Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-10-15 · 42 (15.10.1909) · page 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
42 (15.10.1909)
Date
1909-10-15
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3020846-3021818-3021861--18712-3043655
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Sette 724 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 42 hier im Dienste einer großen,'einer heiligen Mission! Uns war es nicht etwa darum zu tun, in dem Getriebe der vielen Vereine ein neues Glied zu bilden, sondern find unsere Bestrebungen durch der Zeiten Not und Ungunst ins Leben geruseu worden! Die traurige Tatsache, daß wir Zweig auf Zweig von unserem alten ehrwürdigen Glauben fallen sehen, daß wir sehen, wie sehr nicht allein der Unglaube, sondern direkt die Feindseligkeit gegen das Judentum in unserer jüdischen Gesellschaft von Tag zu Tag größere Dimensionen annimmt, mußte uns dazu bestimmen, irgend ein Milieu zu schaffen, von dem aus dieser gefährlichen Strömung durch allerlei Reformen — ein Damm gesetzt werden könnte. Wenn wir fragen, wer denn eigentlich diese Erzfeinde find, die uns bekriegen, so müssen wir die Antwort vernehmen, daß es in erster Reihe die Frauen find, diejenigen, die dazu berufen wären, in ihrer Kinder Herzen all jene Samenkörner der Moral, all jene erhabenen Gefühle auszustreuen, die mit dem Gottesglauben aus einem Stamme erblühen. Darum bildet es einen der Hauptmomente unseres Programmes, die Frauen teils aus ihrer gegnerisch-feindseligen Position herauszulockcn, teils sie aus ihrer Indolenz aufzurütteln, damit wir auch sie zu Schutzgeistern unserer Religion zu erziehen vermöchten, gleich den Frauen anderer glücklicherer Konfessionen, die für ihren Glauben nicht Mein von Begeisterung erfüllt find, sondern auch leidenschaftliche Propaganda für ihn machen. Darum erweist es sich als unsere dringendste Pflicht, vor allem den Religionsunterricht derart zu reformieren und ihn auf ein derartiges Niveau zu heben, daß er in der Seele des Kindes unauslöschliche Spuren hinterlasse, solche Spuren, die keine wie immer gearteten äußeren Einwirkungen zu vertilgen vermöchten. Denn nur in der bisherigen mangelhaften religiösen Erziehung, die es unterließ, unseren Frauen den hohen ethischen und moralischen Wert unserer Religion genügend vor Augen zu führen, ist in erster Reche jener Grund zu suchen, daß uns dieselben in solch hohem Grade entfremdet wurden. Das gefährliche Prinzip des „ni Dien ni meütre'*, in welchem man heute die Kinder mit Vorliebe zu erziehen bemüht ist und das sich speziell für unsere Jugend als geradezu verhängnisvoll erwiesen, gereicht nicht allein unserer Konfession zum Schaden, sondern rächt sich an den Eltern selbst, da es ihre Autorität beeinträchtigt und hauptsächlich die Wärme des Familienlebens abschwächt. Dieses sowohl wie die Erziehung der Kinder können jenes kräftigen Haltes nicht entbehren, die wir im Glauben allein zu finden im Stande sind. Nur dieser vermag die Liebe zur Tugend und Moral und den Altruismus unserer Seele einzuprägen. Die von unseren Frauen so oft geführte Klage, als könnten unsere kalte nüchterne Religion ebenso wie unsere kalten nüchternen Tempel mit den' warmen Kirchen der Christenheit den Wettstreit nicht aufnehmen, ist heutzutage ganz und gar unbegründet, weil auch unser Gottesdienst so schön und erhebend ist, daß er selbst die Fremdgläubigen zur Bewunderung hinreißt und daher höchstens nur noch der Kürzung oder Eliminiernng einzelner Gebete bedarf. Auch wäre in Bezug auf gewisse Gebete zu wünschen, daß sie in ungarischer Sprache vorgetragen werden könnten. Wir unsererseits glauben unentwegt an die nach jeder Richtung hin hervorragenden Eigenschaften der jüdischen Frau, die sie gar oft zum Heile unserer Konfession zu verwerten wußte uud die sie hoffentlich auch jetzt wieder einmal zum Frommen unserer Religion fruktifizieren dürfte. Es gilt, meine Damen, in Zukunft nicht nurAtheisten zu erziehen, die mangels jedenMaubensballastes umso leichter in das Lager der Renegaten h'inübergleiten, sondern gläubige, von wahrer Nächstenliebe durchtränkte ungarische Juden, die ihren Glauben uud ihr Vaterland gleichmäßig zu