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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-10-29 · 44 (29.10.1909) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
44 (29.10.1909)
Date
1909-10-29
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 44 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 761 Feuilleton» Zwischen Unter und Mutter. H. D. N o m b e r g. — Uebersetzt von Malwine B l u m b e r g. III. Aus der Küche hört man das laute Knarren einer Tür und unmittelbar darauf die Stimme von Mendel, dem Kaufmann: „Nu, wo ist *er? . . . Rasch! ..." „Hier!" antwortet Isaak und springt von seinem Sitz empor. - Doch niemand hört ihn. Mendel hat Eile, die Mutter spricht leise zu ihm, er nickt ungeduldig mit dem Kopfe, wobei sein schwarzer Bart unablässig auf- und niederwallt. „Gerade wie beim Vater," denkt Isaak, „nur daß in des Vaters Bart mehr graue Haare sind." Die Mutter übergibt Mendel ein kleines Bündel Wäsche, dem Knaben jedoch steckt sie zwei Stück Kuchen in die Tasche und bückt sich über ihn, um ihn zu küssen. Ein Schauder überläuft des Kindes Körper; es wird ihm so sonderbar um's Herz und er drückt beide Hände fest an seine Brust, als müßte er sich schützen und wehren. Mit zornig funkelndem Blick sieht die Mutter ihn an. „Nun, fahr' mit Gott! . . ." Plötzlich ergreift Isaak ein dem früheren ganz entgegengesetztes Gefühl; rasch eilt er auf die Mutter zu und ihre Hand erfassend, drückt er, indem er dabei die Augen schließt, einen langen, innigen Kuß auf dieselbe. „Leb' wohl Mütterchen!" In der Tür stehend, hätte er sich gern umgewendet, um noch einen Blick auf die Mutter zu werfen, doch fürchtet er sich. Als er auf der Straße den Fuhrmann sieht, seufzt er tief auf. Sie waren noch nicht mal recht eingestiegen und schon trieb der Kutscher die Pferde an und die Häuser begannen den Blicken zu entschwinden. Isaak hat auf dem Vordersitz, neben Mendel, dem Kaufmann, Platz genommen. Wie er den Kopf noch einmal umwendet, sieht er den Schuldiener Chaim in das Haus seiner Mutter treten und jetzt versteht er alles. Nach einigen Augenblicken haben die Reisenden die Straße hinter sich gelassen und rollen jetzt die Chaussee entlang. Zu beiden Seiten erstrecken sich weite Stoppelfelder und der Gottesacker scheint immer näher zu kommen. Isaak sucht mit dem Blick die Stelle, wo sein kleiner Bruder Chaim liegt; der kleine Bruder, der in ein Leichentuch gehüllt und mit Erde zugeschüttet wurde. Anstatt eines Grabes jedoch steigen ganze Reihen Grabdenkmäler vor seinen Augen auf und stille Trauer füllt des Kindes Herz. Isaak schließt die Augen und in seinem Hirn taucht langsam ein trübes Bild auf. Auf dem weiten, ebenen Feld liegen Menschen reihenweise nebeneinander; regungslos liegen sie auf der Erde, die Arme dicht an dem Körper haltend, gleich in Reih und Glied stehenden Soldaten. Er, Isaak, ist Offizier; er ruft: „Hinauf!" und sofort strecken sich alle Arme empor und überall sieht man nichts als Hände. Da plötzlich kommt ein altes Weib mit einer Sense; sie mäht alle Hände ab und bindet sie zu Garben. Isaak schlägt die Augen auf. Er sieht seine Hände und betrachtet sie mit Vergnügen. Der Gottesacker liegt schon weit hinter ihnen . . . . jetzt sieht man nur die gerade, flache Chaussee und die zu beiden Seiten derselben wachsenden Bäume. Den Himmel entlang ziehen kleine Wolken und auf der Chaussee erscheint jedey Augenblick ein Schatten, der viel rascher läuft als der Wagen, obgleich der Fuhrmann die Pferde zur Eile antreibt. Alle