Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 44 (29.10.1909)
- Date
- 1909-10-29
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 44 Dr. Bwchs Wvch«ischrift. V 4 Sette 751 H Der Name Ferrer in der Geschichte der spanischen Inden. Das furchtbare Drama von Barcelona, das jetzt die ganze gebildete Welt, vom Äoethebunde bis zum kleinsten Arbeitervereine, in Bewegung setzt und zeigt, wie weit es Spanien, das Land Cervantes, Lope de Vegas und Caldenons, ohne Juden gebracht hat, erinnert uns an die unheilvolle Rolle, die ein Ferrer, Fra Vicente, in der jüdischen Geschichte gespielt hat. Es war im Anfänge des 15. Jahrhunderts, als sich die große Tragödie der Judenvertreibung aus Spanien vorbereitete, da trat in Verbindung mit dem getauften Juden I o s u a Halorki, als Christ Hieronymus de Santa Fö genannt, und Pedro de Luna, dem Papste Benedikt XIII., Vicente Ferrer als wütendster Judenfeind auf. Die Kirche hat den düsteren Predigermönch heilig gesprochen. Ein bedeutender Redner, ausgestattet mit einem wohlklingenden Organe, erhob er seine Stimme gegen Juden und Ketzer, gegen die er einen förmlichen Kreuzzug eröffnete. Und er hätte doch gegen die Kirche predigen können, die damals, wie es das päpstliche Schisma bewies, so krank „an Haupt und Gliedern war". Dieser Dominikanermönch, der sich täglich mit Stricken geißelte, zog an der Spitze von Gläubigen durch die Städte Spaniens und erhielt vom Könige von Kastilien die Erlaubnis, .in den jüdischen Synagogen zu predigen. Er zwang die Juden, seine Predigten anzuhören. Mit dem Kreuze in der einen, der Thora in der anderen Hand, forderte er sie auf, fürchterlich donnernd, sich um das Kreuz zu sammeln. Ihm ist es zuzuschreiben, daß die Zeit von 1412—1415 zu den traurigsten Kapiteln der Geschichte der spanischen Juden zählt. Freilich haben bei seinen Bekehrungsversuchen zwei getaufte Juden, der schon genannte Josua Halorki und der frühere Rabbiner Salomo Halewi aus Burgos, als Christ Paulus de Santa Maria genannt, weidlich mitgeholfen. Bald nach dem Erscheinen Ferrers am königlichen Hofe von Kastilien 1412, wurden im Namen des königlichen Kindes Juan II. — „wehe dem Lande, dessen König ein Kitld ist" — 24 Artikel gegen die Juden herausgegeben, bestimmt, sie zur niedrigsten Stufe herabzudrücken und sie dem Christentum in die Arme zu führen. Die in Salamanca getauften Juden nannten sich nach Vicente Ferrer die „Vicentiner". Als der kastilianische Jnfant Don Fernando durch ihn, 1414, Arragonien erhielt und ihn zu seinem Beichtvater machte, erließ er den Befehl an die Juden Arragoniens, die Predigten Ferrers anzuhören. Der betrieb sein Handwerk der Judenbekehrung in Saragossa, Valencia, Tortosa und anderen Städten so gründlich, daß angeblich damals an die 20.000 Juden in den Schoß der Kirche übergingen. Eine stattliche Zahl in der Tat! Nicht am wenigsten ist seiner „Tätigkeit" auf dem Gebiete der Judenbekehrung der Veranstaltung der Religionsdisputation von Tortosa zuzuschreiben, welche von 1412bis 1413 dauerte und über die wir in dem Werke Vergas „Schebet I e h u d a", Nachrichten erhalten haben. 22 der angesehensten Juden Arragoniens kämpften hier gegen Hieronymus de Santa Fü. Unter diesen befand sich auch Don Vidal Benveniste Jbn Lavi aus Saragossa, ein Mann von alter Abstammung, berühmt als Arzt und neuhebräischer Dichter, der merkwürdigerweise auch den Namen Ferrer führt. Die Disputation führte dazu, daß Benedikt XIII. die strengsten Maßregeln gegen die Juden erließ, ihnen unter anderem verbot, den Talmud zu studieren. Aber auch ihn traf sein Geschick. Vom Konstanzer Konzil abgesetzt, verlor er auch in Spanien jeden Einfluß. Un.d Ferrer, dessen Fanatismus vom Konzile verdammt wurde, stieg auch bald ins Grab. 500 Jahre sind seitdem verflossen. Wieder hat Spanien seine Affäre Ferrer. Diese ist allerdings von anderer Art. als die des Namensvetters aus dem 15. Jahrhundert . . . Aber noch immer breitet sich die tiefste Finsternis über das unglückliche Land ... Dr. Max G r ü n f e l d. Lombroso als Jude. Das Leichenbegängnis Cesare L o m b r o s o's hat wohl unter außerordentlicher Beteiligung der politischen und