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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-10-01 · 40 (1.10.1909) · page 18

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
40 (1.10.1909)
Date
1909-10-01
Page
– (sequence 18)
Language
German
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«eite 634 Dl. Blvchs wuschen dre Wäsche ihrer Herren und Gebieter im Fluße, der aus der Oase hervorströmt. Weiber von allen Jahrgängen, rote, blaue, gelbe Kleider tragend, ein Kunterbunt, das sich von dem saftigen Grün der Oase im Hintergründe prächtig hervorhob. Die unverhüllten Gesichter und die Ungezwungenheit, mit der die Weiber uns anblickten, besagten, daß sie nicht Mohammedanerinnen sein konnten. In der Tat waren es Jüdinnen, die jungen unter ihnen sogar sehr hübsch. Nach Leibeskräften schlugen sie mit Schlägern aus Palmenholz auf die Wäsche, die auf großen Steinen, im Fluße lag, als steckten ihre Besitzer selbst darin und als wollten sie auf diese selbst für irgend eine Untreue losdreschen. Ringsum spielten zahlreiche Kinder, nur dürftig mit Hemdchen bekleidet, vielleicht selbst schon ein winziges Brüderchen oder Schwesterchen auf dem zarten Rücken tragend. Jenseits begann die Stadt mit ihren niedrigen, nach arabischer Art gebauten Häusern, ohne Fenster nach außen. Die Türen standen offen. Die inneren Hofräume sind gewöhnlich mit Arkaden umgeben, deren Säulen vielfach aus den Ruinen der altrömischen Stadt Tacapes stammen. Sie bilden einen bequemen Steinbruch für die heutigen Oasenbewohner. Es war Frühjahr, kurz vor dem großen Passahfest, und die Juden waren emsig damit beschäftigt, sich durch große Reinigung ihrer Wohnungen darauf würdig vorzubereiten. .Der ganze Hausrat stand in den Höfen und die Frauen wuschen und scheuerten, daß es eine Freude war. Die jungen Mädchen trugen weite faltige Beinkleider, cm den Knöcheln zusammengebunden und darüber ein bis zu den Hüften reichendes Hemd, das dichte rabenschwarze Haar in ein buntes Kopftuch geflochten. Schon an der ersten Straßenecke kam ich zu einer..Synagoge, deren es in Menzel! wohl über ein Dutzend geben mag. Das Tor, unmittelbar in das Innere führend, stand offen. Rings um die Holzfäulen welche die Decke tragen, ebenso wie an den Wänden, flehen breite Bänke mit geflochtenen Matten aus Halfagras bedeckt. In einer Ecke, von den durchs Fenster eindringenden Sonnenstrahlen hell erleuchtet, kauerte ein uralter . Jude und sagte den kleinen Jungen, die um ihn mit verschränkten Beinchen auf den Matten saßen, Talmudsprüche in hebräischer Sprache vor. Die Jungen mußten sie wiederholen, indem sie den Oberkörper auf und nieder bewegten. Klappte es bei einem Talmudschüler nicht, stracks flog das Stückchen des alten Lehrers auf seinen Rücken, und er war so eifrig bei der Sache, daß er die fremden Zuseher gar nicht zu bemerken schien. Im Sanktum standen geschriebene Gebetrollen, die nach Angabe des Rabbiners, der bald zu uns trat, aus Tripolis stammen. Seine Kleidung war die gleiche wie die der anderen Juden. Während ihre arabischen Mitbewohner in der Oase in lange weiße Burnusse gehüllt sind, deren Kapuze auch die dunklen Köpfe umrahmt, tragen die Juden hier dunkle, faltige Pluderhosen, die bis an die Waden reichen, Strümpfe und Pantoffeln. Ein bis an den Gürtel reichendes Jäckchen bedeckt den Oberkörper, und um die charakteristffchen Köpfe haben sie ein dunkles Tuch geschlungen. Auf dem Marktplatz herrschte reges Leben. Fast alle Inhaber der Buden unter den Arkaden, welche diesen interessanten Platz umgeben, sind Juden. Sie verkaufen die Produkte des Abendlandes, die sie von der Hauptstadt Tunis oder von Sfar beziehen, ebensogut wie die Oasenprodukte. In Säcken, Korben, Urnen sind hier Getreidekörner aller Art; an den Wänden hängen in langen Kelten rote Pfefferschoten, das