Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 42 (15.10.1909)
- Date
- 1909-10-15
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 622 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 42 werden, die nach der Zusammensetzung der Bevölkerung den Juden zweifellos eine angemessene Vertretung im Landtage sichern würden. Der Einwendung, daß durch die Zuweisung der Juden in eine Zwangsgemeinschaft mit den Deutschen das von der Regierung betonte Prinzip der Unabhängigkeit politischer Rechte von der Konfession gerade am meisten verlöt werde, weil sie den sich national zu den Polen oder Ruthenen zählenden Juden die Ausübung des Wahlrechtes nach eigenem Willen vollkommen verwehrt, begegnete der Minister mit dem Hinweise darauf. daß der Entwurf lediglich eine Zusammensetzung der Juden ohne Rücksicht auf ihre nationale Gesinnung vorsehe so daß der Regierung auch der borgeschlagene Ausweg, den Juden die Wahl in irgend einer nationalen Kurie, die eigene Kurie inbegriffen, fteizugeben, nicht gangbar erscheine. „Man traut wahrhaftig seinen Ohren nicht, man fühlt sich um Jahrzehnte zurückversetzt, in die Zeiten, da man den „Antisemitismus" noch als einen „Schandfleck des Jahrhunderts" erklärte und jeden Antisemiten so zu behandeln pflegte, als ob er durch seine Gesinnung gesellschaftlich minderwertig geworden wäre. Was aber die Antwort des Freiherrn v. Haerdtl in einem gar so merkwürdigen Lichte erscheinen läßt, das ist der Umstand, daß die Forderung nach der Schaffung einer eigenen jüdischen Kurie in der Bukowina, also einer Art von politischem Ghetto, nicht etwa von der arischen Bevölkerung, von den Antisemiten, ausgegangen ist, sondern daß die Juden selbst die Absonderung wünschen. Wie könnte also von einer „Feindseligkeit gegen die Juden" gesprochen werden, wenn der Petition des Jüdischen Nationalvereines Folge gegeben werden würde? Es lag also in diesem Falle wirklich kein Grund zu einer philosemitischen Kundgebung vor, wie man sie in der Antwort des Ministers Baron Haerdtl erblicken muß. So wie man logischerweise von niemand verlangen kann, daß er päpstlicher sei als der Papst, ist es auch durchaus nicht notwendig, jüdischer zu sein oder zum mindesten jüdischer zu fühlen, als die Juden selbst!" Soweit Herr B e r g a n i! Das „Deutsche Volksblatt" druckt dann aus dem offiziellen Organ der „B runn eri an er" einen Schmäh- und Schimpfartikel: „An den Pranger" wörtlich ab.. Wir zitieren aus diesem gemeinsamen Erguß des „D. V." und der „Luzionisten" folgende Stilblüte: „Wagte es der Don Quichotte des Wiener Kaijuden* tums, der Clown des Parlamentscouloirs, der abgeblitzte Gratulant, seine dünnen Aermchen in die Speichen eines rollenden Rades zu stecken? Unternahm wirklich das zur Lächerlichkeit, Ohnmacht und zum schmählichen Untergange verdammte Assimilantentum einen perfiden, volksverräterischen Angiff gegen die Forderung von Hunderttausenden? Ist es möglich, das die häßliche, widerliche Karikatur des degenerierten Judentums die „Chuzpe" aufbrachte, in seniltrotziger Greisenhaftigkeit gegen eine Bewegung anzukämpfen, die das Judentum auf neue Grundlagen gestellt hat? Hat das Klüngel des Wiener Kahals, dessen „Exekutive" Herr Kuranda nnd Herr Bloch darstellen, noch nicht erkannt, daß ihre Stunden gezählt find? Fordert es wirklich zu einem Kampfe heraus, der nur mit seiner vollständigen Vernichtung enden kann? Da stand es deutlich zu lesen! Es kann kein Zweifel obwalten, daß Herr Kuranda, von Herrn Dr. Stern dirigiert, bereits die Beine gestreckt hat, um zu „schreiten". Manschet griff zu einem hinterlistigen Schlage aus! An dieser Sprache der Wiener Brunner-Leute, welche sich — wir wissen nicht, mit welchem Recht — „Zionisten" nennen, aber eigentlich „Luzianisten" find, hat das „Deutsche Volksblatt" natürlich sein Bchagen nnd gibt es weiter seinen anti- ' semitischen Lesern zur fteundlichen Kenntnisnahme. Man mag! zur nationalen Frage welchen Standpunkt immer einnehmen, — wir selber haben es bisher sogar vermieden, zu den Kurien st reit Stellung zu nehmen, und gewähren grundsätzlich den