Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 43 (22.10.1909)
- Date
- 1909-10-22
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 43 Dr. Blochs Wochenschrift. SeÜe 735 Simon dem Verbandstage beiwohnte. Justizrat H o r w i tz begrüßte den Oberpräsidenten und sprach seine Freude darüber aus, daß die Staatsregierung so reges Interesse an den Bestrebungen: des Verbandes bekunde und sie kennen lernen wolle. In Erwiderung dieser Worte erklärte, nachdem Rabbiner Dr. Guttmann seinen Vortrag beendigt hatte, der Oberpräsident: An zweiter und dritter Stelle der Tagesordnung stehen Gegenstände von allgemeiner Bedeutung, die nicht ohne Rückwirkung auf die allgemeinen Staatsdinge bleiben können. Ich bin erschienen in der Hoffnung, t)itr zu lernen und etwas für mein Amt und für meine Pflicht aus diesem Saale hinaus zu nehmen. Aber ich bin nicht nur Beamter, sondern auch Mensch, und als solcher stehe ich, ein überzeugter Christ, auf dem Boden des Neuen, wie des Alten Testaments. Ich scheue mich nicht, dies auszusprechen und würde glauben, feige zu sein, wenn ich dies nicht täte gegenüber den polemischen Ausführungen, die wir soeben gehört haben. Wer mich kennt, weiß, daß ich frei von jeder verketzernden, andere Meinungen einengenden Ansicht bin, und in diesem Sinne wünsche ich Ihren Verhandlungen den besten Erfolg. Ueber die Abwanderung der Juden aus der Provinz Posen referierte Justizrat Breslauer -Berlin, ein Thema, das auch für Schlesien von Interesse ist, weil Grund zu der Annahme vorhanden ist, daß die Ostmarkenpolitik auch auf unsere Provinz ausgedehnt wird und daß damit die Schäden übertragen werden, die in Posen zu der starken Abwanderung der Juden geführt haben. In der Zeit von 1885—1905 haben dort 116 Städte über 25 Prozent, 54 Städte über 50 Prozent ihrer jüdischen Einwohner verloren, und die Landbevölkerung ist von 3249 auf 1389 zurückgegangen, also um fast 2000 Seelen gesunken. Dies bedeutet zunächst einen Schaden für das Deutschtum; denn als im Jahre 1793 die in Betracht kommenden Landesteile von Preußen übernommen wurden, bildeten dort die Juden, die sich vom Mittelalter her ihre deutschen Dialekte und ihre Anhänglichkeit an die deutsche Kultur bewahrt hatten, die überwiegende Mehrzahl der deutsch sprechenden Bevölkerung und somit eine Stütze des Deutschtums, ohwohl sie erst im Jahre 1869 in diesen Gebieten die Gleichberechtigung als Staatsbürger erhielten. In Zeiten, da die polnische Gefahr drohte, haben auch die Behörden dies zu würdigen gewußt und in solchen Jahren ist auch die Abwanderung, die vorher und nachher stets einen großen Umfang annahm, zum Stillstand gekommen, ein sicherer Beweis, daß ihre Ursache nicht mangelnde Bodenständigkeit war. Aber das mindere Recht, dem sie unterworfen waren, vertrieb die Juden aus der Ostmark und lockte sie nach Landesteilen, in denen sie unter günstigeren Bedingungen leben und schaffen durften. Dazu kam der Mangel an Bildungsmitteln, der den Zug nach dem Westen förderte; denn die Jugend mußte ihre Ausbildung in Wissenschaft, Technik und Kunst an den Universitäten und Hochschulen der anderen Provinzen suchen. Einmal ausgewandert aber, blieb sie meistens der Heimat fern und zog noch ihre älteren Angehörigen nach. Viel Unheil stiftete auch die von der Regierung begünstigte Konzentration der Juden in den Städten, wodurch viele Familien wirtschaftlich ruiniert und gezwungen wurden, sich anderweit neue Daseinsmöglichkeiten zu schaffen. Seitdem die Ansiedelungskommission im Jahre 1885 ihre Tätigkeit begonnen hat, ist nirgends eine Vermehrung der jüdischen Einwohner eingetreten, aber drei Städte haben alle Juden verloren. Betrachtet man diese Abwanderung nach der geographischen Lage der Städte, so ergibt sich, daß überall in der Provinz Posen, wo eine stärkere Mischung der Polen und der Deutschen vorhanden ist, die Juden also im Kampfe gegen das Polentum gebraucht wurden, sie zum Verlaßen der Heimat nicht in so starkem Maße sich gezwungen sahen. Dies widerlegt bereits die Behauptung der Ansiedelungskommission, daß