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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-10-08 · 41 (8.10.1909) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
41 (8.10.1909)
Date
1909-10-08
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 41 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 703 tum in der Musik; Israel und Lieberman betonten das Rassenelement in der künstlerischen Produktion: Martin Ruber und andere Kunstforscher suchten das Wesen der jüdischen Kunst zu erfassen. Es ist zu erwarten, daß auch auf diesem Gebiete eine jüdische Zentralakademie fördernd wirken würde. Die Hauptwirksamkeit der Akademie liegt freilich mehr auf literarisch kulturellen Gebieten. Ein literarisches Programm. Da die Iabnehakademie keine Utopie ist, wenn auch -viel Zeit verstreichen sollte, bis sie Wirklichkeit werden wird, so gilt es. zu zeigen, welche reale Aufgaben ihrer auf geistigem Gebiete harren. Selbstredend ist hier nur von einem Versuche der Aufstellung eines Programmes die Rede, keineswegs von einem definitiven Programm. Ich will zuerst jene siebzehn Punkte bezeichnen, die ich bereits im Iahre 1902 dargelegt. 1. a) Die Bibelkunde, welche in früheren Zeiten bei den Iuden allgemein war und in unseren Tagen in Abnahme begriffen ist. soll durch Gründung von jüdischen Bibelgesellschaften, durch Pflege der Thora und Prophetenschriften in der Synagoge und Familie gehoben werden. b) Daß noch viel auf dem Gebiete der Bibelübersetzung geleistet werden kann, beweist das grobe Interesse, welches sich filr das poetische Werk M. A. Klausners und wissenschaftliche Bernfelds gezeigt hat. c) Ein Bibelkommentar, der das Wichtigste aus den alten und neuen, jüdischen und nichtjüdischen Kommentaren umfaßt, wird erwartet. Ein Anfang nach dieser Richtung ist gemacht worden; ein derartiger Kommentar sollte die exegetische, allegorische, homiletische und m y st i s ch e Schriftdeutung in ihrer Entwicklung klar legen und die ethischen und ethnischen Momente aufdecken, die in der Vibelwiss e n s ch a f t treibende Kräfte waren. 2. a) Die apokryphische Literatur müßte mehr erklärt, vertieft und verbreitet werden. Wenn dieselbe auch nicht mit der Bibel verglichen werden kann, so verdient sie dennoch nicht das Los, den meisten Iuden unbekannt zu bleiben. b) Die Kenntnis der philosophischen Schriften Philos und der historischen des Iosephus würde die Erkenntnis gebildeter Iuden läutern und vertiefen. 3. Da so manches Gelehrten werk der populären Nationalliteratur nicht einverleibt werden kann, wäre es angebracht, aus den Schriften der Halacha und der Targunim das Literarisch-nationale heraus zu suchen und für Gebildete, die nicht F a chgelehrte sind, zu verarbeiten. 4. Die hagadistischen Midraschim, wie die hagadistische Literatur überhaupt, sollten immer mehr Gemeingut aller werden. Bachers wunderbare Werke und die Uebersetzungen Wünsches erleichtern diese Aufgabe. 5. a) Der babylonische und palästinensische Talmud sollten einen Ehrenplatz in der Weltliteratur erringen. Es ist zweifellos, daß. wenn die chinesische Literatur den Europäern so leicht zugänglich wäre, wie es jetzt die talmudische ist, sie längst eine hervorragende Stelle in der Welt der allgemeinen Literatur inne hätte. Die talmudische Literatur ist durch die Arbeiten von Iesaia Pick, Eliahu Wilna, Hirsch Chaies, M. Straschun, Rabinovitz und besonders I. H. Weiß reif für die moderne Wissenschaft geworden. Wie der Koran seinen Ruhm nicht durch die Derwische erhalten, die denselben 30,000 mal gelesen, sondern