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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-10-22 · 43 (22.10.1909) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
43 (22.10.1909)
Date
1909-10-22
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 736 Dr. Blochs Wochenschrift. Itr. 43 vor allem nötig auf gesellschaftlichem Gebiete. Der Kastengeist muß bekämpft werden, damit endlich Worte in Taten umgewandelt werden und den Juden in der Ostmark das Leben wieder erträglich gemacht wird durch die Gewährung der Gleichberechtigung. Der Buchstabe des Gesetzes muß endlich einmal zur Wahrheit werden. Nach den Vorträgen folgte eine knappe Frühstückspause und dann eine kürze Debatte, die sich an die aufgestellten Thesen knüpfte. Die Redner Justizrat P l a c z e k, Justizrat Berger-Königshütte und Rabbiner Dr. Eppenstein aus Briefen stellten sich sämtlich auf den Standpunkt der Referenten und unterstützten deren Leitsätze. Das Gleiche tat Landtagsabg. Justizrat Cass el-Berlin, der noch davor warnte, den Vorwurf des Antisemitismus der Schule gegenüber zu generalisieren, jedoch im gegebenen Fall standhaft sein gutes Recht zu wahren und bewußt, mit Ueberzeugung, aber auch mit Toleranz gegen Andersgläubige die Aenderung herbeizuführen. Hierauf wurden die Thesen ohne Widerspruch mit folgendem Wortlaut angenommen: Der preußische Staat hat ein dringendes Interesse an der Erhaltung der stets vaterländisch gesinnten jüdischen Bevölkerung in den Ostmarken. Daher fordern wir: 1. In politischer Beziehung: Gerade in den Ostmarken sollte die Regierung a) die gesetzliche Gleichberechtigung der Staatsbürger auf allen Gebieten des Staatslebens auch für die Juden verwirklichen und namentlich auch bei der Besetzung der öffentlichen Aemter die Juden nicht zurücksetzen; d) bei Gestattung des Aufenthalts und bei Verleihung der Staatsangehörigkeit an die vom Auslande zugezogenen Juden nicht nach anderen Grundsätzen verfahren, als gegenüber den einer anderen Religionsgemeinschaft zugehörenden Ausländern. 2. In gesellschaftlicher Beziehung: Alle Beteiligten sollten darauf hinwirken, daß in den Ostmarken im geselligen Verkehr keine Absonderung nach dem Berufsstand oder nach der Zugehörigkeit zu bestimmten Religionsgemeinschaften stattfindet. 3. In wirtschaftlicher Beziehung: Die Behörden, insbesondere auch die Ansiedlungskommission, sollten a) bei Vergebung von Arbeiten und Lieferungen in den Ostmarken die Juden in gleichem Maße berücksichtigen, wie die übrige Bevölkerung; d) öffentliche und private Anstalten, sowie Genossenschaften und Vereine in den Ostmarken nicht unterstützen oder empfehlen, wenn diese die Juden von der Verwaltung ausschließen oder im Geschäftsverkehr zurücksetzen. Den Abschluß der Veranstaltungen des deutschen Judentages bildete ein Festessen, das die Synagogengemeinde Breslau den Delegierten darbot. An einer langen Ehrentafel und an einer großen Anzahl Quertafeln hatten im Konzerthaussaale ungefähr 760 Damen und Herren Platz genommen. Küche und Keller des Oekonomen der Leffingloge, dem das Diner übertragen worden war, boten das Beste, so daß sich recht bald im Saale eine gemütliche Stimmung entwickelte. Die Reihe der offiziellen Toaste eröffnete Prof. Dr. P h i l i p p s o n - Berlin, mit dem Kaiserhoch. Geh. Justizrat Dr. Freund-Breslau widmete sein Glas dem Verband der deutschen Juden. Justizrat Breslauer-Berlin feierte in beredten Worten die Bescheidenheit der Breslauer, zählte zahlreiche Namen hochbedeutender Persönlichkeiten auf, die aus der hiesigen Stadt hervorgegangen sind und toastierte auf die Breslauer Gemeinde. Dem Verbände der deutschen Juden sprach Generalkonsul Landau- Berlin, als Vertreter des Hilfsvereins der deutschen Juden, wärmste Anerkennung