Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-10-15 · 42 (15.10.1909) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
42 (15.10.1909)
Date
1909-10-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021818-3021861--18703-3043646
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 42 Dr. Blochs Wochenschrift. Sette 715 vier zionistischen Reichsratsabgeordneten selbst, deren Erfolge, beziehungsweise Errungenschaften für die Judenschaft während dreier Jahre gleich Null find. Der Handwerkerstand Galiziens hatte es dem Dr. Emil Byk allein zu verdanken, die Sonntagsruhe durch die Sabbathruhe zu ersetzen und diese große Errungenschaft von geretteten 50 Arbeitstagen im Jahre konnte nur mit Unterstützung des Polenklubs erlangt werden. Nicht minder erfolgreich war die durch Dr. Emil Byk angeregte denkwürdige Interpellation des Polenklubs in der Frage des B l u t- Märchens und damit im Zusammenhänge die Niederdrückung dieser häßlichen Bewegung — Erfolge, die er nur mit Unterstützung einer mächtigen, einflußreichen Partei erlangen konnte. Um wie vieles kräftiger und einflußreicher wäre das Auftreten der jüdischen Abgeordneten im Polenklub, wenn sich sämtliche, in Galizien gewählten Juden in der Erkenntnis jüdischer Interessen diesem großen Klub anschließen würden. Separatistische Bestrebungen der Juden kommen nur einzelnen Personen, die der Oberfläche zustreben, zugute, der Judenschaft aber niemals. Das beweist die Gegenwart und wird sicherlich auch die Zukunft uns lehren. Wien, im Oktober 1909. Der Kampf «ms Dafei« «ui» «ms Recht der Jude« i« Galijke«. Zu de» Aktionen des galizischen Hilfsvereines. Von Alexander Schorr, Wien. Als ich während meines heurigen Sommeraufenthaltes, fern von meinem Wiener Heim, die in Nr. 33 der „Oesterreichischen Wochenschrift" vom 13. August d. I. unter der Überschrift „Jahresbericht des Galizischen Hilfsvereines" erschienene Besprechung der Tätigkeit dieses jungen Vereines während des Jahres 1908 gelesen, die fie selbst als „karge Skizze eines reichen Tätigkeitsberichtes" bezeichnet^ war diese höchst anregende Lektüre für mich eine Birne für den Durst und ich behielt mir vor, mir nach meiner Heimkehr nähere Information aus dem zwei Teile umfassenden, detaillierten Vereinsberichte zu verschaffen. Diese war für mich eine umso freudigere Ueberraschung, zumal — als der nunmehrige vordenkende und weitblickende Obmann dieses Hilfsvereines Herr Siegmund Mayer mich seinerzeit gelegentlich unseres gleichzeitigen Aufenthaltes in Gleichenberg (es sind gut zehn bis zwölf Jahre seither) mit seinen Ideen, durch Gründung von Hausindustrien und anderen mannigfachen Erwerbszweigen in Galizien, der dortigen armen, arbeitsamen, aber arbeits- und erwerblosen' jüdischen Bevölkerung lohnende Arbeit zu verschaffen, vertraut gemacht, ich mit vielen anderen Skeptikern an einen Erfolg dieser dankenswerten Bestrebungen lange nicht glauben wollte. Und heute erlebte ich die Freude, den damals in der Phase des Projektes in knappen Umrissen skizzierten Vereinsplan, vom schaffensfreudigen Initiator ins wirkliche wohltätig wirkende Leben übertragen — als gesunden kräftigen, von greifbarem, vielverheißenden Erfolge gekrönten „Hilssverein für die notleidende jüdische Bevölkerung in Galizien" vor mir zu sehen, wie er, aus den sozialpolitischen Ideen seines zielbewußten Schöpfers hervorgegangen, unter der bewährten tatkräftigen Leitung des Vereinsobmannes Herrn Siegmund Mayer und seiner schätzenswerten Mitarbeiterschar sich prosperierend entwickelt und segensreich wirkt, zum Wohle der armen, kulturell und sozial bedrängten, galizischen Glaubensgenossen, welche noch heutzutage im 20. Jahrhundert im Rechtsstaate Oesterreich unter dem Regime der staatsgrundgesetzlich gewährleistenden Gleichberechtigung, lediglich deswillen zu leiden haben, weil fie jüdischer Religion find, weil fie am Glauben ihrer Väter festhalten, in welchen fie hineingeboren. Gleichwie ein Gefeflelter sich von den ihn druckenden Banden selbst nicht freimachen kann ">tiö wran p» und hiezu der befreienden Hand Anderer bedarf, ebenso kann der unter Druck