lieben fähig find. Dies edle Streben bilde in Zukunft unserer Frauen Ideal und gebe ihnen die Kraft, das musterhafte gottesgläubige Familienleben ftüherer Zeiten zu neuer Blüte zu erwecken!" Romantik bei Entführung jüdischer Mädchen ins Kloster. Zwei recht merkwürdige Fälle von Entführung jüdischer Mädchen in Galizien lassen einen Einblick gewähren in das tiefe Elend, in welchem sich die Juden und besonders die jüdischen Mädchen in Galizien befinden. Wir lassen hier die Berichte folgen, wie sie uns zugekommen find: 1. Mädchenhändler retten ein jüdisches Mädchen vom Kloster. Am Vorabend des Neujahrsfestes ereignete sich in Krakau der merkwürdige Fall, daß ein jüdisches Mädchen der Konkurrenz zwischen einem Mädchenhändler und einem Agenten des Klosters der Felicianerinnen es zu danken hatte, daß sie von beiden befreit und von der Polizei zu ihren Eltern zurückgebracht wurde. Der Fall trug sich folgendermaßen zu: Vor einiger Zeit überredeten einige Bauern des Städtchens Nowy-Targ in Westgalizien ein jüdisches Mädchen nach Krakau zu entfliehen und sich dort taufen zu lassen. Einige Tage vor dem Neujahrsfeste teilte nun der dortige Pfarrer dem Kloster der Felicianerinnen mit, daß ihm sein Vorhaben gelungen und daß das Mädchen in zwei Tagen nach Krakau gebracht werde. So war es auch. Das Mädchen stahl ihrem Vater dessen ganze Barschaft und verschwand. Ihre Eltern suchten nach ihr alle umliegenden Ortschaften ab, konnten sie aber nirgends finden. So kam der Vorabend des Neujahrsfestes und die unglücklichen Eltern waren sich darüber klar, daß das Mädchen sich im genannten Kloster in Krakau befinden müsse und sie begaben sich dorthin. Wie vorauszusehen war, wurde ihnen der Eintritt ins Kloster verweigert. Den ganzen Tag standen sie vorm Klostertore, aber man öffnete ihnen nicht und antwortete nicht auf ihre Fragen. Gegen Abend hörten sie, wie die Klosterfrauen sich am Toreingange über das Mädchen miteinander unterhielten und im Gespräche die Lubiczgasse nannten. Die Eltern entnahmen diesem Gespräche, daß das Mädchen sich nicht im Kloster befinde, sondern in der Lubiczgasse verborgen gehalten werde. Sie gingen zur Polizei und baten, ihnen Wachleute beizustellen, um ihr Kind in der genannten Straße aufzusuchen. In der Lubiczgasse befindet sich die Agentur einer Schiffahrtsgesellschaft. Hier erfuhr nun die Polizei, daß ein Bauer für einige Mädchen Schiffskarten nach Amerika bestellt habe. ES war nun klar, daß Mädchenhändler im Spiele waren. Die Nachforschung ergab denn auch, daß das Mädchen sich in Dembnik, einem kleinen Dorfe neben Krakau, im Hause eines dortigen Bauern eingeschloffen befinde. Der Vater des Mädchens begab sich in Begleitung von Polizeibeamten nach Dembnik und fand dort das Mädchen. Als sie ihren Vater erblickte, lief sie ihm mit freudigem Aufschrei entgegen und dankte ihm, daß er sie aus großer Not befreit habe. Denn sie hatte sich tatsächlich in großer Not befunden. Es stellte sich nun heraus, daß der Bauer aus dem Heimatsorte sie tatsächlich mit der Absicht entführte, sie ins Kloster zu bringen. Unterwegs ließ er sich aber von einem bekannten Bauern in Dembnik überreden, sie ihm zum Verkaufe mit anderen Mädchen nach Amerika zu überlassen, was auch als „Geschäft" einträglicher sei. Die beiden Bauern wurden verhaftet und das Mädchen ihren Eltern übergeben. Diese Affaire führte übrigens zur Aufdeckung einer aus Bauern bestehenden Mädchenhändlerbande. 2. Zwei jüdische „Köpenick's" im Kloster. Ein polnisches Blatt erzählt die folgende Geschichte: Vor zwei Monaten erschien im Lemberger Kloster ein jüdisches Mädchen und erklärte sich taufen zu lassen. Die Oberin nahm natürlich den von selbst zugeflogenen Vogel mit Freuden auf. Der Vater des Mädchens strengte bald darauf gegen seine treulose Tochter einen Prozeß an, indem er behauptet, daß sie ihn vor seiner Flucht ins Kloster bestohlen habe. Das Mädchen wurde fteigesprochen, der Vater mit der Klage abgewiesen, weil er sich angeblich an seiner Tochter „bloß rächen wollte". Vor acht Tagen erschienen nun im Kloster zwei Herren in Polizeiuniform, die Brust mit Orden bedeckt und zeigten der Oberin

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.