Vertretern aller Parteischattierungen Raum zur Verteidigung ihrer Anschauungen und Prinzipien — die moralische Verlotterung, die Roheit der Sprache, die Verpöbelung des Tones, die Art oder sagen wir richtiger die Unart, in welcher junge Menschen, die vom Judentum nicht die geringste Ahnung haben, über wohlverdiente, im öffentlichen Leben ergraute Männer, über den Sohn eines JgnatzKuranda, herfallen, wird jeden gesitteten Menschen anwidern; sie ist aber auch kennzeichnend für die sogenannte „Partei" unter der glorreichen Führung des Herrn L u z i a n B r u n n e r. Man begreift, warum das Wiener Judentum bei j?der Wahl diese Brunner-Leute mit ihren geschmacklosen und kindischen Rodomontaden, Fanfaronaden und Aufschneidereien schmählich abblitzen läßt. Demonstration der Luzionisten. Für Montag dm 11. d. M., abends, hatte der sogenannte „Jüdische Nationalverein" die jüdischen Wähler des Kaiviertels in den Souterrainlokalitäten des Cafe Concordia am Concordiaplatz zu einer Versammlung einberufen, in der gegen die Haltung der Regierung und des Abgeordneten Hofrates Kuranda in der Bukowinaer Wahlreformfrage protestiert werden sollte. Unter den Anwesenden bemerkte man wenige Wähler des Herrn Hoftates Kuranda — meistens waren es junge Leute, aus den Bezirken der Peripherie, die ein Wahlrecht noch nicht besitzen und jedenfalls nicht in der Inneren Stadt, im Wahlbezirke Kurandas. Trotzdem die „Parteigenossen" also unter sich waren, halte es an ausgiebigen Skandalen nicht gefehlt; es hagelte Schimpfworte und Schmähungen zwischen den orthodoxen Luzianisten und jenen „Jüdisch-Nationalen", welche nicht für die Messianität und Herrlichkeit Luzians I. schwärmen. Gegen Hofrat Kuranda indessen richtete sich die Wut Aller. Hoftat Kamillo Kuranda setzt sich für alle jüdischen Belange und Interessen mit Eifer und Hingebung ein; für die staatsbürgerliche Gleichstellung der bosnischen Juden, für die Schaffung einer eigenen jüdischen Wahlkurie neben den katholischen und muhamedanischen Kurien in der Verfassung des bosnischen Landtages hat Hofrat Kuranda unseres Wissens im Monate Juni mit Nachdruck und Erfolg interveniert. Gegen den jüdischen Kataster in der Bukowina aber hat er nur im Sinne großer jüdischer Organisationen in Wien Einspruch erhoben. Z. B. die Leitung des Vereines „O e st e r r.-J s r. Union" hat in einer eigenen Resolution gegen den Versuch eines jüdischen Katasters in der Bukowina protestiert. Von alldem wurde in der Versammlung nichts erwähnt. Die Referenten Luzian Brunner, Dr. Jakob K o h n, Ing. Fried und andere ergriffen nacheinander das Wort. Die Versammlung nahm eine Resolution an, in der Abgeord. Kuranda aufgefordert wurde, sein Reichsratsmandat niederzulegen. Als einer der Anwesenden, der zufällig Wähler des Hofrates K u r a n d a ist, das seltsame Vorgehen kritisierte, daß Leute, die nicht zum Wahlbezirk eines Abgeordneten gehören, sich herausnehmen, ihn zur Rechenschaft zu ziehen und mit einem Mißtrauensvotum zu bedrohen, wurde er unter wütenden Schmähungen niedergeschrieen. Nach der Versammlung zogen einige Teilnehmer über Aufforderung des Herrn Luzian Brunner unter der Führung eines sicheren Poldi Ssitzmann vor das Gebäude der „Neuen Freien Presse", die einen im Sinne des Herrn Abg. Kuranda gehaltenen Artikel des Hofrates Gomperz publizierte, und vor das Haus III., Dapontegasse 2, in dem Dr. Kuranda wohnt, und demonstrierten durch gellende Pfiffe und Pfuirufe. Die Polizei trieb die Demonstranten auseinander. Wie er sich räuspert, wie er spuckt, Hat man dem Arier abgeguckt. Nach Schluß der Versammlung erklärte einer der Parteimänner, ein Herr M. Hammer, daß ihm die Freude an der ganzen Demonstration verdorben war, weil Herr Hofrat Kur and a nicht persönlich erschienen sei und vielen dadurch die Genugtuung entgangen sei, den frevelhaften Abgeordneten persönlich abzuohrfeigen. Man hatte ihn eingeladeu, er war aber nicht erschienen! Im , Talmud ist uns ein merkwürdiges Wort aüfbewahrt von dem wütenden Haß des Amhaarez gegen den Intellektuellen; er übertrifft beiweiten allen .Haß der Heiden gegen