die Abwanderung sich allein herschreibt vom „Zuge nach dem Westen mit seinen günstigeren Erwerbsverhältnissen". Die Erwerbsverhältnisse konnten allerdings nicht ohne Einfluß bleiben; daneben schuf aber auch der Kastengeist unleidliche gesellschaftliche Verhältnisse, und die Ansiedelungskommission überzog ohne Rücksicht auf ihre jüdischen Mitstreiter die ganze Provinz mit Genossenschaften Raiffeisenscher Art, die den Ansiedler mit allem versorgten, was er brauchte, und ihm die Erträgnisse seiner Arbeit abnahmen. Die Polen taten das gleiche, und so waren Anfang 1904 nicht weniger als 841 Genossenschaften mit 118.500 Mitgliedern vorhanden, von denen viele, durch die materielle Beihilfe der Regierung gestützt, nur mit geborgtem Gelde arbeiten. Dies mußte zur Abwanderung der Gewerbetreibenden führen; aber auch jüdische Aerzte, Rechtsanwälte und Apotheker sahen sich vielfach geschädigt, und es ist daher zur Beseitigung der Uebelstände zu fordern, daß zunächst die wirtschaftliche Politik geändert wird, indem nur die Genossenschaften von der Regierung unterstützt werden, die sich der Mitwirümg der Kaufleute ohne Unterschied des Glaubens bedienen, und die Ansiedelungskommission angewiesen wird, auch jüdische Ansiedler festzusetzen. In der allgemeinen Politik muß die Erschwerung der Naturalisation fallen und den Juden der Zutritt zu den höheren Aemtern erschlossen werden, damit die Gleichberechtigung, die jetzt nur auf dem Papier steht, zur Wirklichkeit wird; dann wird es sich zeigen, daß die Juden, die güte Deutsche sind und bleiben wollen, sich nur gegen die Verdrängung aus ihrer Heimat wehren und dem Verschwinden der für das Deutschtum wichtigen Elemente wird Einhalt getan werden. Im Anschlüsse hieran behandelte Landtagsabgeordneter Justizrat Wolfs aus Liffa die Frage: „Die Juden in den Ostmarken — was haben sie dem preußischen Staate und was hat er ihnen geleistet?" Vom Nationalitätenkampf in den Ostmarken ausgehend, dessen Kriegskosten die Juden tragen, zeigte er deren schwierige Lage und wies nach, welche wichtigen Dienste diese treuen Helfer der deutschen Kultur geleistet haben. Ihr Verschwinden ist ein schwerer Verlust; denn jeden Platz, den ein Jude räumt, nimmt ein Pole ein. Nach einem Rückblick auf die Verhältnisse zur Zeit der Polenherrschaft und auf die Umwandlungen unler preußischem Regime legte er dar, daß die Juden stets ein zivilisatorisches, deutsches, friedlich-loyales Element waren und daß die Staatsregierung, die an sich immer liberaler und toleranter war als die Individuen und die Parteien, sich leider von denen leiten ließ, die in der Zurücksetzung der Juden eine Staatsnotwendigkeit sahen. Trotz aller Einschränkungen und schlechter Behandlung bewiesen die Juden im Kampf gegen die Polen immer eine treue preußische Gesinnung, und deshalb muß ganz entschieden eine Broschüre zurückgewiefen werden, deren Verfasser, ein höherer Beamter der Ansiedlungskommission, nachzuweisen sucht, daß mit der „auch-deutschen" Gesinnung der Juden die Ostmarkenpolitik nicht durchzuführen und daher ihre Verdrängung aus den polnischen Landesteilen erforderlich ist. Scharf muß gegen einen solchen Vorwurf Protest erhoben werden, denn die Juden haben, obwohl sie darunter litten, stets offen und frei ihr Deutschtum bekannt, nicht um irgend welcher Vorteile willen; sie verlangen keine Protektion, sondern nur Gleichberechtigung; aber sie haben überall stets auf seiten der Partei der Kultur und des Fortschrittes gestanden. Es ist falsch, ihnen den Mißerfolg der Ostmarkenpolitik in die Schuhe zu schieben. Eine derartige Abwälzung ist kein neues Rezept. Die Vertreibung, die sich früher mit Feuer und Schwert vollzog, vollzieht sich jetzt mit Kulturmitteln. Immer weiter dehnt sich der Kastengeist aus, und schon wird versucht,, die Juden aus den städtischen Aemtern zu verdrängen, die sie mit Umsicht und großer Sachkenntnis verwaltet haben. Demgegenüber wäre es Sache der Staatsregierung, Tendenzen, wie sie in der oben erwähnten Schrift enthalten sind, zu mißbilligen. Hilfe ist