Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 42 (15.10.1909)
- Date
- 1909-10-15
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 720 Dr. Vlochs Wochenschrift. Nr. 42 » Komitee, ein Gaonat unserer Zeit, würde die Exekutive und Repräsentanz haben. Die Furcht Abraham Geigers vor einem jüdisch-orthodoren Papsttum ist unbegründet. Eine aus vielen und vielerlei Gaonim das heißt aus den erstklassigen Führern der verschiedenen religiösen Parteien zusammengesetzte Autorität könnte dem Judentum nützen und nach außen in bezug auf die Apologetik des Judentums — im Sinne der Güdemann, Eschelbacher usw. — imponieren. 2. Eine höhere Institution von kultureller Autorität wäre imstande, einen alljüdischen Kongreh einzuberufen, die einzig mögliche Form der Realisierung des von Berlisho geplanten jüdischen Parlamentes. Die Exekutoren der Bestimmungen und Repräsentanten der Tendenzen eines panjudäis chen Kongresses würden ein modernes Erilarchat darstellen. 3. Die Zentralakademie würde eine Allianz der verschiedenen Seminare darstellen. Die Wissenschaft des Judentums würde nur gewinnen, wenn die Rabbinerseminare in Deutschland, Amerika, Oesterreich, Ungarn, Frankreich, England, Holland und Türkei zu wissenschaftlichen Aufgaben, zwecks Verbreitung der Forschungsresultate der Lehrer der diversen Institutionen einen Bund schliehen würden. 4. Neben den Rabbinerseminarien, die eigentlich bis zu einem gewissen Punkte jüdische Universitäten sind, mühten auch die rem talmudischen Hochschulen gefördert werden. Die Jabnehakademie wird sich auch für die „Akademie zu Sira" interessieren. Gewih wi/rd die Talmuddisziplin auch im Seminar gepflegt, ein Hinweis auf die Namen Hoffmann und B an et-Berlin, Schwär z-Wien, Lew y-Vreslau und Schächter- Newyork genügt, allein Rabbinerschulen mit ausschliehlich talmudischem Charakter, wie die in Jerusalem, Prehburg, Wilna, Kowno usw., haben als Reservoir für halachische und hagadische Gelehrsamkeit ihren Wert. Rabbiner Reines zu Lida hat auch den Versuch gemacht, das Niveau seiner Talmudschule durch logische Lehrmethoden zu heben. 5. Unabhängig von den orthodoxen und liberalen Rabbinerschulen mühte ein Institut der Wissenschaft des Judentums gegründet werden, welches nicht den Zweck verfolgt, Rabbiner und Prediger heranzubilden, und überhaupt kein theologisches Gepräge hat. Das Judentum ist mehr als eine Religion, und ihre Wissenschaft kann auch teilweise ihr Priestergewand ablegen. Gebildete Juden könnten ihre Kenntnisse auf einer freien jüdischen Universität bereichern und ihre Erkenntnisse vertiefen. Unter einer jüdischen Universität verstehe ich eine Hochschule für Geschichte, Literatur, Philosophie, Jurisprudenz und Kunst des Judentums, aber nicht eine jüdische Hochschule für allgemeine Wissenschaft. Die Schweiz wäre wohl für eine freie jüdische Universität geeignet. Einigermahen in Verwandtschaft mit dieser Idee steht der Vorschlag Rosenmans in Oesterreich und P e r l e s in Deutschland, an den Staatsuniversitäten Lehrstühle für die Wissenschaft.-des Judentums zu erreichen. 6. Die Jabnehakademie mühte auch für die Gründung einer hebräischen Akademie Sorge tragen, mit der Aufgabe, für die Verbreitung des Hebräischen unter den Juden in der ganzen Welt, besonders in Palästina zu wirken. In den Rahmen dieser Mission passen alle Bestrebungen hinein, die das Unterrichtswesen h ebräisieren und die hebräische Literatur organisieren wollen. l 7. Ein Verband der jüdischen Schrift st eller in den verschiedensten Ländern und Sprachen wäre ein Ideal der Jabnehakademie. 