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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-10-15 · 42 (15.10.1909) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
42 (15.10.1909)
Date
1909-10-15
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 42 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 735 einen Auftrag der Polizeidirektion vor, das betreffende Mädchen in einer Angelegenheit zur Polizei zu bringen. Die beiden Herren, die die Uniform hoher Funktionäre trugen, machten auf die Oberin solchen Eindruck, daß sie ihnen das Mädchen ohneweiters übergab. Das Mädchen kam nicht mehr zurück. Es hat sich herausgestellt, daß 'bie Oberin mystifiziert wurde. Die Herren, die das Mädchen abholten, waren keine Polizeibeamte. Nun meldet das polnische Blatt, daß die Gendarmerie das Mädchen im Elternhause gefunden hatte und diese nun nicht wußten, was sie mit ihm anfangen sollten, da es inzwischen wieder zum Judentume übergetreten sei. Merkwürdigerweise hat die Lemberger Polizei verfügt, das Mädchen in sicheren Gewahrsam zu bringen. Die Angelegenheit wird um so komplizierter, als ein antisemitisches polnisches Blatt den jüdischen Reichsratsabgeordneten Dr. Gold und den bekannten Zionistenführer Dr. Waldmann aus Tarnopol beschuldigt, den Polizeitrick ausgeführt zu haben. Schon diese Zusammenstellung zeigt, daß diese Behauptung falsch ist. Jedenfalls sieht man in Galizien dem weiteren Verlaufe der Angelegenheit mit lebhaftem Jntereffe entgegen. Lemberg. Sonntag den 10 d. M. fand unter Teilnahme einer illustren Gesellschaft die feierliche Einweihung des vom hiesigen Rigorosantenvereine in Lemberg, anläßlich des 60jährigen Regierungsjubiläums des Kaisers mit einem Kostenaufwande von zirka 200.000 Kronen errichteten jüdischen Hochschülerheimes statt. Das in maurischem Stil gehaltene, mit allem Komfort (elektrische Beleuchtung, Zentralheizung) eingerichtete zweistöckige Haus wird etwa 100 Studenten Unterkunft und billige Verpflegung bieten, außerdem werden eine Lesehalle, ein Turnsaal u. dgl. Raum finden. Um das Zustandekommen dieses schönen Werkes haben sich nebst vielen Spendern kaiserl. Rat Jakob Stroh durch die munifizente Schenkung des Bauplatzes; der Vorstand der Lemberger Kultusgemeinde durch ausgiebige materielle Mithilfe; ferner Eisenbahninspektor Atlas, der die technische Seite des Baues uneigennützig leitete, ganz besonders jedoch der Präses des Rigorosantenvereines Dr. Emil Sommerstein verdient gemacht, welch letzterer während seiner 3jährigen Wirksamkeit eine an Aufopferung grenzende, fieberhafte Tätigkeit entfaltete, um die großen, teilweise in den lokalen Verhältnissen begründeten Schwierigkeiten aus dem Wege zu räumen, an denen die Sache zu scheitern drohte. Einige jüdische Schädlinge bemühten sich vergebens durch Denunziationen in antisemitischen Blättern auf den angeblich separatistischen Charakter der Institution zu verweisen. Der eigentlichen Feierlichkeit ging eine im Tempel stattgefundene Gedächtnisfeier für die verstorbenen Mitglieder des Vereines voran. Rabbiner Dr. G u t t m a n n hielt eine tiefempfundene Ansprache, worauf er die Namen der Verstorbenen, darunter auch den des Vereinsgründers Abgeordneten Dr. Byk verlas. Im Hause selbst fanden sich um die festgesetzte Stunde ein: der Vizebürgermeister der Stadt Lemberg Doktor A s z k e n a s e, die Reichsratsabgeordneten Breiter, Doktor Gabel und Stand, die Landtagsabgeordneten Dr. R i t t e l und S a a r e, Polizeirat W e n z in Vertretung des Statthalters, Landesausschuß K i w e l u k, der Präses der jüd. Kultusgemeinde Dr. Schaff mit dem Vizepräsidenten Dr. C z e s z e r und vielen Mitgliedern der Repräsentanz, der Präsident der Handels¬ und Gewerbekammer Samuel v. H o r o w i tz, die Gemeinderäte B e i s e r, Dr. v. H o r o w i tz und I o n a s z, der Präsident des zionistischen Zentralkomitees Dr. Ringel, die Religionsprofessoren Dr. Hausner, Dr. S ch o r r, Dr. B a l l a b a n, Dr. Tauber, Dr. Freund, der Sekretär der Kultusgememde Dr. P e s ch e s, die gewesenen Präsidenten des Rigorosantenvereines, Abordnungen vieler bürgerlicher und humanitärer sowie fast sämtlicher studentischer Vereine und ein zahlreiches Publikum. Vizebürgermeister Dr. A s k e n a s e begrüßte die Versammlung im Namen des Ehrenkomitees, worauf Präses Dr. Sommerstein in einer Ansprache den Werdegang des Hauses skizzierte. Nun folgte die religiöse Weihe, die Rabbiner Dr. Guttmann mit einer Festpredigt einleitete, die er mit einem innigen Gebet für das Haus- und dessen zukünftige Bewohner beschloß und