Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-10-22 · 43 (22.10.1909) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
43 (22.10.1909)
Date
1909-10-22
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/3020846-3021818-3021862--18722-3043666
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr 43 Dr. Bloch’s Jahrgang UVI Zentralorgan für die gesamten Untereren des Zudentums. * A. k. Postsparkaffenami s l e a r 1 n g -- V e r k e b r Mr.St0.976. Redattion und Administration: e Wien TKh, Hahngaffe Nr. 15. J, Telefon Nr. 14.847. <1 nO ■ Qo -n-n- Wien, 22. Oktober 1909 Br scheint jeden Freitag. Brief-Adreffe: Wien, IX/i, Hahngaffe 15. Telegramm-Adresse: Bloches Wochenschrift, Wie«. 00 - =Do p Verrrgsprri« für Vrstrrreich: Halbjährig 8 Kronen; Einzelexemplare 50 Heller. Für'« Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 Kronen. Anzeigen: Die 4malgespal- 2 tene Petttzeile 24 Heller. G DO O Inhalt: Leitartikel : Der Jude im Festzug. — Der deutsche Judentag in Breslau. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Versammlung der Wiener „Jto". Kattowitz—Basel. „Sie sind ja ein Judd". „Jud" und Preuß. Auch eine Analogie. Die jüdische Abstammung des Nordpol-Entdeckers. — CesareLombroso. — Korrespondenzen: Aus der Plenarsitzung des Kultusvorstandes vom 17. Oktober 1909. Demonstration der Luzionisten. Baden. Resignation des Vizepräsidenten der Stadt Lemberg Dr. Aschkenase. Pozsonv. Auszeichnungen anläßlich des internationalen medizinischen Kongreffes. Das Grabdenkmal für die Sifre-Thora. Zweimal gedient und bestraft wegen Nichtstellung. Der jüdische Bildhauer I. Ginzburg über die Perzentnorm in Kunstakademien. Falk Bey und die Juden. Sir William Willcocks in Konstantinopel. Ein wichtiger Regierungserlaß in der Türkei. Eine marokkanische Delegation mit einem jüdischen Führer. Traurige Lage der marokkanischen Juden. Benennung eines öffentlichen Parks nach einem Juden. Die Eröffnung der ersten jüdischen Farmausstellung in New-Iork. — Vermischtes. —Feuilleton: Zwischen Vater und Mutter. — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. Der Jude im Festzug. Man watete bis zu den Knöcheln im Sumpf, als der Prozeß verhandelt wurde, den einige Mitglieder des Festzugkomitees gegen den Abgeordneten Schuhmeier angestrengt hatten. Sie gerieten vom Regen in die Traufe, als sie ihre Ehre reinwaschen wollten und zogen vernichtet ab, als sich der Richter mit dem Angeklagten bis auf den letzten Rest solidarisch erklärte. Es war ein hübscher Prozeß, was seine Ursachen anbetrifft. Ordenshunger, patriotische Heuchelei, Irreführung hochstehender Persönlichkeiten, fahrlässige Krida, Hochstapelei, Täuschung der Behörden, Ausnützung des Idealismus durch Profitgier und Provisionsannahme waren die Vorwürfe für die Kläger. Sollten wir diese Ausdrücke und Beschuldigungen nicht schon bei einer anderen Gelegenheit gelesen haben? Aber gewiß. Die Betrachtung und Benützung der ganzen Welt vom rücksichtslosen, unbedingten Standpunkt des Geschäftes ist der hauptsächliche Angriffspunkt der antisemitischen Presse gegenüber den Juden. Was man nun diesen lügenhaft vorwirft, wurde christlichsozialen Gemeinderäten und ihren Freunden gerichtsordnnngsmäßig bewiesen. Nicht den ersten Säulen dieser Partei. Die Aera des Antisemitismus ist zugleich die Zeit der augehäuften Korruptionsprozesse, ist erfüllt vom