Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 41 (8.10.1909)
- Date
- 1909-10-08
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 41 Dr. Blochs Wochenschrift. ein Zeichen für die große Gährung, die unter den jüdischen „Intelligenten" in Rußland jetzt herrscht, mag der Aufruf gelten, den Herr Peperkowitsch in dieser Angelegenheit erläßt. Die reformierte Gemeinde soll dazu dienen, die „national gesinnten Intelligenten zu vereinigen". „Wir wollen", heißt es weiter, „einen Ausweg finden für jene jüdischen Intelligenten, die leinen Platz für sich finden in der großen Schule (?). In Petersburg gibt es 10,000 jüdische Intelligente und die Zahl der Mitglieder der jüdischen Synagoge beträgt nicht mehr als 170, weil die alte orthodore Synagoge ihnen fremd (?) ist. Was stört den intelligenten Juden, in die orthodore Synagoge zu gehen? Er ist Jude seinem Glauben nach, aber das Jüdische der Synagoge ist ihm fremd. Schon das Aeußere der Synagoge spricht nicht zu seinem Herzen (?), die Art zu beten, kommt ihm verrückt vor, so auch die Riten und die Sprache (!). Deshalb planen wir eine neue besondere Religionsgemeinde. welche diese Intelligenten vereinigen und die Mängel der alten Synagoge beseitigen solle. In der alten Synagoge sind die Wände kahl, in der reformierten Synagoge werden die Wände mit Gemälden geschmückt werden. Wir werden auch Musik in die Synagoge einführen. Die Sprache der Gebete muß geändert werden, anstatt des Hebräischen eine Sprache, die dem Intelligenten verständlich ist, u. zw. russisch. Der größte Teil der Minhagim wird abgeschafft, nur die Verlesung der Thora bleibt aufrecht. Die Frage, ob der Gottesdienst Samstag oder Sonntag stattfinden soll, wird von der gründenden Versammlung entschieden werden. Frauen werden ebenso Mitglieder der Gemeinde sein können, wie Männer. Die separate Frauenabteilung in der Synagoge wird wegfallen. Wir haben beschlossen, daß alles, was das religiöse Gefühl verletzen könnte, bei uns nicht Vorkommen darf (?). Zum Teile aus diesem Grunde wurde auch der Vorschlag, eine Orgel einzuführen, abgelehnt. Die Wandgemälde werden dem auch Rechnung tragen. Die Musik wird' eine solche sein, daß selbst ein frommer Jude, beim Betreten der Synagoge empfinden wird, jüdische Musik zu hören. Auch dann werden wir uns von ausländischen Reformgemeinden unterscheiden, daß, wahrend dort die Existenz der Gemeinde nur (!) auf der Religion beruht, bei uns die Religion nur einen Teil derselben bilden wird. Die Ziele unserer Reformgemeinde werden sein: Religion (Kulturerziehung) und humanitäre Arbeit." Es steht abzuwarten, ob die Petersburger Juden sich wirklich schon „reif" zeigen werden, für einen solchen Schritt — aus dem Judentum. Rumänischer Studentenkongreß zu Jassy. Die rumänischen Studenten haben sich nicht darauf beschränkt, Ungarn anzugreifen und ihre panrumanischen Ideale zu entwickeln, sondern haben Gift und Galle gegen die Juden gesprochen und sozialökonomische Vernichtungspläne entworfen. Sie jubelten dem Judenfresser Cuza zu und schickten dem Großantisemiten Jorga eine Huldigungsadresse. Rumänische Justiz (mors judaico). Am 23. v. M. verhandelte der Kafsationshof zu Bukarest über mors juäaico. Die Jafsyer Rabbiner Dr. I. Niemirower und S. Tauber machten sechs Rekurse gegen Geldstrafen, die man ihnen auferlegte, weil sie beidem unjüdischen Judeneid nicht mittun wollten. Herr Oberrabbiner Dr. Niemirower wohnte persönlich der Verhandlung in Bukarest bei. Der Advokat Oswald Theodore anu hielt eine glänzende Rede und wies auch darauf hin, daß derselbe Gerichtshof vor kaum einem Jahre im Prozesse Niemirower sich gegen mors judaico ausgesprochen. Trotzdem haben sich diesmal die Richter nicht einigen können und werden die Prozesse nochmals vor einen stärkten Gerichtshof kommen müssen, allenfalls neue Ausgaben, neue Scherereien für die Juden und böse Motive für reaktionäre Richter im ganzen Lande! In Rumänien ist es zu befürchten, daß der Kaffationshof sich lächerlich macht und im Widerspruch zu seinen stüheren Entscheidungen urteilt! Antisemitismus in amerikanischen Lehranstalten. Der Rabbiner der Washingtoner Hebrew Congregation, Dr. Abraham Simon, beschuldigt in einem offenen Schreiben