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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-10-22 · 43 (22.10.1909) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
43 (22.10.1909)
Date
1909-10-22
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 43 Dr. Blochs Wochenschrfft. Seite 739 breitschultrige Figur in der Ecke, eine Figur, deren behäbige Fülle davon zeugt, daß der menschliche Körper auch die Strapazen einer Nordpolfahrt rasch überwindet, ein Nicken des runden, brünetten Kopfes als Antwort, und ich war an der Türe. Und dort kam mir eine Information, die Herr Lonsdale mir ungefragt kundgab: „Wissen Sie, einige Blätter haben geschrieben, der Herr Doktor sei israelitischer Konfession — dem ist nicht so." Nach der Entschiedenheit, mit der Dr. Cook den Verdacht des Judentums von sich abzuwälzen sich bemüht, wäre man beinahe versucht, den Angaben der amerikanischen Blätter Glauben zu schenken . Cesare Kombroso. Am 19. Oktober ist Cesare Lombroso, einer der bedeutendsten Männer in der medizinischen Wissenschaft der Gegenwart, einer der Lenker des Denkens im „nervösen Jahrhundert", ein Gelehrter, der den völlig neuen Wissenszweig der Kriminalanthropologie geschaffen, in Turin aus dem Leben geschieden. Lombroso ist eigentlich als österreichischer Untertan im Jahre 1836 in Verona geboren und hat auf einer damals noch österreichischen Universität in Pavia promoviert. Er hat sich bereits in jungen Jahren schriftstellerisch betätigt. Er wandte sich bald dem Studium der medizinischen Wiffenschaften zu und hat durch das Studium der Mais krank heit, die er als Ursache, und zwar durch einen Parasiten bedingt, der endemisch besonders in Italien wütenden Pellagra erkannte und entdeckte, sich ein ungeheures Verdienst nicht nur um die Wiffenschaft, sondern auch um die Hygiene seines Volkes erworben. Die erste größere Arbeit, welche Lombroso auf Grund seiner philologischen und historischen, seiner anthropologischen und psychologischen Arbeiten verfaßte und welche merkwürdigerweise fast gleichzeitig mit Darwins „Entstehung der Arten" erschien, war das Werk „Der weiße und der farbige Mensch", in dem er zu Schlußfolgerungen gelangte, die genau den Grundsätzen der Darwinschen Deszendenzlehre entsprachen. Das Werk entwickelt die Theorie von der tierischen Abstammung des Menschen, von unserer Verwandtschaft mit dem menschenähnlichen Affen; auch an der Sprache weift Lombroso entwicklungsgeschichtliche Reste nach, welche ihren tierischen Ursprung beweisen sollen. Im Jahre 1859, als Lombrosos Buch erschien, hat der Autor weder Darwins „Entstehung der Arten", noch die Arbeiten von Lamarque und Spencer gekannt. Italien stand damals am Vorabende des Krieges, Niemand kümmerte sich um Lombrosos Buch. Darwin gilt mit Recht als der Vater der Evolutionstheorie, aber Lombroso hat diese Theorie bereits gekannt und zum Teil auf den Menschen verwendet. Den größten Ruhm hat er sich durch seine naturwiffenschaftliche Arbett „Anthropologie der Verbrecher" erworben. Eine fiebernde Tätigkeit hat er dieser Frage gewidmet und durch seinen Geist und Fleiß bewirkt, daß seine Ideen in die weitesten Kreise gedrungen und eine internationale Bedeutung gewannen. NDie Ideen Lombrosos, daß das Verbrechen ein Resultat des Wahnsinns ist, hat der Urheber vielleicht nicht direkt aus dem Talmud geschöpft, allein dann sind fie bei ihm ein jüdisches Erbgut. Denn schon im Talmud findet sich der merkwürdige Satz: „Dass kein Mensch ein Verbrechen begeht, ohne einen Anfall von Wahnsinn". Lombroso, der ein Sohn des Judentums war, hat diese alte Idee der Talmudisten nicht allein wissenschaftlich begründet, sondern auch für die Konsequenzen dieser Erkenntnis seine Beredsamkeit und seine warme Menschenliebe eingesetzt. Schon fürchtete man, daß das ganze Gebäude der herrschenden Sittlichkeit und der traditionellen Justiz zusammenbrechen müßte, wenn Lombroso recht behielte, daß nämlich das Verbrechen eine Krankheitsäußerung wäre, daß diese Krankheü, die Neigung und Veranlagung zum Verbrechen durch Vererbung von Geschlecht zu Geschlecht sich fortpflanze Junb daß man deswegen dem Verbrechen auf keinem anderen Wege werde beikommen können, als indem man die wahren Quellen dieser Erkrankung des moralischen Menschen zu verstopfen gelernt haben werde. Heutzutage ist diese Ansicht geradezu