Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 43 (22.10.1909)
- Date
- 1909-10-22
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 43 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 745 Höstomitz Von einem schweren Gange kehren wir zurück, denn wir haben einen unserer Besten, Herrn Hermann Fischl, zu Grabe getragen, der in den weitesten Kreisen von Stadt und Land bestbekannt und hochgeachtet war. Die große Trauerversammlung im Hause wie auf dem Friedhofe war eine spontane Kundgebung der Hochachtung, die der Verstorbene allseits genoß. Im Trauerhause sprach in ehrenden Worten des Gedenkens Herr Ortsrabbiner Schulhof, worauf der unabsehbare Zug sich nach Bechin bewegte. Nachdem Herr Rabbiner Schulhof die Trauerpsalmen in rührenden Tönen rezitierte, trat Herr Rabbiner Dr, Link aus Pilsen an die Bahre, um in tiefempfundener Rede über die strenge Rechtlichkeit, die mackellose Geschlossenheit seines Wesens und über die Gediegenheit seines Charakters zu sprechen. Tiefe Rührung rief es hervor, als Doktor Link den Verstorbenen als treuen Juden voll Geist und Gemüt pries, der als wohlhabender, vielbeschäftigter Kaufmann in die ärmsten Hütten der weiten Ferne reiste, um die jüdischen Knäblein in den Bund Abrahams aufzunehmen, und die elenden Wöchnerinnen aus seinen Mitteln reichlich beschenkte. Tenor Sontheim. Der berühmte Tenor Sontheim feierte am 18. d. M. ein seltenes Jubiläum. An diesem Tage waren nämlich siebzig Jahre verflossen, seit er — am 18. Oktober 1839 — im Hoftheater zu Karlsruhe als Sever in „Norma" zum erstenmal die Bühne betrat. Der greise Heldentenor steht im neunzigsten Lebensjahre. Er hat vom Jahre 1868 ab wiederholt in Wien — zuerst im alten Kärntnertortheater, dann im neuen Hofoperntheater, später im Carltheater und in der Komischen Oper — Gastspiele gegeben, und bei seinem ersten Auftreten in Wien als Eleazar ereignete sich während des vierten Aktes der kaum dagewesene Fall, daß bei offener Szene die Orchestermitglieder die Instrumente weglegten und mit dem Publikum Beifall stürmten. Warasdin. Sonntag, den 24. d. M., vormittag 11 Uhr, findet in der Synagoge zu Neusatz die Trauung des Herrn Lawislav Hönigsberg, Sohn des hiesigen angesehenen Bürgers Herrn David Hönigsberg, mit Fräulein Olga Singer aus Neusatz statt. Sofia, 5. Oktober. Während im Nachbarstaate Rumänien die Judenfeinde am Ruder und emsig an der Arbeit find, kann hier, trotz eifriger Bemühung einiger Demagogen der Antisemitismus nicht recht aufkommen. Der Wind von oben ist ein den Juden durchaus günstiger und dieser ist für das Regierungssystem sowie für die Handhabung der Gesetze durch die Beamten bestimmend. Daß der König an der Einweihung der neuerbauten Synagoge teilnahm, haben Sie bereits berichtet. Nun veröffentlichen die hiesigen politischen Blätter ein Gespräch, das der Redakteur des „Journal de Salonique" mit dem bulgarischen Botschafter in Rom hatte. Dieser sagte: „Wenn die bulgarischen Juden die Regierung um eine Subventionierung der jüdischen Schulen, die von der Regierung beaufsichtigt werden, ersuchen würden, so wäre die bulgarische Regierung sicherlich bereit, einem solchen Wunsche nachzukommen". Hoffentlich wissen die bulgarischen Juden dieses Entgegenkommen so auszunutzen, daß aus ihm eine Erstarkung des Judentums, um das es hierzulande nicht gerade am besten bestellt ist, erwachse Große Spende. Aus Lodz wird berichtet: Die Witwe des verstorbenen Fabrikanten Ignaz Posnanski hat am Sterbetage ihres Gatten eine Spende von 60.000 Rubel gemacht und über deren Verwendung folgendes verfügt: 15.000 Rubel für die Errichtung eines Pavillons