Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 43 (22.10.1909)
- Date
- 1909-10-22
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 734 » Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 43 sprochen hatte, als ihm der Künstler bedeutete, wie viel Mühe ihm der Festzug mache. Vielleicht wollte er sich das besondere Lob der christlichsozialen Presse verdienen. So griff er denn in seine schmutzige Phantasie, nachdem er weder bei Schiller, noch bei Grimmelshausen eine künstlerische Berechtigung gefunden hatte, und schuf den Handlejuden als Begleiter gewaltiger historischer Begebenheiten, den Typus der Lächerlichkeit und Schäbigkeit, den Erb- und Erzfeind der Antisemiten, der Retter des christlichen Volkes. Der Stümper! Er hätte dem Juden in die linke Hand Obligationen geben sollen zu Ehren Verganis und in die rechte Stampiglien zu Ehren Schneiders, und vielleicht auf den Kopf einen Zuckerhut zu Ehren H. K. Wolfs. Er hätte ihm ein sinnbildliches, allegorisches Geleite geben sollen, wie etwa: einen deutschen Raubritter, einen russischen Großfürsten mit der Flottenkassa, einen Prager Stadrat mit Röhren, einen serbischen Pulverlieferanten, eine amerikanische Missionärin mit einem Chinesen, einen schwörenden deutschen Fürsten mit Gardekürassieren, einen rumänischen Bojaren als Minister, lauter Figuren, welche die Niedrigkeit der jüdischen Seele ganz ausgezeichnet dargestellt hätten. So etwas wäre ein Erfolg gewesen, nicht das lumpige Stückchen Antisemitismus, das der ehrenfeste Künstler im Jubiläumsfestzug mitlaufen ließ. Ist die Judenfeindschaft nicht berechtigt? Lesen wir nicht täglich, daß für den Juden auch die heiligsten Güter, der Patriotismus, die Loyalität, nur Gelegenheit für schmutzige Geschäfte sind? Daß der eine von diesem Volke auf Provisionen ausgeht, der andere auf Orden, viele auf beides zugleich? Ist die Krida nicht ein spezifisch jüdisches Verbrechen? Gewiß steht das so mit Billigung der Behörden tagtäglich in der antisemitischen Presse. Aber gerichtsordnungsmäßig bewiesen wurde es wieder einmal, wie schon unzähligemal, den Christlich-Sozialen, und der Jude aus dem Festzug sollte noch einmal über die Ringstraße ziehen und statt des gelben Flecks das Urteil tragen, das über Säulen des Antisemitismus im Schuhmeier-Prozeß gefällt wurde. Der deutsche Iudentag in Kreslau. Der „Verband der deutschen Juden" hat in diesem Jahre seine Generalversammlung in Breslau am letzten Sonntag abgehalten. Aus diesem Anlässe fand Samstag in beiden Synagogen der Gemeinde ein erhebender Gottesdienst statt, der sozusagen den Judentag vom Sonntag einleitete. Am Vorabend fand die Begrüßung der Gäste im Hause der „Gesellschaft der Freunde" statt. Im Namen der Breslauer Gemeinde richtete Prof. Dr. W o h l a u e r an die Gäste eine Ansprache und hieß sie willkommen. Die Versammlung selber fand in den festlich geschmückten Räumen des Konzert- Hauses Sonntag vormittag statt. Mehr als 400 Delegierte, darunter allein 330 aus Preußen, und ein zahlreiches Publikum waren erschienen. Auf dem Podium stand, von Lorbeerbäumen umgeben, die Büste des Kaisers. Saal und Galerien waren bis auf den letzten Platz gefüllt; auch Frauen und Mädchen nahmen an der Versammlung teil. Als Vertreter des Regierungspräsidenten war Regierungsrat von L i p p a erschienen. Nachdem Prof. Philippson aus Berlin zum stellvertretenden Vorsitzenden und die Justizräte Breslauer-Berlin und Ollendorff°Breslau zu Schriftführern berufen und durch die Wahl .von 10 Herren, darunter auch Gey. Justizrat Wollsteiu und Geh. Justizrat Freund, das Bureau gebildet worden war, begrüßte der Verbaudspräsident, Justizrat H o r w i tz - Berlin, die Versammlung und wies darauf hin, daß der vor fünf Jahren begründete Verband die Liebe zur angestammten Religion und die Liebe zum Vaterlande in gleicher Weise pflegen wolle. Zum Zeichen dessen schlug er ein Ergebenheits-Telegramm an den Kaiser