Lieblingsgewürz der mohammedanischen Einwohner. Pfefferschoten auch m flachen Körben aufgehäust, als Girlanden über Wochenschrift. Nr. 40 den Kaufläden gezogen. Das Hauptprodukt der Oase, Datteln, ist massenhaft in Säcken aufgespeichert oder, zu Brei zerquetscht, in Ziegenhäuten. Auf dem Boden des Platzes liegen ganze Haufen von riesigen Bananenbüscheln, mitunter bis achtzig Früchte auf einem Stengel, prächtige dunkelrote Granatäpfel, Feigen, Orangen, Zitronen, Pistachen, dann in Körben zerkleinerte Hennablätter, mit deren Abguß sich die arabischen Frauen und auch wohl manche unter den Judenmädchen die Fingernägel und Handflächen schön orangegelb färben. Dutzende von Dromedaren liegen mit gefesselten Vorderbeinen auf dem Boden, riesige Brennholzbündel auf dem Rücken, wohlhabende Araber kommen auf schönen Eselchen des Weges geritten, um Einkäufe zu besorgen oder ihre altspanischen Dublonen bei den Straßenwechslern .in neue französische Frankstücke .einzuwechseln: jüdische Knaben verkaufen die männlichen Blütenstengel der Palmen, die zum Bestäuben der weiblichen benützt werden, denn ohne Bestäubung geben die weiblichen Palmen keine Früchte. Auf einen Palmenhahn entfallen durchschnittlich hundert Palmenhennen. Auch die Produkte der eigenen Hausindustrie werden von den jüdischen Händlern hier und in den anstoßenden Straßen verkauft. Da gibt es Goldschmiede mit umfangreichem Goldschmuck in ihren Läden, denn die Jüdinnen behängen sich an Festtagen, wie Hochzeiten, religiösen Festen usw., für ihr Leben gerne mit möglichst großem Schmuck. Dafür arbeiten sie an gewöhnlichen Tagen emsig an hübschen Teppichen, Decken und Stoffen. Dem Marktplatz nahe wohnt der Oberrabbiner der ganzen Gemeinde, ein sehr würdiger Herr. Er saß gerade unter der Veranda seines Hofes, als wir ihn besuchten, und aß sein Fleisch, das seine Frau auf ein fußhohes. Tischchen vor ihn stellte. In Menzell, wie überall ' unter den orthodoren Juden Nordafrikas speist der Herr der Familie stets allein und seine Frau mutz ihn bedienen. Die patriarchalischen Sitten sind auch sonst noch wohl erhalten, der jüngere Bruder muß dem älteren gehorchen, die Schwester dem Bruder, die Witwe dem ältesten Sohn. Die Eltern verheiraten ihre Kinder noch immer, ohne daß diese einander kennen, überhaupt noch gar nicht das Alter der Reife erreicht haben, und gewöhnlich wird das ganze Geschäft durch einen Vermittler zum Abschluß gebracht. Ehen unter nahen Verwandten kommen häufig vor, aber geheiratet muß unter allen Umständen werden. Junggesellen werden nicht geduldet und das Zölibat wird als Schande betrachtet. Das junge Ehepaar wohnt im Elternhause des Bräutigams. Leider reichen trotz allem Fleiß gewöhnlich die Mittel nicht aus, und so leben die Juden von Menzell durchschnittlich in großer Armut, Wasser ist im Gabesfluß mit seinen, die ganze Oase durchziehenden Bewässerungskanälen massenhaft vorhanden. Jede der Viertelmillion Palmen steht im Wasser, jeder Grashalm, jeder Busch wird genetzt, nur die Menschen tun es an sich selbst nicht. Die Wohnungen sind eng, dumpfig und ebenso schmutzig wie die Menschen. Dabei sind sie, wie mir der Controleur des Distriktes erzählte, jedem modernen Fortschritt abhold und hängen mit merkwürdiger Zähigkeit an ihrem Judentum, das sie durch die europäische Kultur zu verlieren fürchten. So gibt es beispielsweise in Menzell mehrere französische . Schulen, aber die alten Juden verbieten ihren Kindern und Enkeln den Besuch und ich fand nur mohammedanische Kinder als Schüler. Selbst die Alliance Jsxaelite hat es vergeblich versucht, sie zum Besuch ihrer eigenen jüdischen Schulen zu bewegen. Stolz auf ihr Judentum, betrachten sie es als Ehrennamen, wenn Mohammedaner sie als Dschihudi bezeichnen und sind höchst

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