Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 42 (15.10.1909)
- Date
- 1909-10-15
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Seite 730 Dr. Blochs Wochenschrift. Jtt. 42 das Buch fallender Sonnenstrahl ruft und lockt ihn hinaus auf die Straße. Die llhr zeigt ein Viertel auf zehn; bis zur Frühstückszeit sind es noch drei Viertelstunden, und die llhr geht so schrecklich langsam. „Mama hat gesagt, daß ich heute früher nach Hause kommen soll", flüstert Isaak. Er lügt. Die Mutter hat ihm nichts derartiges gesagt. Als er heute, um acht Uhr früh, eine alte Frau in der Küche erblickte, die eben damit beschäftigt war, Fische zu hacken, war er sehr erstaunt und fragte, was das bedeuten solle? Darauf sah die Alte ihn unfreundlich an und begann, um von ihm nicht verstanden zu werden, mit seiner Mutter polnisch zu sprechen. Einen Augenblick spater schickte die Mutter das Dienstmädchen zum Kaufmann Mendel mit der Frage, wann er fahren werde? Das Dienstmädchen brachte die Antwort: „Mit dem Fünfuhrzuge." „Dann hat's noch Zeit; du kannst in den Cheder gehen", sagte die Mutter. Und Isaak ging. Er ging traurig und gedrückt, denn er hatte verstanden, daß seine Mutter heiraten werde. Aber er wußte es nicht mit Bestimmtheit, und wunderten ihn auch die Worte: „Dann hat's noch Zeit". Und jetzt sitzt er im Cheder unruhig und betrübt, und die Zeit scheint ihm endlos lang. Der Nebbe glaubt seinen Worten und sagt, er solle nur den Abschnitt zu Ende lesen. Isaak nimmt seine ganze Energie zusammen, strengt seine Gedanken an, vertieft sich in das Buch. Er liest und ist mit sich zufrieden, als ihn der Rebbe plötzlich unterbricht: „Isaak, sag' der Mutter, sie soll mir den Monat bezahlen. Wie viel Tage im Monat haben wir heute? Chane, reich' mir den Kalender!" Die Frau des Rebbe tritt an den Tisch, und das Tuch, das ihr über die Augen fällt, in die Höhe schiebend, ruft sie mit zorniger Stimme: „Natürlich! Die liebe Lhawele! Wer kennt sie nicht? Sie läuft schon, um dir zu bezahlen! Aber dir ist's ganz recht so! Ackere umsonst mit diesen Schlingeln! Umsonst soll man sie noch unterrichten! Sie muß aber ein neues Seidenkleid zur Trauung haben. . . Ia, sie läuft schon, sie zahlt dir schon! . . ." Und Chane schreit und flucht, und wirbelt mit den Händen in der Luft umher, als wolle sie alle Flüche auf Isaaks Haupt ausschütten. Der Knabe jedoch weiß jetzt schon mit aller Bestimmtheit, daß seine Mutter heiratet, und seine Unruhe steigert sich. Dieses, und die Reise nach Warschau, und das Fluchen der Frau des Melameds, — alles zusammen bildet ein Chaos von verschiedenen Gefühlen, infolge deren Isaak so rasch als möglich aus der Schule nach Hause möchte. Flehentlich blickt er den Lehrer an, dieser jedoch fordert, — da er seine Frau loswerden will, — daß Isaak bis zum Ende des Abschnittes lese. Isaak will sich Zwang antun, aber seine Gedanken sind ungehorsam, sein Herz fängt stärker zu klopfen an und plötzlich bricht er in lautes Weinen aus. Erstaunt sehen seine Kameraden einander an,' tiefe Stille; man hört nur das Ticktack der Wanduhr; sogar der Fluch auf Chanes Lippen ist verstummt. „Weine nicht, Isaak", unterbricht der Rebbe das Schweigen, „weine nicht. In Warschau gibt es viele gute Lehrer. . . Du wirst dich gut betragen. . . Nu, geh' schon und vergiß nicht, der Mutter zu sagen, daß sie mir die Zahlung für einen Monat schuldig ist." Die Frau des Rebbe brummt noch etwas leise vor sich hin, aber Isaak achtet dessen nicht mehr. Im Nu, die Augen mit dem Aermel trocknend, hat er das Zimmer verlassen. Ein schöner Sommermorgen. Die Füße laufen von selbst und das Herz sehnt sich danach, die drückende Last abzuwerfen. Von weitem erblickt Isaak einen seiner Schulgefährten, den dreizehnjährigen, ob seiner schlimmen Streiche bekannten Schmul. „Schmul, Schmul!" ruft Isaak mit lauter Stimme, „weißt du, meine Mama heiratet!" In demselben Augenblick jedoch erschrickt er über seine eigenen Worte. Eine Art Beschämung ergreift