Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 41 (8.10.1909)
- Date
- 1909-10-08
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 41 Dr. Vlochs Wochenschrift. Seite 711 Herlinger Otto, Oalanterie-Schuhoberteilgehilfe, geb. 24. Dezember 1885, Wien, XIV., Benedikt-Schellingergasse 10. Kohl Samuel, Kürschnergehilfe, geb. 22. Mai 1891, Wien, IX., Berggasse 37. Lichtblau Ernst, Architekt, geb. 24. Jnni 1883, Wien, XIII., Auhofstrasse 223. Metall Hermann, Dr., prakt. Arzt, XX., Dresdnerstrasse 126. Neumann Hedwig, Schauspielerin, geb. 27. Dezember 1884, Wien, I., Spiegelgasse 13. Rosenberger Ernestine, geb. 15. November 1882, Wien, zur evangelischen Kirche, derzeit Voloska. Schulz Adolf, geb. 6. Oktober 1882, Datschitz (Mähren), VI., Spörlinggasse 4. Grost-Kanizsa. Der Lehrer Herr I. A. L u st g a r t e n, welcher nach 48jähriger Aktivität in Csakathurn von der dortigen israelitischen Kultusgemeinde pensioniert wurde, wohnt seit einem Jahre hier. — Am 24. d. M. feiert derselbe mit seiner Frau Antonie geb. Pollak im Kreise seiner Kinder und Enkel das Fest der goldenen Hochzeit. Beide Gatten erfreuen sich geistiger und körperlicher Frische. Fünfundzwanzig Jahre Gemeinderichler. In der Grotzgemeinde Turja-Remete (Ungarn) wurde dieser Tage Herr Jakob Reich abermals zum Gemeinderichter gewählt. Herr Reich bekleidet dieses Ehrenamt ununterbrochen schon seit dem Jahre 1884. Feuilleton. Eine Esrogimsterrer im 18. Jahrhundert. Wie sehr die Juden ein Gegenstand fiskalischer Habgier und rücksichtslosester Ausbeutung waren, zeigt die Geschichte einer Esrogimsteuer aus der Zeit Maria Theresias. Im Jahre 1736 machte ein Prager Kaufmann David Heinrich Lehmann der böhmischen Hofkanzlei den Vorschlag, auf die Einfuhr der Esrogim eine „besondere Maut" zu legen. Diese besondere Maut werde „dem höchsten Aerario" ein „sicheres Quantum abwerfen" und es in die Lage setzen, dem Antragsteller eine Gratifikation von 2000 Dukaten auszuzahlen. Dieser Vorschlag kam erst acht Jahre später zur Behandlung. In einem Hofdekret an die böhmische Hofkanzlei und an das böhmische Amt in Brünn wurde mitgeteilt, daß der Antrag „wohl zu akzeptieren wäre", daß man es den Juden aber auch weiterhin freistellen wolle, die Esrogim zu kaufen, wo und wie es ihnen beliebt. Für diese gnädigst gewährte Freiheit sollte aber die Judenschaft von Böhmen, Mähren und Schlesien jährlich den Betrag von 40.000 fl. an die Aerarialkaffe in Wien abführen. Für das Jahr 1744 sei der Betrag sogleich zu erlegen, widrigenfalls die Juden vom 1. Jänner 1745 an gezwungen sein werden, ihre Esrogim um festgesetzte Preise und in einem bestinmiten Ausmaße nach Weisung der Regierung zu beziehen. Die verlangten 40.000 fl. waren so aufzuteilen, daß die Juden in Böhmen sieben Zwölftel, die mährischen vier Zwölftel und die schlesischen Juden ein Zwölftel der Summe erlegen sollten. Die Juden hatten unter den langjährigen Kriegswirren sehr gelitten und konnten kaum ihr jährliches „Kontributionale" aufbringen. Die neue Steuer war für sie unerschwinglich. Doch darum bekümmerte sich die Regierung nicht. Eine ausführliche Protesteingabe der mährischen Juden, in welcher diese ihre großen Steuerlasten ausführlich behandelten, hatte keinen Erfolg. Die Erledigung lautete kurz : Man könne auf diese Remonstration keine Reflektion machen und die diesfällige Quote sei ehestens abzuführen". Aber die Einhebung der neuen Steuer stieß überall auf große Schwierigkeiten. Nur im Hradischer Kreise, wo der Kreishauptmann sie mit drakonischer Strenge eintrieb, wurden Beiträge hereingebracht. Auf Grund eines Gutachtens der Kreishauptleute wurde die Steuer in Mähren im Jahre 1847 auf 4000 fl. ermäßigt und diesmal auch hereingebracht. Der Projektant Lehmann erhielt als Remuneration 1000 Dukaten! Im Jahre 1748 erfolgte die Konvertierung sämtlicher Judensteuern in Mähren. Aber der spekulative Erfinder der Esrogimsteuer reichte noch im Jahre 1771, 82 Jahre alt, ein Majestätsgesuch um Auszahlung der ihm noch gebührenden 1000 Dukaten ein. Ob das Majestätsgesuch Erfolg hatte, ist nicht bekannt. Ka«bhllttenfest in Paris. Aus Paris wird einem Budapester Blatte von einem christlichen Mitarbeiter geschrieben: Es muß ja dieser Tage wiederkommen. Im vorigen Jahre besuchte ich aus Anlaß dieser poetischesten der jüdischen Festtage die Pariser große Synagoge in der Rue de la Victoire, zum Abendgottesdienst. Inmitten leise einleitenden Gebets erhob sich plötzlich ein Gemurmel unwilligen Erstaunens und alle Köpfe reckten sich empor. Ein Herr hatte in der vordersten Bankreihe des Mittelschiffes Platz genommen, ein