und Not leidenden, jüdischen Bevölkerung Galiziens nicht von Innen — auch nicht von der galizischen Landesyertretung und deren häufig veranstalteten Enqueten — sondern nur von Außen, von den in glücklicheren Verhältniffen lebenden Glaubensgenoffen, auf dem praktischen Wege der modernen, sozialpolitischen Wohltätigkeit, wirksame Hilfe kommen. Wohl hat der galizische Landtag fich neulich wieder angefichts der schreienden, täglich steigenden Maffennot der galizischen Juden, welche über 800.000 Bewohner zählen, zu der Großtat aufgerafft und beschloffen, eine Enquete über die Notlage der galizischen Juden einzuberufen, womit wiederum der Bock zum Gärtner gesetzt wird. Ist es doch eine notorisch bekannte Tatsache, daß der galizische Landesausschuß es war, der den von den Juden seither betriebenen Salzhandel, denselben aus der Hand und damit ihnen das kümmerliche Brod aus dem Munde genommen hat. Salz und Brod waren bei den alten Polen Symbole der Gastlichkeit, womit nach uralter Sitte würdige Gäste bewillkommt zu werden pflegten. Und die Polen von heute, haben mit dem Salz hunderten von jüdischen Familien auch den kärglichen Bissen Brot genommen, fie brotlos gemacht. Wir werden übrigens bald Gelegenheit haben, uns von der Wahrheit und Aufrichtigkeit der geäußerten Absicht der galizischen Landesregierung, die materielle Lage der Juden zu verbeffern, zu überzeugen, wie fie nun nach Abschaffung der Propination bei der Verleihung der neuen Schanklizenzen die berechtigten Wünsche der jüdischen Schänker berücksichtigen wird, wobei es fich um die Existenz von tausenden jüdischen Familien handelt. Zum Dienste im Landesausschuffe, bei der Galizischen Landesbank, der Galizischen Sparkaffe und den anderen autonomen Landesinstituten, bei welchen ein Maffenheer von Beamten angestellt ist, läßt man Juden nicht zu. Landfremde, sogenannte „Emigranten", denen der heimatliche Boden zumeist aus ganz anderen als aus national-patriotischen Beweggründen heiß geworden ist, werden den bestqualifizierten, ehrlichen, jüdischen Landessöhnen vorgezogen. Und so mancher fremde Vogel kommt hergeflogen und schreit den eingeborenen, erbgeseffenen, jüdischen Landeskindern nach: „Fort nach Palästina! Hier ist unser Land und Boden. Nasza ziemia!" Wenn Dr. L u e g e r die Sozialdemokraten von jeder öffentlichen Anstellung bei der Gemeinde Wien und deren Unternehmungen in flagranter Verletzung der von ihm beeideten Staatsgrundgesetze, welche klar und deutlich lauten: „Die öffentlichen Aemter sind für alle Staatsbürger gleich zugänglich", systematisch ausschließt, so scheut er fich nicht, seine Willkür ostentativ mit den Prahlworten zu beschönigen: „Ich bin ein überzeugter Monarchist. Wir leben in einer Monarchie und hier muß ich verlangen, daß Derjenige, der öffentliche Dienste leistet, treu ist dem Kaiser und dem Vaterland. Das ist der Grundsatz, den ich unbedingt festhalte." (Nebenbei sei hier bemerkt, daß der bekannte, englische, sozialistische Arbeiterführer John B u r n s im monarchischen England dermaliger Minister ist.) Warum aber die galizische Landesverwaltung mit Verleugnung des bezogenen Staatsgrundgesetzes, welches überdies noch ausdrücklich besagt: „Der Genuß der bürgerlichen und politischen Rechte ist vom Religionsbekenntnis unabhängig", Bewerber jüdischen Glaubens, deren Treue zum Kaiser und zum Vaterlande Oesterreich doch über jede Anzweiflung erhaben ist, nicht anstellt, darüber schweigt sich die löbliche Landesverwaltung gründlich aus. Schweigend, läßt fie Taten reden und handelt ganz nach dem Diktum, welches Exzellenz-Bürgermeister Dr. Lueger in der vorletzten Gemeinderatsfitzung in seiner hochmütigen Redeweise zum besten gab: „Ich brauche kein Gesetz, ich tue das, was ich für recht und gut erkenne." Ja, darin l i e g t's! Und darum brauchen wir, um uns den Genuß der staatsbürgerlichen und politischen Rechte zu sichern, fie im täglichen Kampfe stets von neuem uns erwerben, um fie in Wahrheit, und nicht nur papiern, zu besitzen. Wir müssen immer und immer unser gutes Recht, die uns staats-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.