durch dessen Erklärer und Uebersetzer, so wird der Talmud nicht durch diejenigen, die ihn heilig sprechen, zum Siege geführt, sondern durch Forscher wie Hoffmann, Schwarz und Dünner, Uebersetzer wie Banet und Goldschmid. b) Sehr nützlich wäre eine talmudische Biographie, welche das Leben aller, die in der t-almudffchen Welt eine größere oder kleinere, eine angenehme oder unangenehme Rolle gespielt, darstellt, während bis jetzt die Biographen sich auf einige berühmte Tanäiim und Amoräer beschränkt haben. Eine allgemeine Biographie müßte den Anforderungen der modernen Kritik entsprechen. Anfänge zu einer solchen Biographie sind schon in der amerikanischen Enzyklopädie gemacht worden. e) Eine jüdische Akademie würde auch versuchen, den Talmud zu systematisieren, dessen Inhalt in eine neue Form zu gießen. Die „monumenta judaica" sind auch ein Versuch nach dieser Richtung. cl) Es wäre vielleicht auch tunlich, den syrischen und aramäischen Teil der Talmude ins reine Hebräisch zu übertragen, was in bezug auf talmudische Sentenzen usw. auch geschehen ist. 6. Billige Ausgaben der p o e t i s ch e n und philosophischen Klassiker aus der arabisch-spanischen Epoche sind wünschenswert. 7. Die große Responsenliteratur sollte zu kulturhistorischen Zwecken erforscht werden. Nicht nur die Responsen der Gaonäer, mit welchen sich Sacharias Frankel und Kaminka befaßt, sondern auch alle anderen rabbinischen Gutachten, welche nach Hunderttausenden zählen, alle Länder umspannen, sich von den alten Zeiten bis in die Gegenwart ausdehnen, haben für unsere Geschichte und Literatur einen großen Wert. 8. P i l p u l. Diese originell-jüdische Dialektik sollte im Dienste der Geschichte logischer Irrtümer und der Völkerpsychologie studiert werden. Moritz Lazarus erkannte die Bedeutung einer solchen Studie. Die Erkenntnis der Eigenart des Pilpuls würde, wie ich glaube, die Psychologie jüdischer Feuilletonisten bereichern. 9. Alle Formen und Phasen der Kabbala, welche Forscher wie Franke, Iellinek, Bloch, Rubin, und andere mehr philosophisch und theosophisch behandelt haben, müßten als eine Philosophie der Fantasie, als eine eigenartige Verstandspoesie dargestellt werden. 10. a) Die Ethik und Homiletik, Geschichte und Sage des Chassidismus sind noch immer nicht vollständig Wissenschaftlich behandelt worden. b) Eine chassidäische Biographie würde nicht den Aberglauben fördern, sondern nur zeigen, daß der östlich-jüdische Volksgeist das Leben und Wirken großer Männer mit eigentümlichen Legenden zu schmücken weiß. In letzter Zeit haben ja Professor Schächter, Aron Marcus, Horodezki, Einzig usw. interessante Studien über den Chassidismus veröffentlicht und Martin Buber hat sich zum Apostel chassidäischer Legenden emporgeschwungen. Auch die in manchen Punkten berechtigten Einwürfe des Iesaia Hurwitz gegen die Aebertreibungen der P h i l o ch a s s i d i m können der Bewegung zur gründlichen Erforschung und künstlerischen Darstellung des Chassidismus keinen Abbruch tun. 11. Zur Ghettoliteratur müßte die poetische Schilderung des Chassidismus hinzu kommen. Der Iargondichter Peretz und der hebräische Schriftsteller Berditschewski haben vorbildlich gewirkt. Die größte Berechtigung hat vielleicht eine Darstellung, in der man merkt, daß der Verfasser nicht mehr „chassidimgläubig" ist, den Chassidismus überwunden hat und dennoch denselben zu Würdigen weiß und zu lieben vermag. Von dieser Art sind wohl meine Erzählungen aus dem Leben der Chassidim.

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