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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-10-29 · 44 (29.10.1909) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
44 (29.10.1909)
Date
1909-10-29
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 760 Dr. Blochs Wochrnschrfft. Nr. 44 die Gegenaktion des Freisinns. Man hat einfach die Muckerei der katholischen Hofkreise und der protestantischen Pastoren satt, bis zum Ekel satt und man öffnet in einem unvermuteten Augenblick mit Gewalt der Freiheit eine Gasse in das fromme, bisher so antisemitische, feudale, klerikale Sachsen! Erstaunliches brachte auch der Besuch des Zaren beim italienischen König in Racconiggi. Bei der Hoftafel saß dort der Bürgermeister von Rom, saß Herr Nathan am Tisch der Majestäten zwischen ordenstrahlenven Staatsmännern und Würdenträgern. Man braucht ihn nicht, wie etwa in einem nördlichen Staate ein Jude zur Schaffung der Handelsflotte gebraucht und ausgezeichnet wird. Lediglich eine Repräsentationsfrage wurde erledigt, als man den Bürgermeister der italienischen Hauptstadt zur Hoftafel zitierte. Aber die Etikette ist heikel und die Minister des Auswärtigen nehmen es selbst in die Hand, wenn Majestäten zusammenkommen. Wie groß war nun das Aufsehen, als ein Jude in den geheiligten Kreis treten durfte, ein Jude, der noch dazu Freimaurer und ein Führer der Radikalen ist. Die antisemitische Presse schrie aus vor Wut. Ihr Lärm diente nur der besseren Verkündigung einer Tatsache, über welche viele aus der durch Schimpfen irregeleiteten Masse stutzig werden, Nachdenken müssen. Ein Jude beim Hofcercle! Das wird den antisemitischen Agitatoren vermehrte Anstrengung kosten, wenn die Lämmchen richtig springen sollen. Jetzt gar Spanien, wo die Tyrannei der Klerikalen einen Sturm des Protestes hervvrrief. der das Fundament ihrer Herrschaft nmstieß. Dieses Land, dessen ganze judenlose Existenz die Vernichtung der antisemitischen Logik ist, weil ja dort ohne alle Juden der kleine Mann ein bis zur Verzweiflung ausgebeuteter Paria ist, wurde durch das Opfer von Ferrers Blut dem fteien Gedanken und dem Fortschritt zurückerobert. Der Kampf, der dort gegen die geistige Dunkelheit geführt wurde, hat sein Klirren in ganz Europa hören lassen. Man hat gesehen, wie weit die Herrschaft der Unduldsamkeit und des klerikalen Geistes zur Rückständigkeit und zur Unterdrückung zurückführt, und man wird sie nirgends haben wollen. Sogar Lueger und Vergaui zitterten ein bischen, fühlten aus der Zeitstimmung die Abneigung gegen den Klerikalismus heraus und warfen sich in Schrift und Wort, in Artikeln und Rathausbeeidiguugen auf die nationale Note, während man nichts mehr vom politischen Christentum hört, dessen Endeffekt die Hörigkeit der Bevölkerung vor ihren Ausbeutern ist. Die Zeit der Phrasen ist eben vorbei, man will die Erlösung haben vom Steuerdruck und von der Armut und da ertappt man eben den klerikalen Antisemitismus auf seinen großen Lügen. Leise Lichter scheinen irgendwo zu schimmern. Ob sie Flammen werden? Aber keine Hoffnung darf uns hindern, untätig im Glauben zu verharren und an die straffe Arbeit für uns selbst zu vergessen. Vom Aabrmarkt des Lebens. Ein Appell an die Handelskammern Galiziens. Die im heurigen Sommer vom galizischen Landesausschuß hinausposaunte Einberufung einer Enquete zur Beratung über die Mittel und Wege, dem ungeheuren Notstände der Judenschaft dieses Landes abzuhelfen, scheint, wenn nicht überhaupt, so doch mindestens für das Jahr 1909 gescheitert. Die Herren des galizischen Landtages und des Laudesausschuffes glauben, es genügt hinlänglich, wenn man nur den Willen zu bekunden vörgibt, für die Juden etwas zu tun. Für diesen Willen allein sollen und müssen die Juden dankbar sein. Im Gegensätze zu der zionistischen Parteipresse, die von vorherein die Enquete nur vom Parteistaudpunkte betrachtete und rundweg ablehute, müssen wir erklären, daß eine Enquete, einberufen von