ihn. „Bäckt man schon Kuchen?" frägt Schmul. „Ich weiß nicht", antwortet Isaak. „Aber man bäckt; natürlich bäckt man", sagt Schmul mit Ueberzeugung. „Bring' mir von dem Hochzeitskuchen,- Isaak, gut? Du wirst sehen, ich gebe dir schon was dafür." „Ich fahre nach Warschau", antwortet Isaak mit einem gewissen Stolz. Er möchte Schmul loswerden und nach Hause eilen, wie zum Possen jedoch hält letzterer ihn fest. „Laß' mich in Ruhe", ruft er Endlich voll Ungeduld, „du glaubst, ich bin so ein Dieb wie du!" Ein gewaltiger Fußstoß bildete die Antwort Mf die freundliche Bemerkung. Dann lief Schmulchen eiligst davon und Isaak humpelte in der Richtung seines Hauses. (Fortsetzung folgt.) Literatur. Die Menschenopfer der alten Hebräer und der benachbarten Völker. Ern Beitrag zur alttestamentarischen Religionsgeschichte. Von P. Dr. Evaristus Mader 3. D. 8., Professor der Exegese am Priestersemmar zu Tivoli (Rom). (Biblische Studien XIV, 5. und 6. Heft.) 8° (XX und 1k8) Freiburg und Wien 1909, Herdersche Verlagsbuchhandlung. Mk. 5.60, Kr. 6.72. Der Verfasser hat sich zur Aufgabe gesetzt, die Stellung des Alten Testamentes zum Kult der Menschenopfer zu prüfen und hat mit großer Gelehrsamkeit und mit gründlicher Kritik nicht bloß die biblischen Dokumente einer Prüfling unterworfen, sondern auch die Literatur der Egypter und der Keilinschriften herangezogen, um ihre Einflüsse auf die alten Hebräer festzustellen und das Ausmaß dieser Einflüsse wissenschaftlich darzulegen. Bei Eghptern und Babyloniern findet man keine Spur von Menschenopfern, und wollte man diesen Kultus den Hebräern zusvrechen, so müßte man sie noch tief unter dem Kultur- Ntveau jener Völker einschätzen. Hier setzt nun die Untersuchung ein und zieht zum erstenmal eingehend alle außerbiblischen Parallelen herbei, die auf Ursprung, Wesen und Geschichte des Molochdienstes ein Licht werfen können. In vier ausgedehnten Kapiteln werden die Menschenopfer der Egypter, Babylonier, Assyrier, Sabier, Arabier, Kananäer, Phönizier. Karthager, usw. untersucht, bezw. vielfach erst nachgewiesen und ihre Beziehungen zum hebräischen Molochkult festgestellt. Die hierbei gewonnenen Resultate sind teils recht überraschend; so stellt z. B. die Untersuchung im ersten Kapitel fest, daß für kein Volk des klassischen Altertums die Menschenopfer so gut dokumentiert sind als für die Egypter, obgleich man bei ihnen bis jetzt keine Svur von solchen Opfern zu finden wähnte. Das vierte Kapitel des ersten Abschnittes befaßt sich besonders eingehend mit den Beziehungen des phönizischen Melkartkultes zum Molochdienst, indem es nachweist, daß die phönizischen Menschenopfer nie dem Melkart galten, sondern dem Gotte Kronos, der selbst aber unmöglich mit Melkart (Herakles) oder Moloch identifiziert werden darf. Der zweite Abschnitt behandelt die hebräischen Dokumente und die Stellung des orthodoxen Jahvekult zum Menschenopfer und gelangt zu folgendem Resultate: „Die richtige Auslegung von Ez. 20, 25 k, sowie des Gebotes der Erstgeburt und des Kriegsbannes zeigt, daß es ungerecht ist, die Menschenopfer als legitimen Jahvekult auszugeben ,S. 109—137) Im Gegenteil beweisen die scharfen Pentateuchgesetze sowie die energische Stellung der Propheten gegenüber dem Molochdienst, daß der orthodoxe Jahvismus die Menschenopfer zu allen Zetten perhorreszierte und als heidnischen Götzendienst ansah (137—146). Keines der biblisch bezeugten Fakta von Menschenopfern ist derart, daß es einen Beweis für die Vereinbarkeit dieser Opfer mit dem echten Jahvedienst abgeben könnte (S. 146—178). Die definitive Abschaffung der Menschenopfer in Israel kann nicht auf den bloßen Einfluß persischer Zivilisation zurvckgeführt werden, sondern hat ihren tiefsten Grund in der scharfen Polemik und in dem unerbittlichen Kampf, welchen die geistesmächtigen Propheten gegen den Greuel eröffneten, und besonders in der speziellen Führung, welche die göttliche Providenz dem auserwählten Volk zuteil werden ließ (S. 170 f.).«