Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 41 (8.10.1909)
- Date
- 1909-10-08
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Sette 706 Dr. Blochs Wochenschrift. »kr. 41 Viele Trauergäste getan. Aber wäre es ganz unmöglich, auf dem Zentralfriedhof eine Wohnung für einen Rabbiner zu errichten, wie eine solche in Budapest schon lange besteht? Mit dieser Stellung ließe sich ja eventuell die Seelsorge für den Bezirk Simmering, dessen jüdische Bevölkerung gewiß in Zunahme begriffen ist, verbinden. Wenn fich diese Anregung als zu kostspielig uud umständlich erweisen sollte, ließe sich vielleicht eine kleine Wohnung errichten, in die fich nach einem bestimmten Turnus die.verschiedenen Rabbiner vor Feiertagen begeben könnten, um gegebenen Falles ihres Amtes walten zu können. Wir find überzeugt, aus der Seele der vielen gesprochen zu haben» die ihre Angehörigen in solchen Zeiten verloren haben, ein Fall, der zum Beispiel bei der bekannt großen Sterblichkeit im Monat März, während der Osterfeiertage gewiß häufig eintritt. Unsere Kultusgemeinde hat sich immer bestrebt gezeigt, für alle berechtigten Anforderungen der Gemeinde Rat und Wege zu finden. Vielleicht fällt auch diese Anregung in ihrem hochgeschätzten Blatt auf fruchtbaren Boden. In vorzüglicher Hochachtung C. B. Momento mori! Ein alter Mann hat sich vom Fenster herabgestürzt, weil sein Sohn den Glauben der Väter verließ. — Eine kurze Zeitungsnotiz, im raschen Wechsel der Tagesereignffse bald vergessen, verdient sie dennoch die größte Aufmerksamkeit, weil sie ein grelles Licht auf die herrschenden Zustände ■ wirft und erkennen läßt, mit welch tragischer Gewalt dieselben oft in das Leben des Einzelnen eingreifen. Auf der einen Seite ein frommer Jude mit. der unbeugsamen Kraft des Glaubens, der mit antiker Größe wie Sokrates, als ihm das Leben keinen Inhalt mehr bot. die Zulässigkeit des Selbstmordes nach religiöser. ethischer und philosophischer Richtung vor seinem Gewissen prüft, und nachdem er ihn beschlossen, mit bewundernswerter Festigkeit ausführt, — auf der anderen Seite das wiederholt erlebte Schauspiel, daß denl vor- Wärtsstrebenden Juden vom Vorgesetzten Beamten mehr oder minder verschleiert nahe gelegt wird, durch den Uebertritt zur herrschenden Religion das Hindernis für seine Anstellung oder Beförderung zu beseitigen, — und daß -es Juden gibt, die dieser Versuchung nicht widerstehen können. Täglich und stündlich müßte die Botschaft von dem Tode des unglücklichen Vaters jenen hohen und höchsten Beamten in den Ohren gellen und ihnen mit eindringlicher Gewalt in Erinnerung bringen, daß sie mit ihrer „wohlmeinenden Belehrung" der ihnen unterstehenden jüdischen Beamten oder der um eine Veamtenstelle sich bewerbenden Juden oft tief hinein greifen in private Verhältniffe und dem Juden das Heiligste zerstören, was er besitzt. — sein Familienleben. Jene hohen und höchsten Beamten .mögen sich klar vor Augen halten, daß sie durch ihr Verhalten oft Urheber werden von unsäglichen Schmerzen und tiefer Trauer, von zerrissenen Familienbanden und nie vernarbenden Wunden, wenn auch die Betroffenen zur Befreiung von ihren seelischen Schmerzen nicht immer zu jenem letzten Mittel greifen, das der unglückliche Mann wählte, dessen Tat den äußeren Anlaß dieser Zeilen bildet. Und wenn ein Funken Gerechtigkeit in ihnen lebt, müssen sie sich sagen, daß man den jüdischen Staatsbürger nicht zwingen kann, sich die Anwendung des durch das Staatsgrundgesetz gewährleisteten Rechtes der Gleichheit vor dem Gesetz über die Leichen seiner Teueren hinweg zu erkämpfen. Dr. M. Reiß. Rabbi Josef Knöpfmacher s. A. Von Rabbiner Dr. D. Feuchtwang. Amersten Tage des Hüttenfestes ist der ehrwürdige Rabbiner sJosef Knöpfmacher in Nikolsburg im Alter von 94 Jahren sanft und ohne jeglichen Kampf verschieden. Dreiundsechzig Jahre war er Rabbinatsafseffor gewesen und hat Generationen kommen und gehen gesehen. Der letzte Rest aus der klassischen Periode dieser so hochgerühmten Kehillah sank mit ihm in die Grube. Ich erinnere mich seiner wohl