aufdringlichsten Moderduft der Fäulnis. Um nur die letzte Woche zu resümieren. In. Berlin der Erpresserprozeß antisemitischer Journalisten, in . Wien die Affaire des Steinhof, der Prozeß des Festzugkomitees, in Czernowitz die Penstonierungsgeschichte des christlichsozialen HauptagitatorI. Es wäre reichlich genug, um jede andere Partei umzuwerfen, aber die christlich soziale, deren Beamtenheer eine Armee von Agitatoren ist, läßt von Viesen alle Tatsachen wieder weglügen und man muß in ohnmächtigem Zorn geduldig warten, bis der Bevölkerung doch endlich, einmal die Augen hinter der Parteibrille aufgehen. Durch den Prozeß des Festzugkomitees sind vielleicht einige hartnäckig Erblindete wieder sehend geworden. Denn selten noch wurde durch ein Gerichtsverfahren Art und Wesen der Herren von Wien so scharf umschrieben, so krystallisiert herausgearbeitet. Der Patriotismus: Heuchelei. Die Hebung des Gewerbes: eine Phrase. Der Idealismus: ein Geschäft. Der Weg zum Erfolg: Eine Hintertreppe. Die Triebfeder: Egoismus. Das Mittel: Skrupellosigkeit. Der Effekt: Korruption. Dafür ist Schuhmeier der Wahrheitsbeweis gelungen, der nicht nur die Kläger sondern ihre ganze Parteirichtung trifft. Es wird den Christlich-Sozialen nicht gelingen, die vom Blitz des Urteils Vernichteten einfach abzuleugnen. Denn der klagende Dr. Klotzberg ist derselbe Gemeinderat Klotzberg, der dem Bürgermeister Lueger die Luftpolster auf dem kärntischen Stuhl im Bedarfsfalls richtet und daher die Bezeichnung Bedientenhaftigkeit aus dem Gerichtssaale wegtragen mußte. Der engste Rathauskreis ist es, der vom Scheinwerfer des Wahrheitsbeweises beleuchtet wurde, christlichsoziale Paladine zeigten dem Volke ihre Heldengestalt. Jetzt gewinnt erst der Jude an Humor und Bedeutung, der zum Gaudium des antisemitischen Pöbels im Festzug mitging. Hinter der Wallensteingruppe beschloß den Troß jener Typus, denn die antisemitische Presse der Bevölkerung täglich und stündlich vormalt. Weit hinaus ragte die Nase, die Schläfenlocken baumelten im Winde, eifrigst redeten die Hände pantomimisch über Profit und die ganze Gestalt von dem zerbeulten Zylinder bis zu den schmutzigen Stiefeln herunter ein Bild der Schäbigkeit. Gewiß, wir haben solche Gestalten. Wir sind ein Volksstamm wie jeder andere und haben durchaus nicht lauter tadellose Exemplare. Aber man ließ nicht als Vertreter der Slovaken einen verlausten Rastelbinder mitziehen, als Repräsentanten der Tschechen einen diebischen Musikanten, einen Kropfigen für die Alpenländer. Die 700.000 jüdischen Staatsbürger Oesterreichs aber glaubte das famose Komitee vor den Augen des Monarchen, der ersten Staatswürdenträger und Persönlichkeiten bei der feierlichen Gelegenheit ohneweiters verhöhnen zu können, obwohl der Kaiser selbst die Loyalität und die bürgerlichen Tugenden der Juden mit den schmeichelhaftesten Worten anerkannte. Schon die historische Wirklichkeit kennzeichnet die Aufführung des Handlejuden als bübisch. Denn gerade die Wallensteinzeit war es, in welcher der Jude Treuenfels für tapferes und patriotisches Verhalten vom strengkatholischen Ferdinand geadelt wurde. Aber das genierte den Künstler wenig, der die Gruppe zusammenstellte. Vielleicht wollte er einen Racheakt an einem jüdischen Lieferanten ausführen, der nicht mit gefüllten Händen ge-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.