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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-10-22 · 43 (22.10.1909) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
43 (22.10.1909)
Date
1909-10-22
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 746 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 43 aber erinnert er sich, daß die Mutter letzthin mehrmals vor dem Onkel Jeruchem geklagt hat, es ginge ihr nicht gut. der neue Laden gegenüoer habe ihr alle Kundschaft entzogen. Und mir einem tiefen Seufzer hatte der Onkel Jeruchem geantwortet: „Es sind jetzt schwere Zeiten. Möge Gott sich unser erbarmen." Und da fällt dem Kinde ein, daß die Mutter wahr-, scheinlich heiratet, um ihre Lage zu verbessern. Zwar versteht Isaak nicht, wieso eine Lage durch eine Heirat besser werden kann. Wenn dem aber nicht so wäre, würde die Mutter nicht heiraten. Wozu denn auch? Wieder kommt die Mutter aus der Küche. Sie trägt in beiden Händen eine Schüssel Fische, und Isaak hat eine Art Mitgefühl mit der armen Mutter, welcher der neue Laden solchen Schaden zugefügt hat, die so schwere Zeiten durchmacht und darum heiraten mutz. Isaak hat Mitleid mit der Mutter und seine Augen füllen sich mit Tränen. Die Mutter setzt sich und ruft ihn zu sich heran: „Isaak!" Wie alles, was ihn umgibt, ist auch die Stimme der Mutter heute anders als sonst. Sie klingt fremd. Isaak tut, als höre er das Rufen nicht und fängt Fliegen auf den Scheiben. „Isaak!" ruft die Mutter wieder. Der Knabe rührt sich nicht vom Fleck. „Was soll das heißen?" fragt die Mutter vorwurfsvoll. Isaak nähert sich ihr, bleibt stehen und weitz nicht, was er mit seinen Händen beginnen, wo er sie hintun soll. „Weitzt du, wohin du fährst?" fragt ihn die Mutter. Isaak antwortet nicht. „Nu, ich frag' dich doch! Warum gibst du mir keine Antwort? Weitzt du, wohin du fährst?" Isaak senkt den Blick noch tiefer und schweigt- - Die Mutter wird böse: „Ich frag' dich doch, du ungezogener Junge? — Hat jemand so etwas gesehen? Warum antwortest du nicht?" Isaak bricht in Tränen aus und die Mutter verläßt das Zimmer, nachdem sie ihm zuvor ein leises, aber heftiges: „Warte nur!" zugerufen. Allein geblieben, weiß Isaak nicht, was mit seiner Zeit zu beginnen. Fliegen sind, — wie zum Possen, — nicht mehr vorhanden, in die Küche zu gehen traut er sich nicht; das Schlafzimmer ist zugeschlossen, und dann hat ihm die Mutter den Eintritt verwehrt. . . Pon allen Seiten fühlt sich Isaak von Feinden umringt und mit Ungeduld erwartet er den Augenblick, da Mendel, der Kaufmann, kommen soll. Plötzlich öffnet er den Schrank, nimmt seinen neuen lleberzieher heraus, zieht ihn an und stellt sich vor den Spiegel. Er betrachtet seine ganze Gestalt, schneidet Gesichter und zuletzt klopft er mit dem Finger in den Spiegel und Wiederholt mehrmals: „Ein wildes Geschöpf! Weitz er denn, was mit ihm vorgeht? Ich hab's dir gleich gesagt; siehst du's nä. . . ä. . ." In di^em Augenblick geht das Dienstmädchen durchs Zimmer. Isaak hätte sie gern gebeten, daß sie ihm etwas vorsingt, denn das Mädchen kann sehr viele, hübsche Lieder, aber sie hat große Eile. Da sie jedoch auf dem blankgeputzten Spiegel Spuren von Isaaks Fingern bemerkt, verfetzt sie dem Knaben einige derbe Rippenstöße. „Zu allen Teufeln!" ruft sie, „wann werden wir dich endlich loswerden!" „Du, Mädel, du", antwortet Isaak piütend, „sie glaubt, datz ich nicht weiß, daß sie. . ." Er weiß aber nicht, welch' geheime, strafbare Handlung er dem Mädchen vorwerfen könnte, und sieht sie daher nur mit zornig funkelnden Augen an. Das Mädchen versetzt ihm wieder einen Stotz. Da kann Isaak nicht länger an sich halten; er stürzt auf seine Feindin zu, ergreift ihre Hand und beißt fest hinein; fest und lange. Das Mädchen schreit laut, im Hause entsteht ein Tumult, die Mutter stürzt herein und hinter ihr, im Türrahmen erscheint die Alte, mit einer zur Hälfte abgeschabten Mohrrübe in der Hand. . . Leise, aber mit großem Zorn sagt die Mutter: „Herr der Welt! Möchten doch solche Kinder nie geboren werden!" Und dieses „Herr der Welt!" fällt gleich einer Zentnerlast auf des Kindes Herz. Still, und ohne ein Wort zu seiner Entschuldigung zu sagen, setzt sich der-gedrückte Isaak an den Tisch. (Fortsetzung folgt.) Literatur. Lebenserinnerungen eines polnischen Juden. 