wissenschaftlichen Welt, jedoch ohne jede religiöse Zeremonie, ohne Intervention eines Rabbiners oder Kantors stattgefunden. So hat es der Verstorbene bei Lebzeiten verfügt. Seine vollständig religionslose Lebensweise stand mit dem, was er im Elternhause gesehen, in krassem Widerspruche. Er stammt bekanntlich aus einer frommen Veroneser jüdischen Familie. Sein Vater Aaron führte mit seiner Gattin L e f o r a L e v i aus Chieri ein streng jüdisches Haus. L o m b r o s o ging in seiner Auffassung gegen jede religiöse Betätigung so weit, daß er sich selbst von einer direkten Brüskierung der Religionsfunktionäre nicht abhalten ließ. „Piccolo" erzählt u. a., daß, als Lombroso vor einigen Jahren einen seiner Söhne durch den Tod verlor, der Oberrabbiner von Turin Professor Bol affin in religiöser Mission ins Haus Lombrosos kam. Lombroso verweigerte damals aus bloßer Demonstration, daß seine Ueberzeugungen denjenigen des Rabbiners widersprechen, jede Vornahme einer religiösen Zeremonie. Dem Rabbiner blieb angesichts einer solchen ausdrücklichen Weigerung nichts anderes übrig, als sich zurückzuziehen. Lombroso, der überhaupt sehr impulsiver Natur war, wollte nun diese Taktlosigkeit irgendwie gut machen, denn er übersandte dem Rabbiner noch am selben Tage eine größere Summe, um sie an besonders würdige jüdische Arme zu verteilen. Lombroso war an jüdischen Feiertagen niemals in der Synagoge. Nur zweimal ließ es sich Lombroso nicht nehmen, in der Synagoge in der Via Pio VI. zu erscheinen. Das eine Mal anläßlich der Trauerandacht für die Opfer der Judenmassakres in Kischenew und ein zweites Mal bei der fünfzigjährigen Gedächtnisfeier der Emanzipation der Juden in Italien. Da der Tod Lombrosos dem Oberrabbiner nicht offiziell mitgeteilt wurde, hielt es dieser für opportun, sich von dem Begräbnisse vollständig fernzuhalten. Ein christliches Urteil über Cohen s „Ethik". In einem lesenswerten Aufsatz „Mein Weg zur Religion" (Nr. 9 der Monatsschrift „Die deutsche Schule") äußert sich der Berfaffer Dr. Görland-Hamburg über Hermann Cohen folgendermaßen: „Es muß sich für uns handeln um den Nachweis, daß in aller religiösen Entwicklung ein kontinuierlicher Gang der Humanisierung, der Ethifierung der Religion sich vollzogen hat.. Für diesen Nachweis hat Hermann Cohen in seiner großen „Ethik", in seinen Aufsätzen über „Ethik und Religionsphilosophie in ihrem Zusammenhänge" und über „Religion und Sittlichkett" eminente Arbeit geleistet. Seine Arbeit ist eine im Dienste geschichtlicher Gerechtigkeit unüberschätzbare Apologie des Judentums und eine Tat, durch die das Judentum in seiner unverlorenen Lebendigkeit für die Entwicklung des religiösen Problems fichergestellt ist. Cohens religionsphilosophische Untersuchungen weisen nach, daß die Idee der Menschhett nicht nur das latent treibende Motiv in der Idee des Monotheismus gewesen, sondern tatsächlich der offene, sachliche Gehalt der Gottesidee, so daß Cohen zu sagen vermag, daß die Religion des Judentums die Sittlichkett des Judentums ist. Ein bedeutsamer Nachweis ferner ist, daß der jüdische Messianismus, ftei von aller Eschatologie und abseits des christlichen Erlösungsgedankens des Individuums, die Zukunft, Hoffnung und Erlösung der Menschhett bezeichnet. In diesen grundwesentlichen Motiven einer Befreiung der Religion vom Mythos zur Sittlichkett vermag das Christentum des Korrektivs durch das Judentum nicht zu entbehren. Das stolze Pathos des Denkens, das aus Cohens gigantischem Gedankenzuge spricht, weiß er der Tugend der Treue entsprungen, der Treue gegen ein ererbtes Kulturgut, das in seinen ttefsten Tiefen zu verstehen und aus solcher Einsicht der Menschhett zu vermttteln von den Vätern auferlegte Pflicht ist." Anteil der Jude» an der arabischen Literatur. Unter dieser Ueberschrift lesen wir in Nr. 42 der „Oesterr. Wochenschrift" eine einer Pariser Zeitschrift entnommene kurze Notiz, in der auch des Dichters Samuel den Adir Erwähnung geschieht. Hiezu möge folgende Bemerkung Platz finden. Im Jahrhundert vor Muhammed blühten in Arabien mehrere jüdische Dichter und Dichterinnen, die auf dem Gebiete der in der arabischen Poesie damals < ';.-v ■1