlehnten Namen eng verwachsen und durch sie zu einem in der Volksseele lebendigen und je nach den Jahres- und dazwischen einfallenden Festeszeiten ganz spezifisch gefärbten Kalender von Gefühlsnuancen geworden sind, so daß mit jener Neuerung ein Stück Seele und Volkstum aus den Herzen geriffen wird. Wäre nicht bei aller nur irgend zulässigen Kürzung, um dem Mangel an Kenntnis des Hebräischen zu begegnen, die Wiedereinführung der öffentlichen Uebertragung des vorgelesenen Thoraabschnittes in die Landessprache nach Art des alten Metnrgeman (Dolmetsch) zweckmäßiger gewesen? Und was ersetzt am Lol Nidre die Stimmung, die mit dem „Bischowo schel maalo" sofort das ganze volle Haus weihevoll ergriff und durch den Ton allein schon jedem Herzen tiefer als jede Predigt die Hoheit des heiligen TageS zum Bewußtsein brachte? Freilich, daß es Worte aus dem Munde

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