zum Gemeinplatz der Jurisprudenz und Gerichtspraxis geworden; es gibt nicht den kleinsten Taschendieb, der nicht, bevor man ihm den Prozeß macht, zunächst vom gerichtlich bestellten Psychiater untersucht und begutachtet wird. Die Bekämpfung der Verbrechenerreger, des Alkoholismus, sexueller Verirrung usw. ist zur Pflicht eines jeden zivilisierten Staatswesens geworden. Aber als Lombroso zuerst mit seinen Theorien austrat: 1859 mit den „Untersuchungen über den Kretinismus in der Lombardei"; 1864: „Genie und Irrsinn"; 1865: „Klinische Beiträge zur Psychiatrie" usw., da war der Widerstand, auf den er stieß, nicht minder groß als die Entrüstung. Befürchteten die metaphysischen Gegner Lombrosos eine Verrohung der Menschen durch seine sogenannten materialistischen Theorien, so ist in Wahrheit das Gegenteil eingetreten: die Humanität, die Menschenliebe hat niemals kräftigere Impulse bekommen, als sett der Verbreitung seiner Erkenntnis, daß der Verbrecher ein Kranker sei. Die Milde des modernen Gerichtsverfahrens in Frankreich, Italien, Deutschland, Oesterreich würde den Juristen der älteren Generationen als unbegreifliche Sentimentalität erscheinen. Mit Recht sagt Hofrat Dr. Wagner v. Jauregg: „Wenn man sich über die Bedeutung der Arbeit Lombrosos auf diesem Gebiete klar werden will, braucht man nur die vorlombrosianischen Lehrbücher und Abhandlungen über forensische Psychiatrie anzusehen. Damals gab es Menschen, die infolge geistiger Störung ein Verbrechen begangen hatten; und diese waren durch eine scharfe Grenze getrennt von dem eigentlichen Verbrecher, über den sich der Psychiater in scheuem Respett vor einer anderen Disziplin ein Urteil auszusprechen nicht mehr wagte, sondern ihn dem Moralisten und Strafrichter überließ. Und der letztere pflegte sich überhaupt kaum mit dem Verbrecher zu befassen, sondern nur mit seiner Tat, die er mit großem Aufwande von Scharfsinn analysierte. Wenn es heute anders geworden ist, wenn heute vor allem der Verbrecher Gegenstand des Studiums geworden ist und wenn man weitergehend nicht nur den biologischen, sondern auch den sozialen Bedingungen des Verbrechens und des Verbrechertums nachforscht, so ist der Anstoß dazu einzig auf Lombroso zurückzuführen. “ Und noch weiter auf die Entwicklung der Geschichtswissenschaften, der Poesie selbst hat diese neue Psychologie des großen Nervenarztes Lombroso zurückgewirkt. Von ihm gingen die Anregungen aus, die immer tragisch anmutenden Erscheinungen des Altertums und Mittelalters, wo ganze Epochen und Generationen unter furchtbarer Zerstörungswut der Völker untereinander gelitten haben, unter diesem Gesichtswinkel der seelischen Erkrankungen einzelner oder der Massen, von Familien und ganzen Generationen zu betrachten, und für so manches Rätsel, das die Weltgeschichte bot, ist die lösende Formel gefunden worden. Das Thema des Verhältniffes von Genie und Wahnsinn, das Lombroso zuerst zur Frage gebracht hatte, ist nicht mehr aus der literarischen Debatte gewichen. Nicht minder revolutionär und die Geister aufrüttelnd waren seine Arbeiten über das Verhältnis des Genies zum Wahnsinn, welche bald eine große Popularität erlangten. Wie bestechend war es, wenn er bei der Zusammenstellung des Genialen und Irrsinnigen registrierte: Als Stotternde find bekannt: Alkibiades, Demosthenes, Aesop, Virgil, Erasmus von Rotterdam, Karl V., Turenne, Malherbe, Manzoni, Charles Darwin. Linkshänder waren: Tiberius, Michel-Angelo, Leonardo da Vinci. Oder, wenn er sagte: Bei genialen Männern kommen Beispiele von Zerstreutheit vor, wie fie auch bei Geisteskranken nicht auffälliger Vorkommen können. So wird von Newton erzählt, daß er einmal seine Pfeife mit dem Finger einer neben ihm fitzenden Nichte gestopft habe. Wenn er etwas suchen ging, kam er immer ohne den betreffenden Gegenstand in das Zimmer zurück. Der Chemiker Rouelle, der ein zu seinem Vortrage gehöriges Experiment durchführte, sagte zu seinen Hörern: „Sie sehen hier den Keffel auf diesem Kohlenbecken? Wenn ich nur einen Augenblick mit dem Umrühren aufhöre, würde eine Explosion erfolgen und wir samt und sonders in die Luft fliegen." Während dieser Worte vergaß er umzurühren, die Explosion erfolgte unter fürchterlichem Gekrach und im nächsten Augenblicke waren die 300 Zuhörer im Garten.

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