für seine Bestrebungen aus. Der jüdischen Gemeinschaft widmete Justizrat Ollendorf -Breslau sein Glas, aus das jüdische Gemeindeleben toastierte Rabbiner Dr. R o s e n t h a l, und Frau Rabbiner Dr. Eschelbacher -Berlin versprach in längerer Rede, daß auch die Frauen, die als Delegierte Sitz und Stimme hatten, sich in Zukunft gern und freudig in den Dienst des Verbandes der deutschen Juden stellen würden. Während der Tafel wurde eine Reihe hochpoetischer Festlieder gesungen, die von unseren bewährtesten Breslauer Lokalpoeten gedichtet waren und stürmischen Beifall fanden. Den Verfassern dieser Festlieder sprach als letzter der offiziellen Redner, Justizrat Burgheim -Minden, Worte wärmsten Dankes aus. Vom Aabrmarkt des Lebens. Versammlung der Wiener „Jto". Am 13. d. M. fand im Sitzungssaal des Mariahilfer Bethausvereines eine von bürgerlichen Kreisen gut besuchte Versammlung des Zentralvereines der jüdisch-territorialistischen Organisation für Oesterreich statt. Nach Eröffnung und Begrüßung der Versammlung durch den Obmann, Herrn Doktor I. Samuely, erstattete Herr M. Schmidt den Bericht über die im Juli d. I. in London stattgehabte Konferenz des JnternationalrateS der „Jto*, an welcher Herr Schmidt als österreichischer Delegierter teilgenommen hatte. Dem Berichte ist zu entnehmen, daß die Londoner Konferenz über alle schwebenden Fragen der „Jto" eingehend beraten hat. Was die territoriale Frage betrifft, hatte die Konferenz Gelegenheit, sich mit allen den Territorien, welche als Befiedlungsort durch die Juden in Betracht kommen können, eingehend zu befassen. Einen großen Raum in der Diskussion nahm naturgemäß Mesopotamien ein, das jetzt im Vordergründe der Verhandlungen steht. Es wurde einstimmig anerkannt, daß Mesopotamien als Territorium für konzentrierte Masseneinwauderung von allen diskutablen Projekten am geeignetsten sei, daß aber die Durchführung dieses Projektes nicht von einer einzigen Gruppe innerhalb des Judentums, sondern nur durch alle im Judentum vorhandenen wirtschaftlichen und sozialen Kräfte gemeinsam zur Durchführung gebracht werden könne. Angesichts der Größe des Projektes ist selbst das verfügbare Vermögen der „Jca" nur von untergeordneter Bedeutung, da die „Jca* einen großen Teil ihrer Fonds auf sehr lange Zeit hinaus gebunden und kommt daher für die Realisierung eines so mächtigen Projektes, wie Mesopotamien es ist, kaum in Betracht, weshalb bei Ausführung des Projektes an die Bildung eines großen finanziellen Syndikates gedacht wird. In der Londoner Konferenz wurden — besonders seitens des Professors Slousch — Stimmen laut, daß das Cyrenaica-Projekt, das, wie bekannt, als „Jto*-Lünd fallen gelassen wurde, wieder ausgenommen werde. Professor Slousch, der sich um die territorialistische Idee bereits große Verdienste erworben hat, mußte jedoch auf eine direkte Frage des Redners zugeben, daß Cyrenaica höchstens für 200.000 Personen eine Existenz bieten könnte. Dieses Zugeständnis hat denn auch genügt, um Cyrenaica wohl .als eines der Einwanderungsländer, nicht aber als „Jto"-Land ins Arbeitsprogramm der „Jto* auszunehmen. Auch die Organisationsfrage bildete den Gegenstand eingehender, mitunter sehr lebhafter Beratungen. Wohl haben besonders die Delegierten Rußlands und der Schweiz für einen sofortigen Ausbau der Organisation nachdrücklichst plaidiert, doch sei nach eingehenden Beratungen schließlich die Anschauung zum Durchbruche gekommen, daß der weitere Ausbau der „Jto*-Organisation den einzelnen Landesgruppen überlassen werde. Einen wichtigen Punkt der Tagesordnung der Londoner Konferenz bildete < die Frage einer intensiven Tätigkeit auf dem Gebiete der Regulierung der Auswanderung mit

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