für Jnfektionskranke am Posnanski-Spital, 25.000 Rubel für Errichtung einer Schule und den Rest für verschiedene jüdische Wohltätigkeitsinstitute. Eine interessante Rundfrage. Die Pariser Zeitschrift „D'Intormtzäiairo" veranstaltet folgende Rundfrage an ihre Leser und Mitarbeiter: Unter den großen Musikern der jüdischen Raffe werden gewöhnlich Mendelssohn. Halevy und Meyerbeer angeführt. Kann man aus diesen Beispielen schließen, daß die Semiten eine außergewöhnliche Eignung für die Musik haben? Und wie kann das erklärt werden? Man kann wohl auf die einlaufenden Antworten gespannt sein. Theophile Gautier und sein Schwiegersohn. Alfred Poizat erzählt in der Pariser „Liberte“ die folgende Anekdote über Theophile Gautier. Als seine Tochter Judith Catulle MendeS heiratete, da war der gute Gautier nicht sehr erbaut, er meinte: Da ich Katholik bin, mißfällt eS mir natürlich, einen Juden in meine Familie aufzunehmen und dann, ich war stets der Meinung, daß alle Juden reich feien und dieser da hat nicht einen SouS in der Tasche, Sie werden doch zugeben, ein Jude und kein Geld auch noch, das ist für einen Katholiken doch zu viel. Feuilleton. Zwischen Kater «nd Mutter. Von H. D. Nomberg. — Uebersetzt von Malwine Blumberg. II. In der Küche duften die schönsten Sabbathgerichte. Riesengroße Töpfe stehen auf dem Herd, das Feuer knistert. In einem wollenen kleide, der Feiertagsperrücke und einer neuen, weißen Schürze steht die Mutter an der Tür und spricht mit einer alten Frau von Aepfeln. Beim Anblick Isaaks fragt sie: „Warum so früh heute?" Erst jetzt erinnert sich Isaak daran, daß er gelogen hat. und er weiß nicht, was er erwidern soll. An die Mutter herantr^ten und ihr „Guten Tag" sagen, kann er nicht. Die Alte blickt ihn an und macht der Mutter eine Bemerkung in polnischer Sprache: die Mutter antwortet ihr und dann sehen sie ihn Beide an. Dabei verzerrt die Alte ihr runzliges Gesicht, und Isaak weiß nicht, ob das ein Lächeln bedeuten soll, oder etwas anderes. Immer noch steht er auf derselben Stelle und wagt nicht, sich zu rühren. Ganz so, als wäre er bei seinem Onkel Ieruchem, wo in dem großen Salon alles so schön und reich ist, wo er aber ohne die Söhne des Onkels keinen Schritt machen kann. Sein Frühstück, das tägliche, gewöhnliche Frühstück, gibt man ihm ins Nebenzimmer. Er ißt, fühlt aber eine große Unruhe. Er fürchtet, daß seine Mutter herein-- kommen wird, wenn er den Mund mit Esten vollgestopft hat, und dann könnte er ihr nicht antworten. So nimmt er denn ganz kleine Bissen und wendet den Blick nicht von der Tür, die aus der Küche in das Zimmer führt. Isaak weiß nicht warum, aber das Frühstück scheint ihm kein Frühstück, das Zimmer scheint ihm kein Zimmer, und die Mutter nicht seine Mutter zu sein. In diesem Augenblick kommt die Mutier herein. Isaak ist vor Aufregung ganz atemlos. Die Mutter nähert sich und setzt sich auf einen Schemel neben ihn. Isaak wird verwirrt, die Semmel entgleitet seinen Händen. Er bückt sich, um sie aufzuheben, wirft aber dabei den Schemel um und fällt selbst hin. Letzteres tat er schon halb absichtlich, da er fühlte, daß er sich nicht auf den Füßen würde erhalten können. Und die Mutter schreit auf ihn: „Du wildes Geschöpf, du!" Weiß er denn, was mit ihm vorgeht?" Isaak hebt den Schemel auf und denkt im Stillen: die Mutier hat Recht. Er weiß wirklich nicht, was mit ihm vorgeht. Ist das aber seine Schuld? Nein, die Schuld der Mutter ist es! Wozu heiratet sie? Denn wirklich, — denkt Isaak, nachdem die Mutter das Zimmer verlassen, — wozu tut sie es? Es ist nur ein unnützes Kopfverdrehen und nichts mehr. Plötzlich