hasten, alle fürchten den Zug zu versäumen. Der Zug verläßt die Station um fünf Uhr. Für Isaak hat Mendel nur ein halbes Billet gekauft. Er bedeutet den Knaben, sich so klein als möglich zu machen und dem Zugführer auf die Frage nach seinem Alter zu antworten, er zähle acht Jahre. Der Knabe sitzt im Wagen und fürchtet sich schrecklich. Es beginnt zu dämmern . . Unter den halbgeschloffenen Lidern hervorblickend, sieht Isaak wie der Rauch in die Höhe steigt und — als hätte er weder Vater noch Mutter, — in alle Richtungen hin- und hergetrieben wird. Auch das Bündel mit seiner Wäsche und Mendels Reisetasche unterscheidet er. Der Zug ächzt und saust und Isaak vernimmt nur einzelne Worte der Gespräche um ihn herum. Ein Jude zeigt mit dem Finger auf ihn und frägt, was das für ein Knabe ist? Isaak drückt sich fester an die Wand, um die Antwort nicht zu hören. Dann seufzt jemand; über schwere Zeiten wird geklagt, man spricht von Bankerotts . . . Die Bedeutung des Wortes kennt Isaak nicht, doch vermutet er, daß es etwas sehr Schlimmes fern muß, etwas, das nur in schweren Zeiten vorkommt. Wieder hört man seufzen und einer der Mitreisenden sagt, daß wohl der Messias bald kommen werde, denn es ist so schlecht auf der Welt, ein so schleckliches Elend! Isaak wird es sehr, sehr traurig zu Mute. Er stellt sich vor, daß die schweren Zeiten lange, lange dauern, daß alle Läden leer stehen, dag die Knaben keine Anzüge bekommen, die Mädchen barfuß umherlaufen werden' und jedes Kind wird rufen: „Ich bin so hungrig" und die Väter, und Mütter werden klagen, seufzen und Gottes Erbarmen anflehen. Isaak schlägt die Augen auf und blickt um sich. Die Reisenden sehen alle so gedrückt aus, daß der Knabe Mitleid mit ihnen empfindet. Sogar Mendel, der Kaufmann, tut ihm leid, und er verzeiht ihm, daß er nur eine halbe Karte für ihn gelöst hat. Der Zug bleibt stehen. Einige Passagiere steigen ein, andere steigen aus, tragen Pakete, schleppen Bündel. „Wie gehts Dir, Henoch, wie gehts Dir frägt einer aus der Menge einen Freund, den er erblickt. „Gott sei dank", erwidert der Angeredete. „Nun und wie gehts im Geschäft? Hast Du wenigstens Dein Auskommen?" „Ja, nicht schlecht, Gott sei's gedankt." Mit einem wohlwollenden Ausdruck ruhen Isaaks blaue Augen auf dem Unbekannten. Wenn der Knabe sich nicht geschämt hätte, er würde ihm gesagt haben: „Herr, Ihr seid ein guter Mensch, daß Ihr Euer Auskommen habt; Gott sei es gedankt". Aber er schämt sich und — schweigt. Der Zug saust weiter. Isaak tritt ans Fenster und blickt in die Nacht hinaus. Es wird immer dunkler; langsam verwischen sich die Umrisse der Bäume und Felder, und die Telegraphendrähte kann man nicht mehr unterscheiden. Nur die Telegraphenstangen springen eine nach der anderen hervor, sie zeigen sich und verschwinden sofort. Am Himmel ziehen noch hie und da rownrote Wölkchen dahin und in der Ferne blitzt von Zeit zu Zeit ein zitternder Funke auf. Je dunkler es wird, desto zahlreicher werden die zitternden Flämmcheu. Schon sind die Telegraphenstangen kaum mehr sichtbar. Himmel und Erde bilden eine schwarze Masse und der Zug fährt in eine dunkle Wölbung hinein. Rund umher wird es finster und in dieser Finsternis bewegt sich etwas, rennt — man weiß nicht wohin? Isaak wendete sich weg vom Fenster und sagt in leisem Flüsterton: „Reb Mendel!" Aber Reb Mendel schlummert. „Reb Mendel!", wiederholt das Kind und zieht ihn am Aermel. „Was?!" „Was wird sein, wenn die Eisenbahn stürzt?"

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