8. Auch der Versuch der Vereinigung aller jüdischen K ü n st l e r, die unsere Nationalgalerie bilden, könnte mit der Zeit Erfolg haben. 9. Die Juden der ganzen Welt sollten für die Anlegung eines Kulturfonds, behufs Verwirklichung des literarischen und kulturellen Programms der Akademie gewonnen werden. Zu diesem Fonds sollen reiche und arme, fromme und aufgeklärte, nationale und internationale, zionistische und halbassimilatorische Juden beitragen. VII. Ern praktisches Programm. Die Organisation der Jabnehakademie muh den Bedürfnissen der Gegenwart, den Ueberlieferungen der Vergangenheit und den Hoffnungen für die Zukunft entsprechen. Es gilt, wenn man von der Organisation einer solchen Institution spricht, zuerst denjenigen Aufmerksamkeit zu schenken, welche die Möglichkeit einer solchen Organisation verneinen. Die Skeptiker werden finden, dah mein Vorschlag undurchführbar ist. Nur wenige werden sich für einen Kulturfonds vegeistern: viele unserer Großen haben andere Sorgensogar der Baron Hirsch hat verhältnismäßig für die jüdische Wissenschaft und Literatur wenig Interesse gezeigt. Die Volksmassen könnten in diesem kulturellen Unternehmen ein Spiel der Satten, einen Luxus der Intellektuellen, eine Parade der Geistesprotzen sehen. Die Orthodoxen würden in dieser Akademie eine Synode der Reformer wittern und die Liberalen dürften mit Mißtrauen die Orthodoxen in die Ruhmeshalle der Wissenschaft einziehen sehen. Manche Zionisten würden den Einfluß der nichtzionistischen Rabbiner und Gelehrten fürchten und so manche Assimilanten dürften eine solche Akademie als das Zentrum einer neuen Internationale oder des nationalen Judentums betrachten. So mancher Intellektuelle, der sich in einer G e istesanarchie wohl gefällt, dürfte von der Gefahr einer Geistesoligarchie sprechen. In Wirklichkeit ist der Pessimismus der Skeptiker bis zu einem gewissen Punkte berechtigt. In jeder Gruppe werden sich sicherlich einige Persönlichkeiten finden, die in der angedeuteten Weise urteilen werden: allein niemals ist ein jüdisches Zentrum ohne Kampf gegen eine kleinere oder größere Opposition gegründet werden. Unsere Reichen sind nicht so schwarz, wie man sie in letzter Zeit zu! malen pflegt. Bekanntlich leisten sie sehr viel als Protektoren der Wissenschaft und Kunst: das Interesse für die jüdische Kultur ist auch in den Salons im Wachsen begriffen und war in der „Alliance Jsraelite Universelle" und im „Bnei Vrith-Orden" immer stark. Andererseits ist zu hoffen, daß das jüdische Volk, welches eine besondere Achtung für Lehre und' Gelehrte besitzt, auch für ein neues Zentrum der Thora Opfer bringen wird. Repräsentanten der neuen Orthodoxie, die sich in der Wissenschaft einen Ruf verschafft, gebildete Talmudisten aus der Altorthodoxie, fromme Intellektuelle aus den Reihen der Chassidim müßten in die Kombination der Akademie treten, um den frommen Massen eine Garantie zu bieten, daß es sich nicht um eine religiöse Revolution handelt. Die Zionisten und ihre Gegner schöpfen ihre Kraft auf dem Reiche der Gefühle und der Welt der Politik, in bezug auf Wissenschaft und Religion aber können sie vielfach zusammen arbeiten. Immer wird es Höhenmenschen, auserwählte Geister geben, welche unabhängig von jeder Organisation, als Autodidakten im höchsten Sinne des Wortes ihre eigenen Wege gehen werden: dies spricht jedoch nicht gegen die Gründung einer Institution zum Zwecke einer rela-