vor. Dann begrüßte der Vorsitzende den anwesenden Vertreter des Regierungspräsidenten, Regierungsrat v. Lippa, und führte aus, daß die stets wiederholten Klagen von der Zurücksetzung der Juden ihren Grund darin haben, daß man sie und ihr Tun nicht kennt. Als treue Söhne ihres Vaterlandes sind sie voll durchdrungen von ihren Pflichten, aber auch fest entschlossen, den Kampf für ihre Rechte zu führen und sie sich zu erringen, wie sie ihnen das Staatsgesetz gewährleistet. M^ kurzen Worten dankte Herr v. Lippa und überbrachte die Wünsche des Regierungspräsidenten für das Gedeihen des Verbandes. Hierauf hieß Geh. Justizrat Wollstein die Delegierten, unter denen er zum ersten Male auch Damen begrüßen konnte, im Namen des Vorstandes der Synagogeugemeiude willkommen in Breslau, dessen wenig zentrale Lage nicht ihr Erscheinen in so stattlicher Anzahl verhindert hat. Der Verband, so. führte er aus, hat es sich zur Aufgabe gesetzt, alle in der deutschen Judenheil bestehenden Kräfte einheitlich znsammenzufassen, um die staatsbürgerlichen Rechte zu wahren, und wenn auch noch lange Zeit vergehen wird, ehe die Gleichberechtigung zur Wahrheit geworden und die Zurücksetzung in gewerblicher und gesellschaftlicher Beziehung hintangehalten rst. so ist doch dank der umfassenden Tätigkeit des Ausschusses das Gefühl der Vereinsamung gewichen und hat der Siegeszuversicht im Kampf um die heiligsten Güter Platz gemacht. Justizrat H o r w i tz dankte dem Vorstande der Synagogen gemeinde für den Empfang, der dem Verbände in so sorglicher Weise bereitet worden war, und erstattete alsdann den Geschäftsberickt. Nach Erledigung des Berichtes ergriff Rabbiner Doktor Guttmann- Breslau das Wort zu seinem Vortrage über „Der Versöhnungsgedanke des Judentums", der sich nach seinen Ausführungen auf den Glauben an die Liebe Gottes gründet. Der Mensch, das Ebenbild Gottes, besitzt die Fähigkeit, sich sittlich zu vervollkommnen. Im Gegensatz zu der Lehre Augustins von der Erbsünde, die in ihrem letzten Grunde das ewige Wesen als einen. „Gott der Rache" sich denkt, der an allen Geschlechtern die Sünde des ersten Menschenpaares rächen will und erst durch ein besonderes Opfer, den Tod des eigenen Sohnes, versöhnt und besänftigt werden mußte, sieht das Judentum in jedem neugeborenen Menschen ein reines Wesen, dessen freier Wille ihn mit sittliche'- Kraft durchdringen, und selbst wenn er gesündigt hat, wieder heiligen und emporführen kann. Dieses Streben nach der Heiligkeit verlangt keine Abtötung des Fleisches, keinen Verzicht auf die Genüsse des Lebens. Das Judentum kennt keine unüberbrückbare Kluft zwischen Natur und Sittlichkeit, keinen tiefen Widerspruch zwischen Joeal und Wirklichkeit. Der Mensch soll zum Menschen erzogen, alle seine Anlagen, die sinnliche Seite seines Wesens und seine geistige Kraft, sollen zur harmonischen Entwicklung gebracht werden. Die Versöhnung von Sittlichkeit und Sinnlichkeit ist die Aufgabe des Menschen, die ihn zur Heiligkeit führt, die ihn mit sich selbst versöhnt und so die Vorbedingung für die Versöhnung mit Gott schafft. Dazu bedarf es keines Mittlers und keines Opfers, um Gott zu versöhnen. Fremd ist ihm der Gedanke, daß der Gottessohn erst sterben müsse, um ihn zu erlösen; denn jeder Mensch ist sein eigener Erlöser, und wenn die Menschheit durch ihr eigenes Ringen zy wahrer Sittlichkeit herangereift ftin wird, dann ist auch die ersehnte Zeit des verheißenen Messias gekommen. In diesem Sinne stellt der Verband der deutschen Juden, der alle idealen Kräfte der deutschen Judenheit zu gemeinsamem Wirken zusammeufaßt und ihnen zur freien Entfaltung im Dienste der Menschheit verhelfen will, ein Bild der Versöhnung dar. Brausender Beifall lohnte den Redner, dessen Vortrag kurz nach seinem Beginn durch den Eintritt des Oberpräsideuten von Schlesien, Grafen von Zedlitz-Trützschler, unterbrochen worden war, der mit Regierungsassessor Doktor