die in Washington bestehenden „aristokratischen" Lehranstalten der antisemitischen Propaganda unter den Zöglingen. Besonders kraß trete der Antisemitismus in den Mädchenlyzeen zu Tage. Es bestehe die offenkundige Tendenz, jüdische Mädchen von diesen Anstalten fernzuhalten. Immer häufiger trifft man jetzt in den Prospekten und Ankündigungen dieser Institute die fettgedruckte Bemerkung: „Mädchen jüdischen Glaubens werden nicht aufgenommen!" Rabbi Simon macht die Washingtoner Bürger auf diesen den freiheitlichen Prinzipien widerstrebenden Unfug aufmerksam und fordert Abhilfe. Die jüdische Abteilung nu Pariser Cluuy-Museum. Nur Wenigen dürfte es bekannt sein, daß Paris in seinem Cluny-Museum eine Sammlung von überaus wertvollen Reliquien aus dem alten jüdischen Gemeinde- und Familienleben besitzt. In einem eigenen „Jüdischen Saal" sind ganze Schätze jüdischer Kultgegenstände zusammengetragen, zumeist Spenden der Pariser Rothschildfamilie. Der Kenner wird hier die seltensten Synagogeneinrichtungen, Meisterwerke altitalienischer Goldschmiedekunst finden. In einem anderen Schrank befindet sich eine große Anzahl alter hebräischer Heiratsverträge, Kethuboth, Manuskripte alter Megilloth usw. Sehr reichhaltig ist die Sammlung alter Porauches, Sefer-Mäntelchen und Schulchan-Decken. Besonders die letzteren weisen einige historisch interessante Stücke auf. Die wertvollste dürfte wohl eine Decke fein, die, ausschließlich für den Jomkippur bestimmt, die folgende auf den heiligen Tag bezughabende, in hebräischer Sprache abgefaßte goldgestickte Legende aufweist: rm & ri'2 mu nt» ltaon nmnr bv paA »in nmaa dt» »a dt» nan »in ->inv jab jan Aa lyaA» Atta aava aa-nvn ttp ax wr arrnnx1? nxt A-av' iaan A Die Maronen in Persien. Wie einst Spanien, so hat noch jetzt Persien eine große Anzahl „Maronen", welche selbstverständlich nicht diesen Namen (Neuchriflen) führen, sondern „Dshedidin", d. h. „Neubekehrte" heißen. Die „Bekehrung" ist bereits Mitte des 16. Jahrhunderts und zwar an einem unheilvollen Purimtage erfolgt. Dieser Festtag, an welchem die Juden Persiens vor nunmehr 24 Jahrhunderten vor dem Verderben bewahrt wurden, ist allmählich für unsere Glaubensgenossen im Reiche des Schah ein Tag des Schreckens geworden. Zwar wissen die Perser, deren beglaubigte Geschichte erst mit den Saffaniden beginnt, ebensowenig etwas von Haman, wie von Darius, Terxes und von dem ganzen glanzvollsten, glorreichsten Abschnitt ihrer Vergangenheit, von dem goldenen Zeitalter der Achaemeniden. Allein die Tatsache, der harmlosen Sitte der Juden Persiens, am Purimfeste eine Puppe, welche Haman versinnbildlichen soll, auszustopfen, dieselbe zu maltrai» tieren und schließlich unter Hohngelächter zum Tode am Galgen zu verurteilen, war von jeher sehr geeignet, die fanatische Bevölkerung gegen sie aufzubringen. Dies beuteten die muhammedanischen Priester weidlich aus, indem sie dem Volke vorredeten, die Puppe solle „Imam Risa", den größten Heiligen der Schiiten, darstellen, den die Giaurs (Nichtmuslimen) auf diese Weise lästern und entweihen. Hierdurch gelang es den Mullahs am Ende des 18. Jahrhunderts, an einem Purimtage den Pöbel von Meschched und Choraffan derart zu fanatisieren, daß er unter den Juden ein furchtbares Blutbad anrichtere und die Ueberlebenden zwang, sich zum Islam zu bekehren. Seitdem leben 5000 Juden in Meschched als „Dshedidin". Sie heirateten aber nur unter einander und essen nur Fleisch aus eigener Schechitah, halten am Sabbath ihre Läden zwar offen, verkaufen aber in denselben nichts, vielmehr wird etwaigen kauflustigen Kunden, wenn sie den Laden betreten, von einem Knaben mitgeteilt, daß der Besitzer dringender Geschäfte wegen sich auf einige Zeit entfernen mußte. Während der großen muhammedanischen Fasten (Ramazan) nehmen sie sich sehr in Acht, in Gegenwart eines Muselmanns zu rauchen oder gar zu essen. Zahlreiche Dshedidin wohnen auch in Merw, wohin sie, lange bevor man von den Russen etwas gehört hat, eingewandert find. Während aber die wilden Turkmenen diese „Neubekehrten" als Muhammedaner gelten ließen, beginnen die Russen sie als Juden zu behandeln. Ihre Schule wurde schon längst geschloffen, und jetzt wird ihre Ausweisung geplant.