älterer graubärtiger Mann von distinguiertem Aussehen, aber in Reisekleidung, und dieser seltsame Tempelbesucher war entblößten Hauptes erschienen, wie in einer christlichen Kirche. Ich glaubte in ihm eine der typischen Wiener Physiognomien zu erkennen, einen unzweifelhaften Rlchterkopf, einen Oberlandesgerichtsrat etwa, mit musikalischen Neigungen, die öfter diese Persönlichkeiten auszeichnen. Jedenfalls war er Christ, zumal er den Hut in der Hand hielt, und ein Fremder, indem ihm statt des Gebetbuches der rotgebundene Bädeker aus der Tasche guckte. Durch die allgemeine Unruhe aufmerksam gemacht, näherte sich dem arglos Umschau haltenden Fremden einer der Synagogendiener, der Aelteste derselben, ein imposanter ordensgeschmückter Greis in Huissierstracht, mit Kette und Zweispitz, um ihn aufzuklären und zum Aufsetzen des Hutes zu bewegen. Aber der mutmaßliche Wiener Herr verstand kein Französisch; der Huissier redete also vergebens und zog sich endlich achselzuckend wieder zurück. Der fremde Herr behielt weiter den Hut' in der Hand, was bei den Versammelten bei allem Aergernis doch auch einen gewissen Heiterkeitserfolg hatte. Als der Gottesdienst zu Ende und die Orgel verstummt war, geriet der interessante Fremdling in jene Gruppe Fortgehender, die durch den Seitenausgang in den Tempelhof sich bewegte, wo die Laubhütte errichtet war^ Diese präsentiert sich als gar prunkvolles und strahlend beleuchtetes Zelt, deffen Decke im Innern mit seltenen Früchten in kunstvoller Fayence behängt ist. In der Mitte steht ein glänzend gedeckter Tisch, an dem die Rabbinnen und Vorsteher der Gemeinde, letztere lauter steinreiche Bankiers, Platz nahmen. Die Zuschauer, darunter viele der sehr reichen jüdischen Damen, halten sich dicht zusammengedrängt im Umkreise. Mein Wiener stand diesmal bedeckt in der vordersten Reihe und blickte erwartungsvoll drein. Der Grandrabbin auf dem Ehrensitz sprach den Segen über den eingegossenen Wein. Er und die Aeltesten der Gemeinde nippten an ihren Kelchen. Dann betete der Grandrabbin weiter, mit seiner etwas zittrigen, erhobenen Stimme, dem einzigen Greisenhaften an dem sehr gedrungen gebauten neuen geistlichen Oberhirten der Israeliten von ganz Fra, kreich und Algerien Dr. Levy, dem ausgezeichneten Gelehrten und bedeutenden Kanzelredner. Er segnete jetzt das Festbrot, einen Riesenstrizzel, den er mit eigener Hand in viele kleine Teilchen zerlegte. Diese Stücke wurden hierauf, unter Voranschreiten zweier Huisfiers und eines Dritten, der die Schüssel trug, vom Grandrabbin an die Wartenden verteilt, die sehr andächtig zulangten und das kleine weiße Gebäckstück vorsichtig in den Mund schoben. Auch der Fremde, der Wiener Landesgerichtsrat, oder was er war, nahm ein Stück entgegen und folgte dem Beispiel der übrigen. Ich hatte mittlerweile schon mit ihm Bekanntschaft geschloffen und nannte ihm auf sein Befragen den Namen des Grandrabbin von Frankreich und den seines Nachbars zur Rechten, des Grandrabbin von Paris, Dreyfus. „Auch ich bin Christ", äußerte ich zum Abschied, „aber diese Zeremonie gefällt mir doch ausnehmend." „Gewiß", bestätigte der andere und rühmte insbesondere die heilige Handlung des Grandrabbin im Zelte, „ich fühlte mich ebenso bewegt, als hätte der Papst mir das Abendmahl gereicht." Neue Bücher. Ost und West. Illustrierte Monatsschrift für modernes Judentum. Herausgegeben von Leo Win z. Verlag Ost und West. Berlin W 8. Organ der Deutschen Konferenzgemeinschaft der „Alliance Jsraslite Universelle". IX. Jahrgang, Heft 8/9, August-September 1909. Inhalt: Doktor Simon Bernfeld: Jabneh. Max Schacherl: Aus einer stillen Welt. M. A. K. : Max Nordau (mit Porträt). M. Sch.: Gustav Karpeles (mit Porträt). Nathanj a S a h u w i: „Ketten" (mit 1 Porträt und 3 Illustrationen). Scholaum Aleichem: Leicht war ihm's Fasten. G. K u t n a : Moses in der bildenden Kunst, II. (mit 18 Illustrationen). Dr. Max Steif: Einiges über den Apikores. Clara Steinitz: „Thamar" (Trauerspiel) Schluß. Rabbiner Dr. Wilde-Magdeburg: Eine Mittelmeerreise, Revue der Revuen. Mitteilungen aus dem Deutschen Bureau der „Alliance Jsraolite Universelle" : I. Der Bericht der Jewish Colonisation Association für 1908. II. Eine türkische Deputation bei der „Alliance Jsraelite Universelle". III. Die Zustände in Persien. IV. Die Israeliten von Suleymanie. V. Aus Marokko. VI. Die Israeliten in Syrien. VII. Falsche Anschuldigungen. VIII. Notizen. Franz Marlin Mayer. Geschichte Oesterreichs mit besonderer Rücksicht auf das Kulturleben. 3. Auflage, 8. Lieferung. Wien und Leipzig. Wilhelm Braumüller, 1909. s i I