1. Teil. Kann ein Pole Antisemit sein? Salomon I. Horowitz. Lemberg. Verlag des Verfassers. 1909. Kann ein Pole Antisemit sein? Die Antwort gibt sich von selbst, wenn wir in das Leben der polnischen Juden Einsicht nehmen. Tausend und abertausend Mal hat sich dem Verfasser dieser Erinnerungen auf seinem langen Lebenswege diese Frage bejaht. Was er nun in diesem Büchlein mitteilt, sind kleine Ereignisse, jedes für sich unscheinbar, aber als Ganzes genommen und als der Typus eines Lebens, das viele Andere mit ihm teilen, eine geschloffene, furchtbare Anklage gegen unserer Zeiten Schande — gegen den Antisemitismus. Der Eine kämpft mit Theorien, der Andere mit Demagogik, das vorliegende Büchlein kämpft mit nackten Tatsachen, typischen, sich ewig wiederholenden Vorfällen, die für sich setbst sprechen. Es sind keine Pogroms, die das Leben der galizischen Juden zerstören, die Zeit der blutigen Judenverfolgungen ist hier vorüber, aber wie ein steter Wassertropfen höhlt eine konstante Verachtung und kleinliche Verfolgung die Menschenwürde und die Lebenskraft der galizischen Juden aus. Wer da glaubt, historisch intereffante Memoieren zu finden, wird allerdings enttäuscht sein. Wer aber in den schlichten, naiv gezeichneten Erlebnissen eines alten Mannes die Stimme der Menschlichkeit zu hören vermag, die sich gegen Intoleranz, Haß, Feindseligkeit und Not erhebt, für den wird dieses Büchlein seinen Zweck erfüllt haben. Wir Juden haben bekanntlich zu den gewöhnlichen Enttäuschungen, die das Leben Jedem bringt, noch die zu tragen, die unsere „unheilbar große Brüderkrankheit, wie sie Heine nennt, verschuldet. Und im Leben jedes fühlenden Juden spielen sich Szenenreiheu dieser großen Tragödie ab. Und wer noch dazu mit kosmopolitischen Gefühlen in dieses Chaos von Kampf, Roheit und Herabsetzung tritt, wird dreifach getäuscht sein. Der Verfasser dieser Lebenserinnerungen stammt noch aus jener Zeit, wo ein hoffnungsvoller Nachklang der „Egalite, Liberte und Fraterinte" die Welt erfüllte. Deshalb sind diese Erinnerungen ganz Resignation, sind voll von jener Resignation, aus der für uns Jüngere eine neue tzeilslehre erblühte. Rleßler P. Wo lag das Paradies? Hamm (Wests.) 1908. Beer und Thiemann. M. 0.50. Nach einer kritischen Uebersicht über die bisherige wissenschaftliche Behandlung der von altersher so oft erörterten Frage bringt diese neueste Lösung eine Fülle beweiskräftiger Belege dafür herbei, daß das „Eden" der Bibel „in der Gegend an der großen Euphrat-Krümmung in der Nähe der heutigen Ortschaften Balis und Mes Kerl, nahe der Stätte des alten Eraziga oder Uru azzaga, „der Heiligen Stadt", zu suchen sei. Miketta K. Die Amarnazeit. Münster (Wests.), 1908, Aschendorff. M. 0.60. In der Reihe der „Biblischen Zeitfragen", deren 10. Heft diese gründliche und aufschlußreiche Studie darstellt, und die sämtlich, soweit sie das Alte Testament behandeln, als höchst beachtenswerte Zeugen für die Zuverlässigkeit der biblischen Angaben gelten dürfen, schließt sich diese Schrift ihren Vorgängern würdig an. Mit anschaulicher Klarheit wird hier die Bedeutung der Amarnatafeln für die Geschichte der hebräischen Sprache, des Landes Kanaan und des Volkes Israel dargelegt. Zum Schluffe wird eines der Phantasieprodukte einer gewissen dogmatischen Btbelkritik zurückgewiesen und der Bibel zu ihrem Rechte verholfen. Das Heft ist wärmstens zu empfehlen. Schmidt Konrad. „Die Semiten als Träger der ältesten Kultur Europas." Gleiwitz 1908. Neumanns Stadtbuchdruckerei. 190 S. Der Verfasser versucht sich an der Lösung der besonders seit Movers oft behandelten Frage nach der Herkunft der Pelasger, der ältesten

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