den legitimer, Vertretern des Landes, eine für die Juden Galiziens durchaus wertvolle Tat wäre. Die Vorschläge, die diese Enquete nach der Anhörung aller Experten gemacht hätte,, würden sowohl von den Landesals auch von den Zentralbehörden Unterstützung erhalten. Auch manch österreichischer oder sogar ausländischer Großindustrielle, der geschäftliche Beziehungen zu Galizien hat, möchte dann solche Bestrebungen fördern. So wie schon heute viele österreichische Industrielle infolge der politischen Verhältnisse in Ungarn und ihrer Aversion gegen alles, was österreichisch ist, durch Errichtung von Fabriken in Ungarn Vorsorge treffen, damit ihnen der dortige Markt nicht verloren gehe, könnte man die österreichischen Fabrikanten zum Teile dafür gewinnen, daß sie, nachdem sie auf die galizische Kundschaft reflektieren, auch im Lande. Galizien Fabriken anlegen sollen. Schon jetzt, ohne jeden äußeren Druck und Intervention beabsichtigt die bekannte Feigenkaffeefabrik Heinrich Franks Söhne, eine Fabrik in Galizien zu errichten. Die Firma, die Galizien zu? einem ihrer Hauptabsatzgebiete zählen darf, sieht es ein, daß sie moralisch verpflichtet ist, für ein Land, aus dem sie Nutzen zieht, auch etwas zu leisten. So mancher Fabrikant würde diesem Beispiele folgen, wenn er wüßte, daß die Behörden des Landes und die Bevölkerung desselben darauf Gewicht legen. Dieses Bewußtsein könnte eben nur durch eine öffentliche Enquete, vom Lande selbst veranstaltet, den Herren beigebracht werden. Die vorläufige Nichteinberufung dieser Enquete muß daher als. eine Frivolität seitens der gegenwärtigen Machthaber im galizischen Landtag betrachtet werden und verdient die schärfste Verurteilung. Alle Einwohner Galiziens, nicht nur die Juden allein, sollten gegen diese Herren öffentlich Protest einlegen, denn weder das allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht für den Landtag, noch sonstige politische Errungenschaften können den Brothunger dieses Landes so stillen, wie eine vernünftige Sozialpolitik es vermöchte. Die drei in Galizien existierenden Handels- und Gewerbekammern, die ja als erste berufen sind, die sozialen Aufgaben des Landes zu lösen, könnten sich hohe Verdienste erwerben, wenn sie die angekündigte Enquete auf eigene Faust abhalten würden. Der amtliche Charakter, den die Kammern ja ohnehin haben, und der Umstand, daß sie die legalen Vertreter von Handel und Industrie sind, berechtigen sie, in wirtschaftlichen Fragen des Landes als Erste das Wort zu ergreifen. Im Interesse der Reputation des Landes dürfen gerade sie es nicht mitansehen, wie sich ein jeder Unberufene im Laude selbst und außerhalb desselben in die Pose eines Landesretters stellen möchte. Man darf es absolut nicht zugeben, daß im Auslande und selbst in Westösterreich die Meinung vorherrschen soll, daß Galizien ein Land ist, dem nur durch Almosen abgeholfen werden kann. In diesem Sinne ist das Urteil, das ein Mitglied des jüdischen Klubs, ein Abgeordneter aus Galizien, vor Kurzem in einem jüdischen Blatt gefällt hat, zu verwerfen. Der betreffende Abgeordnete scheint sehr viel von der Geldkraft des Auslandes zu halten und dazu hat er Grund genug. Repräsentanten des Handels, Industrie und Gewerbe in den galizischen Kammern! Ihr, die berufenen Vertreter dieses Landes auf sozialpolitischem Gebiete, zeigt, daß Ihr Euch Eurer Pflicht und Aufgabe vollkommen bewußt seid und Euch von Niemandem, selbst von denen, deren Intentionen noch so edel sind, bevormunden lasset. Nehmet selbst das Schicksal Eures Landes in die Hände und sucht, ohne irgend welche politische Tendenzen dabei zu verfolgen, Euer Land vom wirtschaftlichen Druck zu befreien! Die Sympathien Eurer Schwesterkammern im Westen des Reiches, sowie die der maßgebenden Persönlichkeiten werdet Ihr gewiß haben. Auch die Regierung wird gezwungen sein, Euer Bemühen durch praktische Taten zu würdigen. I. Grobtuch.-

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