über dreißig Jahre zurück; unvergeßlich aber find mir die elf Jahre gemeinsamer Amtstätigkeit in meinem Gedächtnis aus der jung vergangenen Zeit, da ich die Ehre hatte, als Nachfolger meines Vaters s. A. Rabbiner von Nikolsburg zu sein. Wem bliebe auch dieser wahrhaft ehrwürdige Greis nicht in unverwischbarer Erinnerung. Die zarte, elastische Gestalt trug ein edles, feines Patriarchenhaupt. Schneeweiße Locken fielen fast auf die Schultern und das gütige, sanfte Antlitz umrahmte ein schneeweißer Bart. Mildblickende, Helle Augen leuchteten aus dem ruhigen, weißen Gesichte; eine sonore, wohlklingende Stimme schmeichelte fich in das Ohr des Hörers. Liebenswürdigkeit, Höflichkeit, Vornehmheit sein ganzes Auftreten. Und bei allem Selbstbewußtsein rührende Bescheidenheit. Das konnte ich der umso viel Jüngere täglich erfahren, dem er bei jeder Amtshandlung und öffentlichen Gelegenheit den Vortritt lassen wollte und dessen Autorität zu stärken und zu festigen er stets bestrebt war. Seine herzgewinnende Schlichtheit und Einfachheit nahmen jedweden gefangen. Stammt er auch aus der rein talmudischen Richtung des mährischen Rabbinerstandes, so verband er doch mit bedeutendem Talmudwissen ansehnliche, profane Bildung. Er war insbesondere ein ganz ausgezeichneter, vollendeter Kanzelredner. Wir versäumten Keiner die Predigt des Anderen. Es war ein Hochgenuß, den prächtigen Greis mit wundervoller Stimme in Barett und wallendem Gebetmantel oft eine geschlagene Stunde formvollendete, mit Midrasch-Deutung und geistreichen Textauslegungen vollbeladene Reden halten zu hören, in welchen es nie an politischen Pointen fehlte und in denen er rückhaltlos öffentliche Schäden bloßlegte. Er war ein Lieblingsschüler des großen Talmudisten Rabbi Salomo Quetsch s. A., der ihm die rabbinischen Weihen verlieh. Als Rabbinatsassessor lebte er in Nikolsburg neben Rabbi Samuel Zilz, Rabbi Moses Paschkes, Rabbi Moses Löb Kohn s. A. Es war nicht leicht, sich neben diesen Koryphäen zu behaupten und insbesondere neben Rabbi Moses Löb Kohn s. A., der ein ungemein scharfsinniger, hochgelehrter und stürmischer Talmudist war, sich Anerkennung zu verschaffen. Seine bescheidene Natur half ihm dazu. Er lebte auch im besten Einvernehmen mit dem Oberrabbiner Samson Raphael Hirsch, mit seinem Meister und Lehrer Rabbi Salomo Quetsch und mit meinem Vater Doktor Meyer Feuchtwang s. A. Und als ich auf den Rabbinatssitz meines Vaters berufen wurde, begrüßte er mich, wie ein Vater den Sohn begrüßt. Und wie Brüder lebten wir nebeneinander. Noch schwebt mir seine ehrfurchtgebietende Gestalt vor, als er mir in der „Altschul" zu Nikolsburg den Abschiedssegen erteilte vor meinem Antritte des Wiener Rabbinates; dieses Bild muß jedem tief in der Seele leben, der es mitangesehen hat. Rabbi Josef Knöpfmacher hatte es sich nicht genügen lassen, reiche Kenntnisse auf dem Gebiete der Talmudwiffenschaft zu sammeln; mit besonderer Liebe pflegte er die Bibelauslegung und den Midrasch. Es soll nur nebenbei gesagt sein, daß er das ganze Buch der Psalmen wortwörtlich im Gedächtnis trug, wie er überhaupt ein trefflicher „Baal^Tenach" war; auch die profane Wissenschaft war ihm nicht fremd. Hatte er doch in Preßburg — wo er gerade eintraf, als der große Chatham Sofer s. A. in die Ewigkeit einzog — Gymnasialstudien betrieben. Es ist charakteristisch, daß s e i n e N e u s ch u l, in der er seinen Sitz und Predigtstuhl hatte, die erste in Nikolsburg war, die Chor einführte und den Almemor aus der Mitte nach vorne rückte, während die „Altschul" zu dieser letzteren Reform erst in dem Interregnum zwischen meines Vaters und meinem Rabbinate schritt. Leider! Denn die geradezu klassische Schönheit der Altschul hat dadurch nicht gewonnen. Rabbi Josef war in seinen Anfängen als Neuerer angefeindet. Man hat dann aber auch an Hirsch und meinem Vater gelernt, wie ein moderner Rabbiner, der durchtränkt und vollgesogen ist mit Weltbildung, auch auf dem Gebiete der klassischen, jüdischen Wissenschaft ein Heros zu sein vermag. Rabbi Josef waltete seines Amtes