gleichzeitig unter Segenssprüchen die „Mesusa" an den Pfosten anbrachte. Oberkantor Holpern, assistiert vom gesamten Tempelchore, stimmte nun einen Festpsalm an, woraus Gemeindepräses Dr. Schaff die Glückwünsche des Kultusvorstandes zum Ausdrucke brachte. Das Schlußwort hatte Reichsratsabgeordneter Stand. Ein vom Schriftführer verlesenes Telegramm aus der Kabinetskanzlei des Kaisers wurde mit Hochrufen auf den Monarchen begrüßt. Ausschreitungen der Przemysler Polizei. Aus Przemysl in Galizien wird uns geschrieben: Der hiesige Magistrat ließ gerade am Jomkippnr unmittelbar vor der großen Synagoge lärmvolle Pflasterungsarbeiten vornehmen. Als mehrere Juden darüber ihre Entrüstung ausdrückten, daß der Gottesdienst am höchsten jüdischen Feiertage rücksichtslos gestört werde, wurden sie von den Arbeitern und dem in der Nähe postierten Wachmann blutig geschlagen. Die hindurch entstandene Rauferei nahm solche Dimensionen an, daß die Arbeiter, unterstützt von den Polizisten, sogar in die Vorhalle der Synagoge drangen, wo sie mehrere, in Leichengewändern und Tallis betende, ältere Juden überfielen und nicht unerheblich verletzten. Reichsratsabgeordneter Dr. Liebermann, dem der Unfall mitgeteilt wurde, hat über das empörende Verhalten der Polizei einen ausführlichen Bericht an das Ministerium nach Wien gesandt und die exemplarische Bestrafung der Exzedenten gefordert. Regierungs-Antisemitismus in Ungarn. Aus Dembau im Marmaroser Komitat wird geschrieben: In dem nicht weit von hier gelegenen Dorfe Deutsch-Mokre herrschen die eigentümlichsten Verhältnisse. Laut gerichtlichem Urteil (?) steht dem Ackerbauministerium das Recht zu, sämtliche Häuser des Dorfes gegen Bezahlung zu expropriieren. Daselbst wohnen 6 jüdische Familien, die der staatliche Oberförster zur Auswanderung zwingen will. Behilflich ist ihm hiebei der neue röm.-katholische Geistliche. Hinsichtlich zweier Glaubensgenossen ist ihnen das antisemitsche Vorhaben leider schon gelungen. Der eine von beiden ist ein seit 40 Jahre im Dorfe lebender, siebzigjähriger Greis, der für das in seinem Hause gewesene Beth- Hamidrasch zwei Sifte Thora schreiben ließ. Bor vier Monaten nun hat der Oberförster durchgesetzt, daß der Staat das Haus des alten Mannes zwangsweise ablöste und der Besitzer wurde auch an einem Freitag unbarmherzig auf die Straße gesetzt. Ueberdies hat der Oberförster allen Bewohnern des Dorfes unter Androhung der zwangsweisen Ablösung ihrer Häuser strengstens verboten, dem alten Juden eine Wohnung zu vermieten. Hierdurch hat der arme Greis, der die geringe Ablösungssumme zur Bezahlung seiner Schulden verwenden mußte, auch seine an dieses Haus gebundene Geschäftskonzeffion, d. h. also seinen ganzen Erwerb verloren. Er hatte flehentlich gebeten, er verzichte auf die Ablösungssumme, nur möge man ihm noch während der kurzen Lebenszeit, die einem Siebzigjährigen beschieden, in seinem Hause belassen, doch vergebens! Der arme Mann, der seit 40 Jahren sich im Dorfe redlich ernährte, wurde brotlos und obdachlos gemacht. Aehnlich erging es einem zweiten Juden, der ein kleines Gemischtwarengeschäft inne hatte, auch dieser mußte brotlos gemacht das Dorf verlassen. Die anderen drei Juden erwartet das gleiche Schicksal. Kojetein i. M. Die tschechenfeindlichen Verordnungen der Christlich-Sozialen in den niederösterreichischen Schulangelegenheiten haben auch hier ihr nmhhaltiges Echo gehabt. Vor einigen Sonntagen fand hier eine öffentliche Volksversammlung statt, in welcher unter anderem auch gegen die Juden heftig losgezogen wurde, wie wenn ihnen die Hauptschuld an allem beizumessen wäre. Die Reichsrots- und Landtagsabgeordneten hielten förmliche Hetz- und Brandreden. Trotzdem die sehr wenigen Juden (die jüdische Gemeinde nämlich befindet sich schon am Aussterbe-Etat) hier sämtlich im tschechischen Kataster eingetragen find, werden sie gesellschaftlich boykottiert und insof .ne sie nicht Millionäre sind, wie Redlich, als Feinde angesehen. Am meisten hat darunter der Rabbiner zu leiden. Die frühere Judengaffe, in welcher sich seine Naturalwohnung befindet, ist heute schon judenrein; dagegen hat sich dort der niedrigste Pöbel eingenisiet. Die hoffnungsvolle, christliche Jugend bewirft den Tempel mit Steinen, schlägt darin die Scheiben aus, am liebsten am „Kol Nidre"-Abend, während deren Eltern sich vergnügt die Hände reiben. Jüngsten Sonntag wurde hier der vom Tempel nach Hause zurückkehrende Rabbiner Dr. K. Kupfer vom rohesten Pöbel grundtos angefalle», mit de» un-

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